Die Kreativität des Fotografen Rob Hornstra

Dieser Beitrag erschien erstmals in Photonews Juni 2010.

Sowohl beim Kasseler Fotobuchfestival (Mai 2010) als auch bei den Hamburger Fotobuchtagen (Juni 2010) war der niederländische Fotograf Rob Hornstra zu Gast, ein Pionier des Fotobuches im Eigenverlag. Gunda Schwantje traf ihn zuvor in Utrecht.

Das Gespräch findet in einer Utrechter Kneipe statt. Das sei er­wähnt, weil Rob Hornstra, Jahrgang 1975, tatsächlich viele seiner Inspi­rationen an Kneipentischen generiert hat, wie er erzählt. Im Aus­tausch mit Kollegen, Freunden, Fremden. Einmal probierte er eine Lö­sung auf ihre Handhabbarkeit gleich am Tresen aus. Ihm fehlte nämlich das Geld für den Druck eines Foto­buches. Deshalb war ein Barkeeper der erste, der vorab und ohne sofortige Gegenleistung den Kaufpreis für das Buch zahlte. Hun­dert solcher „Käufer“ hatte er da­mals nötig. Mit 100 Kleinstkredit­ge­bern würde er seine Abschluss­arbeit an der Utrech­ter Kunstaka­de­mie als Bild­band vorlegen können. 2004 war das. Es sollte das erste Mal sein, dass ein Student ein Exa­men der Fotoakademie mit einem im Selbstverlag herausgegebenem Foto­buch abschließen würde.

Seinen Erfindungsreichtum, für den er viel Aufmerksamkeit und Aner­kennung bekommt, betrachtet er nicht als Kern seiner Arbeit. Er sieht es pragmatisch: „Die Ideen sind notwendig, um die fotografische Arbeit, die ich machen will, zu realisieren“, sagt Rob Hornstra. „Hinter­gründige Fotoserien und Dokumen­ta­tionen sind mein Ziel. Aber bei jedem Projekt beschäftigt mich auch die Frage, wie ich meine Arbeit am besten präsentieren und zur Geltung bringen kann? Und die Frage, wie ich sie finanziere?“

Cover "Communism & Cowgirls"

Mit „Communism & Cowgirls“ ist ihm beides auf Anhieb geglückt. Für dieses Fotobuch, sein erstes und also die Examensarbeit, erhielt er die Auszeichnung „cum laude“. Das Buch wurde später außerdem mit dem „Photo Academy Award“ preisgekrönt. Aufgenommen in Russland bringt Rob Hornstra in „Commu­nis­mus & Cowgirls“ die Lebens­realität Jugendlicher in den Fokus. In der ihm eigenen Farbigkeit und bereits mit seinem ausgeprägten Gespür für Absurdes. Russland hatte er ausgewählt, weil er wissen wollte, wie Systeme funktionieren. Der Kapitalismus, der Kommunis­mus, der Prozess einer Transforma­tion. „Mich hat insbesondere die Generation interessiert, die den Kommunismus nicht miterlebt hatte. Die 15-, 16jährigen. Diese Jun­gen wollte ich unbedingt sprechen.“ Er ist ihnen nah gekommen, auch davon erzählen die Fotografien.

Rob Hornstra sah sofort viele Ge­schichten. Deshalb wollte er nach seinem ersten Aufenthalt gleich wieder zurück nach Russ­land. Und so werden zwei Eigen­schaften, seine Passion für den investigativen Jour­nalismus und seine Fähigkeit zu einem langen Atem, zu wichtigen Bausteinen.  „Wahrschein­lich höre ich mit Russ­land erst in vier bis fünf Jahren auf“, denkt er heute. Bis 2014 jedenfalls wird das sogenannte „Sochi Project“ laufen.

www.thesochiproject.org ist ein facettenreiches Langzeitprojekt. Rob Hornstra hat es gemeinsam mit dem Autor und Filmemacher Arnold van Bruggen, Jahrgang 1979, entwickelt. Mit dem „Sochi Project“ wollen sie regelmäßige Reisen in die Region um Krasnodar am Schwar­­­zen Meer und eine hintergründige Berichterstattung, slow journalism in Worten und Bildern, über Sotchi (englisch: Sochi), Olym­pia und den Kaukasus, verwirklichen. Präsentiert als Mixtur aus Dokumentar­foto­gra­fie, Reportage und Film. Mit einem crowd fun­ding, Spendengeldern also, als Basis. Mit einer Commu­nity, die intensiv an dem Projekt teilhaben kann. 2009 gingen die beiden Journalisten an den Start.

