Danila Tkachenko. Escape.

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Abkehr. Rückzug. Weltflucht. Sie lassen die Schrecken, das Ungemach der Vergangenheit hinter sich und suchen sich einen Platz in der Wildnis. Sie verschwinden hinter dem dichten Astwerk des Waldes, um dort eins zu werden mit der Natur. Aber sie sind keine Hippie-Romantiker mit der Maxime “Back to the Nature”, sondern radikale gesellschaftliche Verweigerer.

Danila Tkachenkos großartiges Buch “Escape” lässt sich Zeit, um die Geschichte dieser Einzelgänger zu erzählen. So wird das Buch zunächst mit zahlreichen Doppelseiten eingeleitet, die ausschließlich Orte undurchdringlichen Gehölzes zeigen. Der Wald wird für den Betrachter fast automatisch zur Projektionsfläche, die er unmittelbar mit ihm bekannten Mythen, eigenen Sehnsüchten, manchmal auch Unbehagen anfüllt. Bevor uns etwaige Gedankenschwere beim Betrachten der scheinbar unberührten Orte des Waldes erfasst, schält sich aus dem Dickicht ein hagerer, älterer Mann, der uns misstrauisch entgegenblickt. Es ist einer von zahlreichen Einsiedlern, die der Russe Danila Tkachenko irgendwo in den Wäldern Russlands aufgespürt und porträtiert hat.

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Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar.” Der das sagt, ist nicht einer, den Tkachenko im Wald getroffen hat. Es ist der große amerikanische Schriftsteller David Thoreau. 1845 zieht sich dieser in die einsamen Wälder Massachusetts zurück, um in einer Art Selbstexperiment ein Leben mit der Natur zu erproben. In seinem berühmten Buch “Walden” analysiert er zugleich die industrialisierte Gesellschaft der jungen USA, indem er selbst etwas von ihr abrückt. “Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war” – mit einer solchen Aussage könnte Thoreau jedoch als Pate gelten für die von Tkachenko präsentierten müden Zivilisationsflüchtlinge, die sich tief in die Wälder, weit entfernt der Städte, verkrochen haben. Die Porträtierten, die wir vorgeführt bekommen, wirken so unterschiedlich wie die Motive ihres Eskapismus, von denen man am Ende des Buches mehr erfahren kann. Die dort protokollierten Aussagen sind von einem tiefen Ekel vor den gesellschaftlichen Verhältnissen und zugleich von einem moralischen Rigorismus durchzogen. Daneben sind es sehr konkrete persönliche Beweggründe, alles Gesellschaftliche hinter sich zu lassen: Reue für einen begangenen Mord, der Tod der Partnerin, beruflicher Misserfolg etc.

Der russische Fotograf, der für die Serie in diesem Jahr mit dem World Press Award ausgezeichnet wurde, gibt Einblick in das schlichte Leben der Aussteiger, die bekunden, maximale Freiheit in der Natur zu verspüren. Danila Tkachenko erzählt auch von den Herausforderungen, dem Kampf ums Überleben in einer Natur, die nicht interessiert ist am Schicksal ihrer Bewohner, sondern allein ihren eigenen Regeln folgt. Er zeigt uns getarnte Hütten, Höhlen, Erdlöcher, alle überaus schwer auffindbar an abgelegenen Orten. Feuerstellen, ein kleiner Garten, eine ägyptische Pharaonengestalt aus einem Stamm geschnitzt. Ein Gewehr, das in einer geöffneten Kiste liegt. Mit wenigen Bildern zeichnet der Fotograf den Kontext.

klein_escape_4Als Betrachter des Buches fragt man sich immer wieder, wie er die scheuen Leute aufgespürt haben mag und mit welcher Überzeugung er diese zu einem Porträt überreden konnte. Der Fotograf selbst lässt uns darüber im Unklaren.

Ein Mann verbirgt das Gesicht in seinen Händen, ein anderer hat sich eine Art Kopfbedeckung aus Haferähren geschaffen und bildet damit eine perfekte Mimikry. Andere Bewohner des Waldes gerieren sich offener. Aber die Blicke sind hart, geprägt von den Herausforderungen des Durchhaltens in der Natur. Einmal sieht man ausgestreckte Hände auf einem Baumstumpf. Die Endglieder beider Zeigefinger fehlen. Später erfährt man den Grund: nachdem dem Mann im Winter die Finger abgefroren sind, hat er sie sich abgehackt. Es geht ums nackte Überleben. Konterkariert werden solche Bilder mit Szenen verführerischer Idylle: Ein Mann, nackt, springt von einem Steg in einen See. Auf einem umgekippten Baumstann liegt ein anderer Mann und schläft, im völligen Frieden mit der Mutter Natur. Eine märchenhafte Szene.

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In einer Welt, die uns mit ihrem Komfort zuweilen erdrückt, wächst das Bedürfnis nach elementarer Herausforderung. Einfach in der Natur aufzugehen, ein archaisches Leben zu führen, wird zur verlockenden Vorstellung. Im letzten Bild zieht sich eine unauffällige Linie, die aus Steinen geschaffen worden ist, durch den Wald. Diese ist wohl dafür da, einem Waldbewohner Orientierung zu bieten. Für den Betrachter wirkt sie wie eine Demarkationslinie, die unsere komfortablen, von Routinen bestimmten Existenzen von den ihrigen trennt. Diese Linie wirklich zu übertreten, ist eine radikale Herausforderung mit fundamentalen Folgen. (Peter Lindhorst)

Danila Tkachenko. Escape. Peperoni Books. ISBN 978-3-941825-63-5. Berlin, 2014. 120 S.  mit 44 Farbtaf. 29,5 x 23,5 cm, geb., 40,00 €

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