Bertien van Manen Let’s sit down before we go

7.2.12 Von 1991 bis 1994 reiste die niederländische Fotografin Bertien van Manen kreuz und quer durch Osteuropa, um die conditio humana innerhalb eines politischen Systems, das sich in einer heftigen Umbruchphase befand, zu dokumentieren. Ihr gelang es, Bilder absoluter Wahrhaftigkeit zu schaffen, indem sie fast seismographisch die Stimmungslage jener Menschen festhielt, deren Weltsicht von einem Aufbruch in eine ungewisse Freiheit bestimmt war. War das Verhalten der Bewohner hinter dem Eisernen Vorhang zuweilen von Misstrauen und Furcht konditioniert, entluden sich in ihrer fotografischen Serie diese Abschottungstendenzen in entwaffnende Offenheit. Das wunderbare Buch „A hundred summers, a hundred winters“ entstand daraus und präsentierte enge Umarmungen, zerknitterte Laken oder Familienfeste zu fortgeschrittener Stunde. Bertien van Manen hielt mit ihrer einfachen, analogen Kamera das Private in und außerhalb der Wohn- und Schlafstuben fest, ohne jemals unangenehm voyeuristisch zu werden. Das setzt sich auch in ihrem jetzigen Buch mit alten sowie neueren Arbeiten fort. Fast möchte man von einem „A hundred summers, reloaded“ sprechen!

Bertien van Manen: Let’s sit down before we go

„Let’s sit down before we go“ beschreibt eine russische Gepflogenheit, ein letztes Mal mit Familie und Freunden zusammenzukommen, bevor man eine längere Reise antritt. Titel und Inhalt bilden einen Antagonismus. Hier sind die Reisen der niederländischen Fotografin retrospektiv aufgearbeitet. Die Auswahl von Ansichten aus Osteuropa, in die an einer Stelle Bildmaterial aus New York eingefügt ist, wirkt thematisch äußerst kohärent. Genauso wenig wie lokale Unterscheidungen zu machen sind, gelingt eine chronologische Festlegung, obwohl die jüngsten Bilder erst 2009 entstanden sind.

Bertien van Manen: Let’s sit down before we go

Das Buch imitiert mit seinem schlichten Leineneinband und abgerundeten Ecken eines jener Fotoalben, wie man es wahrscheinlich auch in vielen der von ihr dokumentierten Haushalten finden könnte. Auf dem Leinen befinden sich Schlieren, Kratzer, Gebrauchsspuren. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich diese als Silhouetten eines auf den Leinen gedruckten Vorhangs. Wer das Album öffnet, „den Vorhang lichtet“, fühlt sich umgehend vom Intro provoziert. Die ersten Bilder sind völlig überbelichtet. Durch das Zuviel des Blitzlichts wirkt das Gesicht eines Mannes wie ausradiert, ein nacktes Kleinkind ist wie aus dem Bild ausgeschnitten. Überbelichtete, manchmal auch merkwürdig verblasste Fotos als bewusst gesetztes Stilmittel bringen den Betrachtungsfluss zum Stocken und geben somit einen Rhythmus vor.

Bertien van Manen: Let’s sit down before we go

Nachdem Bertien van Manen ihr Bildmaterial für ein mögliches Buch gesichtet hatte, schickte sie dem Fotografen Stephen Gill eine Auswahl mit der Bitte um eine Beurteilung. Gill, der in der Vergangenheit durch die radikale Konzeptionierung seiner eigenen Bücher auf sich aufmerksam gemacht hat, forderte alle Fotos an. Daraus schuf er eine konzentrierte Auswahl von Bildern, für die er eine bestimmte Abfolge kreierte. Das schlichte Layout, die radikale Informationsbeschränkung (an einigen Stellen wünschte man sich eine Legende), die rohe Beschaffenheit des Bildmaterials, das fordert den Widerspruch und macht gleichzeitig die Auseinandersetzung mit dem Buch überaus anregend. Bertien van Manen bleibt nie am Klischee hängen, vermeidet jegliche Verkitschung, wenn sie Menschen und Situationen schildert. Eine Frau liegt in einem roten Badeanzug zwischen hohen Gräsern und scheint sich weit weg zu träumen. Eine Familie steht barfuß in einer Schneelandschaft und lächelt schüchtern in die Kamera. Bertien van Manen sagt: “Ich muss die Leute mögen, wenn ich sie fotografiere. Ich muss mich angezogen fühlen, eine Faszination spüren.“ Melancholische Schwermut, wie in so vielen Arbeiten über Osteuropa gesehen, tritt hinter eine Leichtigkeit des Erzählens, denn die Fotografin ist eine großartige Beobachterin und ringt den Menschen und ihrem Alltag Magisches ab. Peter Lindhorst

Bertien van Manen: Let’s sit down before we go. 104 S. 96 Farbtafeln. London 2011. Mack Books. ISBN 978-1-90794612-7. 35,00 Euro

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