„Es ist schön, ein vielgesuchtes Buch in der Hand zu halten“.

Regina Anzenberger über ihren fotografischen Salon „Bring your photobook“.

R. Anzenberger während eines Treffens von “Bring your photobook”. Foto: Kay von Aspern

Regina Anzenberger lebt in Wien und hat dort 1989 die gleichnamige internationale Fotografen-Agentur (www.anzenberger.com) begründet, 2002 folgte zusätzlich eine Galerie. Sie arbeitet selbst als Künstlerin, zeichnet als Kuratorin für zahlreiche Ausstellungen verantwortlich und ist Herausgeberin mehrerer Fotobücher. Vor einiger Zeit hat sie einen kleinen Zirkel gegründet mit dem neugierig machenden Titel „Bring your photobook“. Was verbirgt sich genau dahinter? PHOTONEWS hat nachgefragt:

Liebe Frau Anzenberger, was ist Ihr derzeitiges Lieblingsfotobuch?

Das ist wahrscheinlich gleich eine der schwierigsten Fragen – nach dem Lieblingsbuch, denn ich habe so viele. Aber eines der schönsten Bücher, das ich in letzter Zeit erstanden habe, ist sicherlich das Buch „Portraits from North American Indian Life“ von Edward S. Curtis, 1972 bei Outerbridge and Lazard Inc. erschienen. Ich habe es in einem Altwarengeschäft in Taos/New Mexico erstanden, wo es zwischen lauter Möbel und anderem Kleinzeugs als einziger Buchtitel lag. Es ist dem ursprünglichen Buch von Edward S. Curtis bzw. seinen Portfolios nachempfunden worden, hat ein sehr großes Format, und ist in einem Braunton auf einem sehr rauen Papier gedruckt. Edward S. Curtis wurde mit diesem Buch, das übrigens A.D. Coleman herausgegeben hat, wieder entdeckt, nachdem sein Werk für einige Jahrzehnte in Vergessenheit geraten war.

Betrachtung des Buches von Edward S. Curtis. Foto: R.Anzinger

Eine Neuerscheinung, die mir sehr gut gefällt, ist das Buch „STAND BY“ über Weißrussland des osteuropäischen Sputnik Photo Kollektivs, an dem Fotografen wie Andrei Liankevich, Agnieszka Rayss, Rafal Milach u.a. beteiligt sind. Es ist das jüngste Projekt von Sputnik, das schon einige interessante Bücher herausgegeben hat (Anm. des Autors: Der Band ist über die AnzenbergerGallery zu beziehen).

Wie informieren Sie sich in der Regel über Neuerscheinungen auf dem Fotobuchmarkt?

Ich informiere mich über alle mir verfügbaren Kanäle. Über das Internet natürlich hauptsächlich, aber auch vor allem auf Reisen. Da besuche ich dann die wichtigsten Fotobuchhandlungen, wie zum Beispiel letztens in den USA in Santa Fe „photo-eye“. Dort verbrachte ich gleich einige Stunden und sah mir alles Neue und Interessante an. Ich bringe für die Galerie Bücher mit, die nicht in Europa oder über das Internet erhältlich sind, und die ich bei unseren gelegentlichen „Saturday Showcases“ präsentiere. An Samstagen, an denen normalerweise die Galerie nicht geöffnet ist, besteht dort eine günstige Gelegenheit, diese spezielle Vorstellungsveranstaltung zu machen. Wir sind auf rare, selbstpublizierte und signierte Bücher spezialisiert.
In facebook habe ich übrigens eine Gruppe gegründet, die „ALL ABOUT PHOTOBOOKS“ heißt, wo ein ständiger Austausch mit Leuten stattfindet, die sich sehr gut mit Fotobüchern auskennen und dort ständig neue Informationen posten. Und schließlich erhalte ich von den wichtigsten Verlagen regelmäßig die Programme bzw. Newsletter.

Literaturkreise gibt es viele derzeit. Von einem Fotobuchzirkel habe ich noch nie gehört. Wer ist der Initiator von „Bring your photo book“ und wie ist diese ungewöhnliche Idee entstanden?

Da ich mittlerweile eine sehr beträchtliche Sammlung von Fotobüchern habe, fand ich es immer schade, dass ich diesen Schatz nicht mit anderen Begeisterten teilen konnte. Mit einer Mitarbeiterin habe ich schon oft die Idee gewälzt, einen Kreis von Leuten regelmäßig nach Hause einzuladen, um über ausgewählte Bücher zu diskutieren. Im März 2011 habe ich dann anlässlich der Eröffnung der Martin-Parr-Ausstellung einen kleinen Bookshop in der Galerie eingerichtet. Und dann wurde ich im Gespräch mit Kunden bei unseren „Saturday Showcases für Bücher“ in der Galerie bestärkt, dass wir es einfach im kleinen Kreis auch umsetzen sollten.

