Christopher Capozziello. The Distance Between Us

Dieser Blick lässt einen nicht los. Er gräbt sich tief ins Gedächtnis. Augen, so unendlich traurig und müde. Es ist der Moment nach dem Martyrium einer weiteren schweren Operation, die Nick hat über sicher ergehen lassen. Mit einer bizarren Schutz-Ummantelung um seinen Kopf blickt er uns an.

Chris Capoziello. The distance between usMich beeindruckt Chris Capozziellos Ausdruckskraft, die Unbestechlichkeit, mit der er etwas festhält und die gleichzeitig spürbare Ambivalenz der eigenen Arbeit gegenüber. Er versucht, den Zweifel, die Ohnmacht, das nicht Kontrollierbare in sich selbst unter Kontrolle zu bringen, in dem er fotografiert.

Chris und Nick sind Brüder, sie sind Zwillinge. Nick ist derjenige, der als zweiter das Licht der Welt erblickt und bei der Geburt nicht genug Sauerstoff erhält. Die schlimme Konsequenz: er leidet an Bewegungsstörungen, immer wieder treten bei ihm spastische Anfälle auf, die lange andauern können. Der medizinische Terminus dafür: infantile Zerebralparese. Diese macht Nick die einfachsten Dinge schwierig: Essen, Sport, einen Job finden, Autofahren lernen, eine Freundin haben. Für Chris ist das Schwierige, der große Bruder zu sein und genau diese Erfahrungen machen zu können, die oft außerhalb des Horizonts von Nick liegen. Nick sehnt sich nach ganz selbstverständlichen Dingen. Und das schmerzt Chris umso mehr.

Chris Capozziello - The Disttance between us

Der “Ältere” kümmert sich viel um seinen Bruder. Er wohnt nah am Elternhaus, wo Nick noch stets lebt. Sie sind häufig zusammen, manchmal gehen sie gemeinsam aus. Es gibt heitere Momente: Nick, einen Stetson auf dem Kopf, singt in einer Karaoke-Bar mit einem Mädchen im Duett. In einem anderen Bild sieht man ihn tanzend mit einer hübschen Frau namens Rachel. Doch manchmal enden solche Ausflüge früher als geplant: Nick kriegt Krämpfe. Seine Körperhaltung ändert sich bei einem spastischen Anfall. Chris sagt: „Noch bevor der Körper starr wird, kann ich es an seinen Augen sehen, die Art, wie er mich langsam ansieht und dann zur Seite blickt. Dann verwandelt sich mein Bruder in einen jüngeren, abhängigen Bruder.“

Chris martert sich mit den immergleichen Fragen: Warum muss der Jüngere abhängig sein? Warum geht es manchen besser als anderen? Warum wird man geboren mit Unzulänglichkeiten und Behinderungen? Ist es ein Schicksalsschlag, eine Laune der Natur?

The distance between us

Er findet keine Antworten. Also macht er das, was ihm am vertrautesten ist: er nimmt seine Kamera und beginnt zu fotografieren. Fotografie ist sein Surrogat, um jene Dinge auszudrücken, für die ihm die Worte fehlen. Chris Capozziello ist ein Fotograf, Mitbegründer des Kollektivs AEVUM, dessen Fotos in den großen amerikanischen Magazinen und Zeitungen erscheinen. Seine Arbeiten sind mit unzähligen bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Immer wieder versenkt sich der amerikanische Fotograf in schwierige, sehr zeitintensive Themen: der Ku-Klux-Klan, die Geschichte einer Krebserkrankung, Neonazis in den USA.

Chris Beziehung zu Nick, die Geschichte seiner Familie, ist das Sujet, das ihm am meisten abverlangt. Als Betrachter spürt man unmittelbar: es ist vor allem die eigene Geschichte, die aus ihm raus und erzählt werden will. Über 10 Jahre arbeitet er an ihr und sie wird nie fertig erzählt sein. Sie ist eine Geschichte voller Fragen, voller Zweifel, voller Zuversicht und Traurigkeit, intim, heiter–leicht, dann plötzlich unendlich schwer und dunkel für Chris, für die Eltern, zuallererst aber für Nick, wenn dieser wieder eine Operation vor sich hat. Das Bangen, die Hoffnung – wie wird es weitergehen?

Die Geschichte von Chris und Nick, die letztes Jahr beim Lumix-Festival ausschnittsweise zu sehen war und dort mit dem Lammerhuber Award ausgezeichnet worden ist, ist jetzt in eben genau jenem Verlag als Buch erschienen. In dem großformatigen, aufwendig gemachten Band kann sich der Betrachter die Geschichte ausführlich erzählen lassen. Dabei werden die Fotos von sehr persönlichen Texten von Chris begleitet. Diese Notizen, die von hoher literarischer Qualität zeugen, nehmen dem Leser den Atem. Am Ende kommt eine –im Zusammenhang mit Fotografie mutet dieses Adjektiv seltsam an- weise Erkenntnis heraus: nicht ständig nach dem Warum zu fragen, sondern danach, was noch alles Gemeinsame in der Zukunft entstehen könnte.

Und tatsächlich machen sie eine Reise, bei der Chris seinem Bruder an Plätze in den USA führt, die dieser noch nicht kennt. Der zweite Teil des Buches erzählt ein neues Kapitel der Brüdergeschichte. Es ist ein Trip quer durch die USA mit dem Auto, voller Vergnügtheit und am Schluß mit ein wenig Heimweh verbunden. Chris verzichtet auf sein übliches Equipment und fotografiert die gemeinsamen Erlebnisse mit dem iPhone, was perfekt die Unbeschwertheit und Flüchtigkeit eines fotografischen Roadmovies widerspiegelt. Das Abschlusskapitel weist noch einen weiteren Blick bzw. eine ganz eigene Ästhetik aus. Es ist Nick, der den fotografischen Dialog aufnimmt und die gemeinsame Reise mit einem iPod festhält. Was hatte Chris der Arbeit vorangestellt?  “Ich möchte, dass Sie meinen Bruder kennenlernen.” Am Ende fühlt man sich Nick ganz nah. (Peter Lindhorst)

Foto: Nick Capozziello
Foto: Nick Capozziello

Christopher Capozziello. The Distance Between Us. Edition Lammerhuber. Wien, 2013. ISBN 978-3-901753-61-9. 208 Seiten, 160, teils doppels. Fototaf., 24 x 30 cm, Hc. 59,00 €

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