David Lynch. The Factory Photographs.

(1) Press Image l David Lynch, Untitled (Lodz), 2000

Warum muss ich ausgerechnet an eine Pralinenschachtel bei dem neuen Buch von David Lynch denken? Liegt vielleicht an der sepia-farbenen Verpackung und der goldenen Aufschrift. Eine kleine Serie mit Bildern, die in Rauch eingehüllte Fabrikgebäude und einen trüben Himmel zerschneidende Elektroleitungen zeigen, bildet den Auftakt. Dann ein Interview mit dem Künstler, ein beigefügtes Porträt, einige Zeichnungen – das alles ist mir einen Tick zu gefällig, zu zuckersüß. Spätestens dann, wenn auch noch eine Liste mit Zitaten des Maestros beigefügt wird.

Das großformatige Coffeetable-Buch präsentiert eine Überfülle von SW-Arbeiten, und ich muss aufpassen, die richtige Dosierung zu finden. Hier noch ein zersprungenes Fenster und dort eine weitere Kabelleitung. Es ist wie mit besagten Pralinen: man kann schnell genug davon kriegen. In einem erläuternden Begleittext über Lynch wird die seinen Bildern innewohnende Besonderheit herausgestellt: “They have a mood”.

Untitled (Lodz), 2000, © David Lynch
Untitled (Lodz), 2000, © David Lynch

Genau das ist es eigentlich, wofür ich David Lynch schätze. Und das ist es, was er in seinen Filmen einlöst, auch seinen späten, die immer erratischer werden und sich einer Erzähllogik total entziehen. Dennoch hält mich die Atmosphäre, erzeugt durch den klugen Einsatz seiner filmischen Mittel wie Ton, Schnitt etc. in ihrem Bann. Lynch kann meinetwegen Filme machen, die von der Kritik zerrissen werden (sein letzter Film Inland Empire etwa kam nicht gut weg). Ist mir völlig egal, es geht mir mit seinen Filmen wie in der Eingangsszene von “Wild at heart”. Wenn ein Streichholz  -in Großaufnahme- die Leinwand in Brand versetzt, werde ich als Zuschauer gleich mitentflammt.

Das Lynch-Universum in seinen Fotos  in der hier vorgestellten Serie ist klar umrissen: Es besteht aus leerstehenden Fabriken, verödeten Produktionshallen, stillgelegten Maschinen, Schornsteinen, kaputten Fensterscheiben, Gittern, abgeschnittenen Stromkabeln,  rostigen Rohren, bröckelndem Putz, Schaltkästen usw. Die Abwesenheit alles Menschlichen durchweht diese Szenen. Der Raum, einst von Menschenhand gestaltet, wird durch den Lauf der Zeit in seinen Urzustand rückversetzt, spätestens dann, wenn die Pflanzen vor den Fenstern sich diesen zurückerobern. Von 1986 bis 2000 sind die fotografischen Arbeiten entstanden, in Lodz, Berlin, New Jersey, New York und einigen nicht näher benannten Industriestädten Englands, die jetzt erstmals veröffentlicht werden in dem umfangreichen Band “The Factory Photographs”, der eine  Ausstellung in der Photographer’s Gallery, London begleitet.

In einem seiner ersten Filme “Eraserhead”, der David Lynch schließlich aus der Nische in das Zentrum begeisterter Kritik bugsierte, sehen wir Henry, den Hauptdarsteller, der in einer trostlosen Industrielandschaft über Halden von Kohlen kraxelt. In “Blue Velvet”, in der Frank Jeffrey zu einer Fahrt durch die Stadt zwingt, endet diese auf einem verlassenen Industriegelände, wo Jeffrey zusammengeschlagen wird. Verlassene Industriegebäude, Fabriken, menschenleere Produktionsstätten sind Motive, die sich in seinen Filmen wiederfinden. In manchen Filmszenen ist es allein die Tonspur, die bestimmte industrielle Sounds reproduziert und sofort entsprechende Bilder in uns auslöst. Lynchs Affinität, sagen wir besser Obsessionen (davon hat er ja bekanntlich viele) zu diesen industriellen Schauplätzen, die direkt oder indirekt in sein filmisches Werk einfließen, werden überdeutlich. “Also, wenn du zu mir sagen würdest, wir gehen heute zu Disneyland oder zu einem verlassenen Fabrikgebäude, hätte ich keine Wahl. Ich müsste zur Fabrik. Ich weiß nicht genau, warum. Es erscheint mir ein großartiger Ort, um eine Geschichte beginnen zu lassen.”

