Fanpost 10: Mars. Eine fotografische Entdeckung

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Südpolarregion. Tiefer Einschnitt in polare Sedimentschichten

Eine neue Fanpost im Blog, heute von Christiane Stahl, die mit Mars. Eine fotografische Entdeckung  eines der spektakulärsten Projekte der letzten Zeit vorstellt.

Christiane Stahl ist seit 2002 Leiterin der Alfred Erhardt Stiftung, um sich der Erschließung des umfangreichen Werks des deutschen Fotografen und Dokumentarfilmers zu widmen. Ein Besuch in der Alfred Erhardt Stiftung in Berlin lohnt sich eigentlich immer, wo Christiane Stahl  ein interessantes Programm aus Ausstellungen, Künstlergesprächen, Filmvorführungen etc. auf die Beine stellt. In den präsentierten Ausstellungen wird ein Ansatz gepflegt, der zeitgenössische fotografische Postionen mit den Arbeiten des Vertreters der Neuen Sachlichkeit in Verbindung setzt. Warum Christiane Stahl, die einst Kunstgeschichte und Theater- und Filmwissenschaft studierte und über Alfred Erhardts Frühwerk promoviert hat, von der Publikation über den Roten Planeten so fasziniert ist, führt sie im Folgenden aus:

Nicht erst, als Xavier Barral auf Einladung der Alfred Ehrhardt Stiftung Ende Februar Mars. Eine fotografische Entdeckung vorstellte, leuchtete mir ein, warum unlängst dieses Buch den Deutschen Fotobuchpreis in Gold 2014 erhalten hat. Mit 272 Seiten, 151 Abb., einer Größe von 29 x 35 cm und einem Gewicht von 2,8 kg ist es nicht nur ein echtes Schwergewicht. Es zeugt auch massiv von der Großzügigkeit und Passion eines Kunstbuchverlegers, wie es sie in Europa selten gibt. Insgesamt charakterisiert Xavier Barrals Programm eine Großzügigkeit in der Verwendung des Materials, grafische Gestaltung auf höchstem Niveau und perfekte Einheit von Inhalt und Form. Mit Mars. Eine fotografische Entdeckung hat er aus jedermann öffentlich zugänglichem Material ein Autorenwerk von präziser Orchestrierung geschaffen.

Einschlagskrater in den Schichten der Hochebene von Mawrth Vallis
Einschlagskrater in den Schichten der Hochebene von Mawrth Vallis

Xavier Barral traf zusammen mit Sébastien Girard eine Bildauswahl aus annähernd 30.000 Aufnahmen, die die 2005 zum Mars beförderte, mit einer HiRISE-Kamera (High Resolution Imaging Science Experiment) ausgestattete NASA Forschungssonde Mars Reconnaissance Orbiter (MRO) seit dem 10. März 2006 zur Erde gesandt hat. Die hochauflösenden, gestochen scharfen Aufnahmen der HiRISE sind von beispielloser Qualität. Sie haben eine Breite von 20.000 und eine Höhe von bis zu 100.000 Pixeln. Selbst komprimiert haben sie ein Datenvolumen von mehreren Gigabytes, weshalb Barral die Daten direkt von der NASA bezog. Die Kamera umkreist den Planeten in einer Höhe von 300 km und erfasst mit jedem Bild eine Fläche von 6 km Breite und bis zu 30 km Länge. Damit wurde zur optimalen Erfassung der geologischen und mineralogischen Beschaffenheit der Oberflächenstruktur des Planeten eine einheitliche Einstellung gewählt. Bislang konnten 1,8 % der Marsoberfläche abgebildet werden.