Anlass sind die Olympischen Win­ter­spiele. Sie werden im Jahr 2014 in Sotchi im Kaukasus stattfinden.  Die Winterspiele liefern den beiden Projektinitiatoren „gratis einen Grund, die ganze Region zu untersuchen“, freut sich Rob Hornstra. Und das erhebliche Medien­in­teresse, das sich im Zuge dieses Sportereignisses aufbauen wird, kommt den Journa­listen gerade recht. Denn beide haben bereits seit längerer Zeit ein großes Inter­esse am Kaukasus. „Wenn etwas entflammbar ist und auch in 100 Jahren noch entflammbar sein wird, dann ist es der Kaukasus“, schätzt der Fotograf die Lage ein. „Man wird uns anläss­lich der Winterspiele eine Fassade präsentieren. Der Glamour von Olympia steht in scharfem Kontrast zu der von Krisen, Konflikten und Armut gebeutelten Region.“ Genau das wollen die beiden Berichterstatter in den Fokus nehmen bei ihren Recherchen. Von dem beliebten russischen Bade- und Kurort an der russischen Riviera, er liegt in einer subtropischen Zone, sind es nur 20 Kilometer bis zur Konfliktregion Abchasien. Auch die durch zwei Kriege verwüstete autonome Republik Tschetschenien im Nordkaukasus, der Unruheherd Inguschetien und die verarmte Teilrepublik Nordossetien sind nicht weit.

„Sotchi hatte den ultimativen Glanz eines sowjetischen Urlaubspara­dieses“, erzählt Rob Hornstra. „Alte sowjetische Sanatorien stehen dort Seite an Seite mit teuren Clubs und Hotels. Es verändert sich in eine Art Benidorm. Sie denken scheinbar, wenn sie viele Gebäude aus Glas bauen wie in New York, dann wird das schon. Aber es funktioniert überhaupt nicht. Es zerstört den Charakter der Stadt.“ Weil Zeitungen und Zeitschriften überhaupt nicht in der Lage wären, ein Projekt in der Größenordnung von „Sochi“ zu finanzieren, sind die beiden Journalisten mit einer neuen Idee zur Tat geschritten. Eine Kombi­na­tion aus Spendengeldern, Förder­geldern und Veröffentlichungen in Zeitschriften und Magazinen er­mög­­licht ihnen die intensive Re­cher­che und selbstbestimmte Pro­duktion der Geschichten, die sie publizieren wollen.

Die Inspiration für ihr crowd fun­ding kam aus dem Internet. „Arnold hat die Website Spot.us gefunden mit kleinen journalistischen Projek­ten auf Spendenbasis“, berichtet Rob Hornstra. „Give us your mo­ney.“ Mit diesem Motto werben Rob Hornstra und Arnold von Bruggen für ihren neuen Weg im investigativen Journalismus. Ihr crowd fun­ding funktioniert so: Es gibt die Kategorien Gold, Silber und Bronze, angelehnt an das Thema Olympia. Gold bedeutet, ein Spender zahlt 1.000 Euro im Jahr. Dafür bekommt er etwas Exklusives zurück, „ein collector’s item, eine Sammelbox als Geschenk, sowie Abzüge und gedruckte Publikationen“, so Rob Hornstra. Silber zahlt 100 Euro und erhält die Publikationen. Für mindestens 10 Euro, Bronze, hat ein Spender, wie Silber und Gold auch, Zugang zum gesperrten Teil der Website. Hier sind und werden Artikel, Interviews, Essays, Fotose­rien publiziert. Auch ein sketch book mit Hintergrund­informationen zum slow journa­lism, zur Arbeits­weise des Autoren und des Foto­grafen und zu den Reisen kann man lesen. Das Funda­ment dieses Spon­sorings, die Web­site, konnten sie mit öffentlichen Fördergeldern aus dem Fonds für Bildende Kunst, Formgebung und Baukunst (BVBK) finanzieren.