Seit wann gibt es den Zirkel? Wo finden die Treffen statt?

Wir begannen Anfang 2012 und die regelmäßigen Treffen finden in der AnzenbergerGallery statt. Jetzt im Sommer habe ich es auch einmal in meinem privaten Garten gemacht, da wir mit der Galerie gerade in die ehemalige Ankerbrot Fabrik übersiedeln.

Foto: Alexandra Eizinger

Ist eine feste und intime Teilnehmerzahl Voraussetzung, damit der Zirkel funktioniert? Oder klappt das auch mit einer großen Gruppe?

Wir gehen vorerst von maximal 10 Leuten pro Treffen aus. Wir wollen aber den Kreis trotzdem langsam vergrößern und dann auch vor allem Leute, die schöne Sammlungen haben, gezielt einladen.

Wie verabreden Sie sich? Aus was für Leuten setzt sich der Zirkel zusammen?

Am Anfang fanden unsere Verabredungen nur per email oder Telefon statt. Wir sind ganz gemischt: Profi- und Amateur-Fotografen, Buchhändler, Fotokritiker, nächstes Mal werden wir auch die Leute von der neuen Fotobuch-Bibliothek, die über der Galerie eingerichtet wurde, einladen. Daneben haben wir eine geschlossene Gruppe in facebook gebildet. Vor allem auch deswegen, damit dort die gezeigten Bücher dokumentiert und Inhalte noch einmal nachvollzogen können werden.

Was geben Sie dem einzelnen Teilnehmer als Bedingung mit auf den Weg? Was muss er in die Gruppe einbringen?

Jeder Teilnehmer sollte Fotobücher sammeln. In welcher Größenordnung das geschieht, ist natürlich egal. Jeder hat ja unterschiedliche Mittel zur Verfügung. Wichtig ist, dass alle Teilnehmer ein besonderes Fotobuch mitnehmen und über das Buch und den Künstler kurz etwas erzählen.

Wie sieht ein gelungener Abend aus? Können Sie den Ablauf einmal beschreiben?

Der Ablauf war beim ersten Treffen ein wenig steif. Fast wie beim Referat in der Schule. Ab dem zweiten und dritten Mal war es allerdings schon viel lockerer. Jeder packt sein Buch aus, und wer will, beginnt und stellt seinen Titel vor. Es kommt auch vor, dass jemand zwei Fotobücher mitbringt und diese präsentiert. Dann werden Fragen gestellt oder diskutiert. Oft redet man dann am Ende generell viel über Fotografie. Mittlerweile ist es mehr ein Plaudern und Austausch über die Bücher, aber auch über Neuigkeiten aus dem Bereich Fotografie. Danach gehen wir immer in ein Lokal und setzen unsere Gespräche noch fort. Es ist immer ein sehr interessanter und gemütlicher Abend, von dem man angeregt nach Hause kommt.

Gibt es irgendwelche Limitierungen bei der Titelauswahl? Wie sehen die Kriterien allgemein aus?

Es gibt überhaupt keine Kriterien. Ich selbst habe sogar beim ersten Mal die beiden Textbücher „The Act of Seeing“ und „Die Logik der Bilder“ von Wim Wenders mitgebracht, weil ich sie als Voraussetzung für das Verstehen von Sehen halte. Es war vielleicht eine Provokation, wurde aber unglaublich gut aufgenommen und die meisten der Teilnehmer haben sich diese Bücher gekauft und lesen sie jetzt.

Fühlen Sie sich manchmal in der Weise inspiriert, dass Sie ein von einem anderen Teilnehmer vorgestelltes Buch anschließend unbedingt für sich erwerben wollen?

Bis jetzt habe ich keines davon erworben, aber es wären schon einige dabei (vor allem antiquarische), die ich auch gerne hätte.

In Deutschland entstanden literarische Salons im 18. Jahrhundert als Orte bürgerlicher Geselligkeit. Ist diese Idee, nämlich Gemeinschaft (und eine gemeinschaftliche Rezeption) zu kreieren, eine Triebfeder Ihrer Gruppe? Oder ist diese Initiative auch deshalb entstanden, um in einem immer unübersichtlicheren Fotobuchmarkt so etwas wie Orientierung zu bieten?

Wie schon erwähnt, fand ich die Tatsache, dass meine gesammelten Bücher nur von mir oder hin und wieder mal von Gästen gesehen werden, zu wenig. Ich bin jemand, der gerne schöne Dinge oder das Wissen darüber auch teilt. Und ich denke, das geht den anderen wahrscheinlich auch so. Der Austausch ist das Wichtigste. Man redet natürlich auch über Neuerscheinungen, aber viele bringen bis jetzt ältere Publikationen mit. Viele Bücher gibt es ja auch nicht mehr oder sie sind schwierig, zu bekommen. Es ist schön, ein vielgesuchtes Buch auch mal in der Hand zu halten und nicht nur in einer Anthologie über Fotobücher abgebildet zu sehen.

