Eversteijn. Bokser

„Außer Boxen ist alles so langweilig“, äußerte einst Mike Tyson. Was hätte Cor Eversteijn wohl darauf geantwortet? Auch er ein Boxer, geboren 1949 in Rotterdam, beginnt mit 16 Jahren auf Jahrmärkten zu boxen, kämpft sich im Amateurlager hoch, wird mit 21 Champion in den Niederlanden und holt in der Folgezeit einen Titel nach dem anderen. Nach einem Kieferbruch legt er Mitte der siebziger Jahre eine längere Pause ein, bevor er 1977 ein erfolgreiches Comeback feiert und schließlich einen Profivertrag unterschreibt. Seine Gegner besiegt er reihenweise, bis er 1983 auf den Engländer Cliff Gilpin trifft, der ihm in der ersten Runde einen schweren Knockout zufügt. Der Arzt verordnet ihm eine längere Zwangspause. Im gleichen Jahr stirbt Cor Eversteijn. So weit die Geschichte einer Boxerkarriere, die auf tragische Weise endet.

Warum der Rezensent, der alles andere aus Boxen interessant findet, sich ausgerechnet für die fotografische Biographie eines niederländischen Boxers der Leichtgewichtklasse erwärmt? Weil es in diesem Buch nicht ums Boxen geht, sondern um ungleich mehr. Die Zusammenfassung ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Aus zahlreichem Bildmaterial wird minutiös die außergewöhnliche Geschichte des Boxers, Dandys, Partybiests, Friseurs und Ehemanns bzw. Familienvaters Cor Eversteijn nachgezeichnet. Sein Leben ist so kurz wie intensiv und stellt eine Mischung aus Lebenslust und Verletzlichkeit, Freiheit und Verantwortung, Ruhm und Einsamkeit dar, um letztendlich zum Untergang verurteilt zu sein.

Carel van Hees, Fotograf und Filmemacher, erzählt in diesem Buch ohne Pathos, aber mit viel Empathie Eversteijns Leben zwischen ständigen Auf und Abs. 1977 ist van Hees für eine Fotoagentur in Rotterdam tätig, als er dort zu einem Boxkampf geschickt wird und das erste Mal dem Sportsmann begegnet. Das ist der Anfang einer intensiven Freundschaft. Van Hees formt aus eigenen Fotos, Bildmaterial von Sport- und Polizeiarchiven sowie Familienfotos, die ihm die Tochter Peggy Eversteijn überlässt, eine behutsam und vielschichtig erzählte Geschichte, der man als Betrachter magnetisiert folgt: Cor als Kleinkind am Boxring bei der Siegerehrung des Vaters. Als Jugendlicher boxt er seine ersten Kämpfe auf dem Rummelplatz. Auf Bilder seines Militärdienstes folgen Schnappschüsse unbeschwerter Urlaube mit Freunden im Ausland. An anderer Stelle posiert ein äußerst modisch gekleideter junger Mann in (Glam-)Rockstarpose. In der Woche verdient er sein Geld als Herrenfriseur. Am Wochenende wird geboxt und danach in der Disco obsessiv gefeiert. Dort lernt er seine spätere Frau Tessa kennen, mit der eine Tochter haben wird. Doch harte Drogen und der Alkohol nehmen überhand, und so ist es nicht der oben genannte Kieferbruch, sondern eine starke Abhängigkeit, die ihn dazu veranlasst, den Boxsport an den Nagel zu hängen. Mitte der siebziger Jahre macht Eversteijn lange Entziehungskuren und arbeitet verbissen an einem Comeback im Profilager. Langsam kehrt der Erfolg zurück und er gewinnt seine Kämpfe. Im hinteren Drittel des Buches schließlich eine längere Sequenz: das besagte Duell, in dem ihn Gilpin schon nach einer Minute auf die Bretter schickt. Vielleicht ist das der Preis, der sich aus seinem nie endenden Drogen- und Alkoholkonsum ergibt. Es scheint klar, dass Cor Eversteijns Boxkarriere zur Neige geht. Er aber trainiert noch härter, läuft rasendschnelle Marathons und sucht Ersatz beim Fallschirmspringen. Im Oktober 1988 verbessert er nochmals seinen persönlichen Rekord bei einem Marathon. Wenige Tage später wird er tot in seiner Wohnung aufgefunden, erstickt an Erbrochenem. Das letzte Bild: eine Daktyloskopie zur Identifizierung der Leiche.

Souverän handhabt Van Hees das recherchierte Material, um diese außergewöhnliche wie tragische Biographie seines Freundes, der das Extreme ausleben muss und keinem Exzess aus dem Weg geht, zu erzählen. Unpathetisch und voller Mitgefühl zeigt er das strahlende Leben eines charismatischen jungen Mannes, über dessen leuchtender Existenz sich immer dunklere Wolken zusammenziehen. Das wunderbar produzierte Buch (u.a. ist ein faksimilierter Trainingspass beigefügt) erzielt beim Durchblättern einen Wirkungstreffer wie ein Leberhaken. Man ist außer Gefecht gesetzt! Peter Lindhorst

Eversteijn. Bokser / Herrenkapper 1949-1983. Hrsg. v. Carel van Hees. Post Editions. ISBN 9789460830471. 336 S., 250 Fotos. Pb. 27,50 Euro

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