„Wir haben Sotchi gemacht für Menschen, die sich dem slow journalism verbunden fühlen und in der Annahme, dass sie vielleicht bereit wären, Geld zu geben“, erzählt Rob Hornstra. „Aber das stimmt nicht. Höchstens drei Prozent der Spender sind Journa­listen oder haben etwas mit Medien zu tun. Durch ein Projekt lernt man wirklich viel. Jedes Mal kommt heraus, dass das, was man vor Augen hatte, anders funktioniert.“ Wer also spendet? In die Kategorie Gold investieren Sammler von Fotobüchern und Personen, die den beiden Auto­ren nahe stehen und sich die finanzielle Unterstüt­zung leisten können. Unter Silber finden sich auch Foto­buchsammler. „Sie wollen am liebsten signierte Exemplare.“ Bronze wählen Men­schen aus Neugierde. „Junge Foto­grafen und Studen­ten, die wissen wollen, wie dieses Projekt funktioniert.“ Wie verhält es sich mit ihrer journalistischen Unabhängig­keit? „Die Spender haben kein Mitspracherecht bei den Themen. Wir beschäftigen uns auch nicht mit Themen, die auf die Masse ausgerichtet sind. Das ist nicht unser Ziel. Wir machen keine Konzes­sionen“, beschreibt Rob Hornstra die Prinzipien. Ihm gefällt dieses crowd funding auch wegen der Freiheit, die es für die Produzenten der Geschichten kreiert.

Cover "Roots of the Runtur"

Der energiegeladene Rob Hornstra hat mittlerweile drei Fotobücher im Selbstverlag herausgegeben und er versucht gemeinsam mit anderen, die Stadt Utrecht, in der er wohnt, als Zentrum für Doku­men­tarfotografie international auf die Karte zu setzen. Zusammen mit der freischaffenden Ausstel­lungs­macherin Femke Luitgerink hat er FOTODOK gegründet. Ziel der Stiftung ist es, ein breites Publikum für lokale und internationale Doku­mentarfotografie zu interessieren. FOTODOK organisiert Ausstellun­gen und Lesungen. Im Juni 2010 wird in Kooperation mit FOTODOK ein neuer, gut dotierter niederländischer Preis für Doku­mentar­fotografie erstmals verliehen, der „Dutch Doc Award“.

Unter Sammlern sind Rob Hornstras Fotobücher begehrte Objekte. Für den eigensinnigen Dokumentar­foto­grafen selbst sind Fotobücher „eindeutig und mit Abstand die beste Ausdrucksform für meine Arbeit. Besser geht es nicht. Ich muss dann selbstverständlich noch nach der richtigen Präsentations­form suchen, denn ein Fotobuch kann ja alles sein.“ „Roots of the Runtur“, sein zweiter Bildband, hatte die Verän­derungen in der Fische­rei auf Island zum Thema. „101 Billionaires“ ist bereits in zweiter Auflage erschienen. In 101 Bildern zeigt er hier die Kehrseite des zu­nehmenden Wohlstandes und Er­folgs in Russ­land. Mit einer Mischung aus Por­traits, Innenauf­nahmen und einigen Landschafts­fotografien. Die Arbeit hat eine surrealistische Note. Auf­fallend viele alte Menschen und junge Leute sind darin zu sehen und er hat seine Fotografien mit lebendigen, detaillierten „Bildunter­schriften“ ergänzt – knapp gehaltene farbige Beo­bachtungen, angereichert mit Zita­ten, die viel von den Lebens­ver­hältnissen der Portrai­tierten in Russ­land erzählen. 
Gunda Schwantje

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