Die Oberflächenstrukturen dieser seit 3 Milliarden Jahren geformten Landschaft verblüffen in ihrer bizarren Gestalt und sind von unerhörter Schönheit. Man ist erinnert an Gemälde und Zeichnungen wie die drippings von Jackson Pollock, die Federzeichnungen von Paul Klee oder Arbeiten informeller Künstler wie Wols, wo sich die korrespondierenden Formen des Makro- und des Mikrokosmos in abstrakte Gebilde fügen. Man verliert sich nachgerade in den Strukturen, Fasern, Gebirgen, Kratern, Sanddünen, Staublawinen, Flussläufen, Eisflächen und Schatten, die ihre Flächen und Linien in ungeheurer Anmut über das Blatt streuen. Die Schlüssel zur wissenschaftlichen Interpretation der rätselhaften Bilder liefern neben einer Marskartographie der Astrophysiker am Centre national d’études spatiales Francis Rocard, der Geophysiker Nicolas Mangold sowie der Projektleiter von HiRISE Alfred McEwen, der über den Planeten Mars schreibt: “Physikalische Prozesse haben faszinierende Muster auf seiner Oberfläche erzeugt, darunter Polygone, stufenförmig verlaufende Schichten, fließende Sanddünen, mäandrierende Flussablagerungen, spiralförmig aufgewickelte Lavaströme, Impaktkrater mit dramatischen Einschlagstrukturen, durch Erosion entstandene Tafelberge mit vertikalen Hängen, komplex geschichtete Eiskappen an den Polen, Eisströme in den mittleren Breiten, Staubablagerungen mit ungewöhnlichen Texturen sowie Erosionsrinnen mit scharfkantigen Rändern, die aussehen, als seine sie erst in jüngster Zeit entstanden (was bei einigen zutrifft).” Polygone, Muster, Texturen, Mäander, Spiralen – dieses Vokabular würde man eher einem Kunstwissenschaftler denn einem Naturwissenschaftler zuordnen. Und es nimmt nicht Wunder, dass der französische Verleger von der verblüffenden Ähnlichkeit dieser durch Wind und Wasser geformten Oberfläche mit den sich täglich neu schaffenden Sandstrukturen im norddeutschen Wattenmeer so begeistert war, dass er auch Alfred Ehrhardts Buch Das Watt kurzerhand als Faksimile-Auflage neu herausgab.

Südpolarregion. Gebiet mit Dauereis.
Südpolarregion. Gebiet mit Dauereis.

Barral hat sich der Herausforderung gestellt, eine der Bildqualität äquivalente Druckqualität zu erzeugen. Keine Druckerei in Frankreich, so Barral, könne dies leisten und so orientierte er sich nach Italien. Dass er seit Jahren mit den maschinellen Möglichkeiten einer solch wagnisreichen Produktion eng vertraut ist, sieht man dem Ergebnis an. Die extremen Kontraste zwischen den hellweißen Partien und den tiefschwarzen Flächen, die zarten Nuancen zwischen Graphit und Anthrazit stehen so satt und klar auf dem matt gestrichenen Papier, dass man jedes einzelne Blatt ausschneiden und an die Wand hängen könnte. Mit zwei verschiedenen Papieren für Abbildungs- und Textteil ausgestattet, wirkt die zurückhaltende Gestaltung wohltuend, sie lässt die Bilder sprechen. Wer das Buch mit dem alles andere als überzogenen Verkaufspreis von 79,- € verständlicherweise nicht zerstören möchte, kann auch – ein entsprechend gefülltes Portemonnaie vorausgesetzt – die Editionsmappe mit 6 Barytpapierabzügen in einer Auflage von 30 Stück für 2.500,- € erstehen. (Christiane Stahl)

Mars. Une exploration photographique. Éditions Xavier Barral Paris, 2013. (Deutsche Ausgabe: Mars. Eine fotografische Entdeckung. Hatje Cantz Ostfildern, 2013.)

Hrsg. v. Xavier Barral. Mit einem Vorwort von Xavier Barral. Texte von Alfred S. McEwen, Francis Rocard u Nicolas Mangold, Gestaltung von Coline Aguettaz, Xavier Barral. 272 Seiten, 151 Abb. in Triplex. Leinen mit Schutzumschlag. ISBN 978-2-36511-000-6 (franz. Ausgabe), ISBN 978-3-7757-3713-5 (dt. Ausgabe). € 79,00

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