Untitled (England), late 1980s /early 1990s, © David Lynch
Untitled (England), late 1980s /early 1990s, © David Lynch

Eine Geschichte beginnen lassen. Es ist genau das, was er hier selbst anspricht, was mich letztendlich an den Fotos enttäuscht. In dem Buch werden Unmengen von faszinierenden, atmosphärischen Orten  präsentiert,  in der sich die Abgeschiedenheit manifestiert. Diese könnten als Ausgangspunkt dienen, um eine Geschichte in meinem Kopf entstehen zu lassen. Aber es will sich nicht dieses  typische “lyncheske” Gefühl einstellen, diese “Weirdness”, dieses Reingezogenwerden des Betrachters in die albtraumhaften Weiten des Unterbewussten, die man so gut aus seinen Filmen kennt. Aus den verlassenen Gebäuden springt nicht plötzlich ein Zwerg hervor, der vor uns tanzt und rückwärts spricht (siehe: Twin Peaks). In den Industriebrachen wird man kein abgeschnittenes Ohr finden (siehe: Blue Velvet). Die Vorstellung irgendeiner Abgründigkeit will beim Betrachten der Fotos nicht gelingen.

“Filmemachen muss unter die Oberfläche gehen, sonst macht es keinen Spaß”, sagt David Lynch. Aber die Bilder des Fotomachers bleiben vor allem Oberfläche, bieten nicht den Doppelsinn, nicht die magischen Momente seiner Filme, die uns auch noch lange nach dem Fallen des Filmvorhangs umtreiben. Das Magazin ART sprach einmal von Falltüren in seinen Filmen, die in eine albtraumhafte Unterwelt führen. Geheime Klapptüren mag auch seine Fotografie haben, aber die Fallhöhen in ein dunkles Loch der Verstörung  sind hier nur gering.

Seine Schwarzweiß-Fotos haben viele Qualitäten, nicht aber die der Irritation. Der Regisseur fotografiert in den Industriekathedralen. Das vorhandene Licht reicht ihm dazu. Starke Schwarz-Weiß-Kontraste pointieren die vorgefundene, raue und morbide Szenerie. Es gibt klaustrophobische Bilder,  die Sezierung eines Ortes in Close-Ups,  dazu Bilder, die aus dem Inneren labyrinthischer Fabrikgebäude nach außen blicken, und schließlich die Totale, bei der bröckelnde Fassaden, Kühltürme, Schornsteine, riesige Strommasten zu sehen sind. Lynchs Interesse besteht nicht darin, eine industrielle Welt als real vorzuführen,  eine genaue Topographie zu erstellen. Gitter, gesprungene Scheiben, aus der Wand ragende Kabel, Schattenspiele etc. werden in den besten Momenten in abstrakte Kompositionen geformt und mit einer dunklen Melancholie legiert. David Lynch sagt über seine Fotos: Schau sie dir an. Schau, was sie mit dir machen.

Untitled (New Jersey), ca. 1986, © David Lynch
Untitled (New Jersey), ca. 1986, © David Lynch

Vielleicht ist es wie mit Pralinenschachteln: unter der ersten Lage ist eine zweite, die weitere Entdeckungen bereithält. Vielleicht hilft eine intensive Beschäftigung, die Bilder mehr zu würdigen oder, wie Lynch sagt, dass die Bilder noch etwas mit mir machen. Mein Lieblingsfoto in dem Buch stammt nicht von David Lynch. Es ist von Catherine Coulson und zeigt den Regisseur im innigen Gespräch mit seinem Hauptdarsteller Jack Nance während der Dreharbeiten zu “Eraserhead” vor einer industriellen Fabrikbaracke, die später im Film auftaucht. Zu gerne würde ich noch einmal dieses Frühwerk schauen und die seltsamen Reaktionen erleben, die der Film beim ersten Betrachten ausgelöst hat. Würde ich David Lynch nicht als Regisseur bewundern, könnte ich vielleicht gerechter seiner fotografischen Arbeit gegenüber sein.

(Peter Lindhorst)

David Lynch. The Factory Photographs. Hrsg. v. Petra Giloy-Hirtz. Prestel Verlag. München 2014. ISBN 978-3-7913-5333-3. 220 S. mit 160 sw. Fototaf., 26 x 30 cm, Hc. € 49,95 

Kommentare

  1. meint

    Ich hatte das Missvergnügen, die Ausstellung von David Lynch in der Photographers Gallery in London zu sehen. Es war grauenhaft und an Oberflächlichkeit nicht zu unterbieten. Hat man sich die Mühe gemacht die Entstehungsgeschichte der Ausstellung und des Buches zu recherchieren, dann ist schnell klar, wie das so funktioniert (kann jeder selber mal machen). Nichts als Marketing und Namedroping. Dann gab es noch einen Talk mit Lynch (via Skype) und die Befürchtung bestätigte sich. Er hatte nichts zu sagen und das Auditorium nichts zu fragen. Wie wichtig ihm selbst die Ausstellung war, kann man daran vermuten, dass er selbst zur Eröffnung nicht anreiste, obwohl er zu der Zeit in Paris weilte und mit dem Zug in 2 Stunden vor Ort gewesen wäre. Kuratorin glücklich, Verleger glücklich, die Galerie hat viele Besucher und im Sinne Klaus Honnefs “Die Bilder sind flach und die Welt ist eine Scheibe”

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