Bieke DepoorterOu Menya

Bieke Depoorter. Ou Menya

1.5.12 Jemand, der Ihre Sprache nicht beherrscht, hält Ihnen folgenden Zettel unter die Nase: „Ich suche einen Schlafplatz für die heutige Nacht. Kennen Sie jemanden, der vielleicht ein freies Bett oder Sofa hat? Ich stelle keine großen Ansprüche und meinen Schlafsack habe ich dabei. Ich möchte nicht in einem Hotel übernachten, weil ich wenig Geld habe und weil ich sehen möchte, wie Menschen hier leben. Darf ich bei Ihnen schlafen? Vielen Dank für Ihre Hilfe!“ Und wie reagieren Sie?

Bieke Depoorter. Ou Menya

Genau diese ungewöhnliche Form der Kontaktaufnahme praktiziert die junge, aus Gent stammende Fotografin Bieke Depoorter, als sie drei längere Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn unternimmt. Immer und immer wieder steigt sie an einer der 400 Stationen aus, die die längste durchgehende Schienenverbindung der Welt säumen. In ihrem Reisegepäck befindet sich außer der Kamera nur das Notwendigste, darunter jener Zettel mit dem Text, den ihr jemand im Vorfeld ihrer Unternehmung notiert hat. Den wildfremden Bewohnern der abgelegenen Dörfer hält sie die geschriebene Bitte entgegen und wartete ab, was passiert.

Es bedarf einer gehörigen Portion Mut, sich auf das Ungewisse einzulassen. Während viele ihrer Studienkollegen ein Konzept für ihre Fotografie erarbeiten, an dem sie sich eng entlang hangeln und mit dem sie alle Eventualitäten zu beherrschen versuchen, geht die Fotografin für ihre Abschlussarbeit an der Akademie den entgegengesetzten Weg. Alles Geplante, alles Voraussehbare soll vermieden werden. Es gilt, die eigenen Hemmungen zu überwinden, um kurze, intensive Kontakte herzustellen, auch wenn man keine gemeinsame Sprache spricht.

Und wie sind die Reaktionen? Tatsächlich hat sie fast immer Erfolg. (Wenn nicht, steigt sie in den Nachtzug und übernachtet in einem Abteil). Leute nehmen sie mit zu sich heim, dort, wo schon mehrere Familienmitglieder auf engem Raum zusammenwohnen. Freigiebig teilen sie ihren Besitz mit der Fotografin. Das bedeutet für sie ein Plätzchen auf dem harten Boden, auf dem umfunktionierten Wohnstubensofa, manchmal gibt es sogar ein Bett im eigenen Zimmer.

Ou Menya heißt auf Russisch so viel wie „Bei mir“ und erzählt von familiären Alltagssituationen, in die Fotografin wie selbstverständlich für einen kurzen Moment eingebunden ist. Die Menschen lassen es sich nicht nehmen, ihre Gastfreundschaft unter Beweis zu stellen. Immerhin kommt es nicht so oft vor, dass sich jemand in die entlegenen Ecken jener ökonomisch abgehängten Regionen verirrt. In der Wärme der Stube bittet man den Gast an den Tisch, es ist spät am Abend, die Stimmung ist ausgelassen und leicht wodkageschwängert, Anekdoten werden zum Besten gegeben. Bieke Depoorter entscheidet, wann die Gelegenheit günstig ist, um zu fotografieren. Es gibt Situationen, da bleibt die Kamera in der Tasche. Meist ist es aber jener spezielle Moment, bevor man zu Bett geht, den die Fotografin nutzt. Eine Frau im Nachthemd kehrt uns den Rücken und macht sich vor einem Spiegel bettbereit. Ein junger Mann wirft sich auf sein Bett, ein anderer raucht eine letzte Zigarette.

Bieke Depoorter. Ou Menya

Das Buch gibt Zeugnis ab von der zeitlich limitierten Teilhabe an der Alltagsexistenz fremder Menschen, die sich zwischen privatem Glück und gesellschaftlicher Perspektivlosigkeit bewegt. Es sind vor allem die Kinder, die den fremden Gast neugierig anblicken, vor der Kamera posieren, während andere Familienmitglieder in völliger Ungezwungenheit ihre alltäglichen Aufgaben verrichten. Familiäre Szenen wechseln sich ab mit Fotos karger Interieurs: Mal sieht man einen laufenden Fernseher in der Ecke, mal ein Sofakissen, dann ein Foto an der Wand oder eine Schlafecke. Depoorters Fotos erzählen von den kleinen Dingen, aber das tun sie mit einer großen Unmittelbarkeit. Mit Verve hält die Fotografin die Intensität der Kurzbegegnungen, das Intime des familiären Innenlebens in einer rauen, grobkörnigen Ästhetik fest. Sie weiß ganz genau, was sie tut, welchen Ausschnitt sie wählen muss, um das fröhliche Chaos der Wohnzimmer zu erfassen. Als Betrachter hat man so das Gefühl, im Tohuwabohu mittendrin zu stecken.

Buchcover: Ou Menya

Die großartige Serie, die in manchen Momenten an Bertien van Manens „A hundred summers, a hundred winters“ erinnert, wurde kurz nach Erscheinen mit dem HP Expression Award der Agentur Magnum ausgezeichnet und vor kurzem in der Kunsthalle Rotterdam gezeigt. Depoorter, die gerade in die Joop Swart Masterclass berufen worden ist, arbeitet derzeit schon an einem neuen Projekt namens “I am about to call it a day“, in dem sie mit dem gleichen Ansatz durch die USA reist. Erste, verheißungsvolle Fotos lassen sich auf ihrer Website betrachten. …Und wie hätten Sie nun eigentlich reagiert? Peter Lindhorst

Bieke Depoorter. Ou Menya. 128 S. mit 57, überwiegend doppelseitigen Farbfotos. Pb. ISBN 9789020992137. Tielt, 2011. Verlag Lannoo. 34,99 Euro.

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