Andreas Trogisch “Runway”

Andreas Trogisch. Runway. (Doppelseite)
Andreas Trogisch. Runway. (Doppelseite)

Es klingt ein wenig größenwahnsinnig. Ein Buch, das nichts weiter zeigt als eine riesige weiße Markierungslinie auf Asphalt, die Andreas Trogisch mit seiner Kamera minutiös „abgescannt“  und in zahlreichen Bildern schließlich zusammenmontiert hat. Genauer gesagt: der 12. Streifen der Start- und Landebahn 09R/L27 des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Der Streifen ist 90 cm breit und 30 m lang. Im Buch beträgt seine Länge im verkleinerten Maßstab immer noch 13,20 m. Größenwahn?  Wenn ein derartiges Projekt von dem Fotografen Andreas Trogisch kommt, der wunderbare Vorgänger-Bücher gemacht hat und ganz sicher nicht an einer ausgeprägten Hybris leidet, kann man allerdings Besonderes erwarten.

 

Andreas Trogisch. Runway.
Andreas Trogisch. Runway.

 

Der Fotograf nimmt sich die Freiheit, uns auf Dinge zu stoßen, die wir überhaupt nicht fähig sind, noch selbst zu erkennen. Er hat mit seinen Fotos nicht in erster Linie ein „Bedeutenwollen“ im Sinn. Seinen suggestiven Arbeiten überlassen wir uns als Betrachter nur allzu bereit. Schon in seinem Debüt, dem Mappenwerk „Desiderata“, gab es eine Serie mit dem Titel „Asphalt“, in dem Andreas Trogisch seinen Blick ausschließlich auf den Boden gerichtet hat: gar nicht nüchtern, sondern fast ein wenig rauschhaft ist die Wirkung der dort vorgeführten Flecken, Risse, Markierungen, die ein seltsames Eigenleben entwickeln. In dem neuen Buch „Runway“ wird das nun auf die Spitze getrieben: Da schaut man auf einen einzigen (Foto-)Streifen, der die Doppelseiten formatfüllend einnimmt und beim Umblättern fortgeführt wird. Der Flughafen ist lange aufgegeben, das Gelände wird als Berliner Stadt-Park genutzt. Die einst perfekte weiße Linie erodiert. Man erkennt die noch übriggebliebenen Spuren des früheren Flugbetriebs; durch Witterungseinflüsse sind Risse entstanden; der Abrieb von Fahrradreifen und Skateboards auf der täglich genutzten Strecke hat die einst widerstandsfähige Farbe „bearbeitet“. Die weiße Fläche verschwindet mehr und mehr, gleichzeitig treten so Texturen hervor, anmutig und melancholisch, die Rätselhaftigkeit in sich bergen.

 

Andreas Trogisch. Runway. (Cover)
Andreas Trogisch. Runway. (Cover)

 

Das Buch hat keine Vorderseite und Rückseite, sondern zwei gleichberechtigte Siebdruck-Cover: 09L und 27R. Erkennungszeichen für Landebahnen. Das Buch lässt sich von vorn nach hinten und umgekehrt lesen, oder besser gesagt, von Westen nach Osten, und durch eine 180°-Wendung von Osten nach Westen. Das korrespondiert mit der jeweiligen Start- und Landerichtung. „Runway“ ist eine wunderbar abstrakte Arbeit, die ihre Entsprechung in einer sehr ausgeklügelten Gestaltung findet. Interessenten sollten sich übrigens beeilen: die Auflage beträgt gerade mal 90 Exemplare.

Andreas Trogisch: Runway. Peperoni Books, 2015. Gestaltung: Troppo Design, Berlin. 30 × 40 cm, 42 Seiten, japanische Klebebindung, Hardcover mit Siebdruck. Mit einer Textbeilage. ISBN 978-3-941825-36-9. Nummeriert und signiert. Euro 98,00

Das Buch ist noch nicht erschienen, kann aber vorbestellt werden: www.25books.com

Weitere Infos auch unter: http://troppodesign.de/news/

Peter Lindhorst

 

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