Foto: Jacqueline Godany

 

Ich komme kurz auf Ihre Funktion als Agenturchefin zu sprechen. Welche Bedeutung hat das Fotobuch in Ihrem beruflichen Alltag? Unterstützen Sie Ihre Fotografen in dem Vorhaben, Arbeiten in Buchform veröffentlichen zu wollen? Hat es eine Relevanz für Sie, ob Ihre Fotografen Bücher machen?

Selbstverständlich helfe ich meinen Fotografen dabei, ihre Bücher zu veröffentlichen, indem ich Kontakte zu Verlagen herstelle oder Tipps zur Finanzierung gebe. Und ich kaufe natürlich immer Exemplare für unseren Bookshop, wenn das Buch erschienen ist bzw. ich stelle auch Verbindungen zu anderen Buchhändlern her. Das Fotobuch hat allerdings in meinem beruflichen Alltag in der Agentur überhaupt keine Bedeutung mehr, wo alles digital abläuft. In der Galerie ist es dagegen ein ganz wichtiger Bestandteil. Hier merkt man, dass das Fotobuch zu einem absoluten Sammelobjekt geworden ist.

Wie schätzen Sie ganz allgemein die Zukunft des Fotobuchmarkts ein?

Ich glaube, dass ein Fotobuch nicht mehr die gleiche Wertigkeit für einen Fotografen hat wie noch vor 15 Jahren. Ich selbst habe es mit unseren Büchern erlebt. Das Buch „Regina Maria Anzenberger – 22 FOTOGRAFEN“ (Edition Stemmle, Zürich 1997) stellte den Durchbruch für die Agentur international dar. Die Bücher EAST und WEST (2008 und 2010 erschienen) sind kunstvolle Bildbände mit einem sehr hohen Anspruch, ihr künstlerischer Anspruch macht sie zu Sammlerstücken. Die Auflage und die „analoge“ Verbreitung eines Fotobuches waren 1997 jedoch viel größer als heute.
Die Kosten von Fotobuchproduktionen in Verlagen steigen heute stark. Weniger und weniger Fotografen werden sich ihr Fotobuch leisten können, denn schon heute muss man 10.000-20.000 Euro beschaffen, damit ein Verlag überhaupt ein Buch herausbringt. Im Endeffekt muss man dann weiter da hinterher sein, dass das Buch auch die entsprechende Verbreitung (im Internet und anderen Plattformen) findet.
Geld ist kaum mehr direkt mit einem Buch zu verdienen, außer man macht alles selbst. Darin liegt natürlich auch eine Chance. Ein Buch ist heute wie ein Kunstwerk. Viele Fotografen machen ihre Projekte allein mit dem Ziel, anschließend ein tolles Buch daraus zu fertigen. Ein Buch kann so zu äußerst interessanten Ergebnissen führen. Und das ist nicht nur für den Fotografen, sondern letztendlich auch für den Sammler spannend.

Welchen Titel haben Sie eigentlich auf dem letzten Treffen vorgestellt?

„Particulars“ von David Goldblatt, darin lag eine handgeschriebene Rechnung von Martin Parr. Auch eines meiner absoluten Favoritenbücher, dem ich jahrelang nachgerannt bin, bis ich Martin Parr kennenlernte. In einem ersten Gespräch mit ihm fragte er mich „Welches Buch hast Du nicht und hättest Du gerne?“ Nachdem ich ihm diesen Titel nannte, meinte er, dass er zu Hause noch mal schauen müsste, aber er hätte womöglich ein zweites. Und so war es!

Was wünschen Sie sich in der Zukunft von Ihren Treffen?

Dass wir interessante Leute dazu gewinnen können, die besondere und rare Bücher mitbringen. Dass wir vielleicht auch Künstler einladen, die über ihre Buchprojekte einen Vortrag halten. Und dass wir eventuell auch Filme gemeinsam ansehen und nachher darüber diskutieren. Es gibt so viele interessante Gesprächsthemen im Bereich „Visualisierung, Bildsprache und Fotografie“!
(Peter Lindhorst)

Kommentare

  1. meint

    Ein solcher Diskussionszirkel kann sehr gerne bei mir stattfinden. Ich verfüge über entsprechende Räume, viele Fotobücher und jede Menge Parkplätze vor dem Haus gibt es auch (Rhein-Main Gebiet). Interessenten bitte melden!
    fotofeinkost.de
    mm@fotofeinkost.de

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *