Fanpost 11: Joachim Schumacher. Von dieser Welt.

Joachim Schuhmacher. Herne-Wanne, Hüttenstraße (2005)
Joachim Schuhmacher. Herne-Wanne, Hüttenstraße (2005)

Endlich wieder eine neue Fanpost im Blog – heute von Markus Weckesser, der als ständiger PHOTONEWS-Autor natürlich nicht mehr vorgestellt werden muss. Markus Weckesser beschäftigt sich hier mit Joachim Schumacher, der seit Jahrzehnten die Veränderungen des Ruhrgebiets dokumentiert. Seiner exzellenten Publikation “Das Gebiet” lässt dieser jetzt innerhalb kurzer Zeit ein zweites Buch folgen, das hier ausschließlich Farbaufnahmen präsen- tiert. Markus Weckesser über “Von dieser Welt”.

Im Kulturhauptstadtjahr 2010 schaffte es das Ruhrgebiet endlich auf die Titelseiten der Magazine und Zeitschriften. Das hatten sich die Stadtväter im Revier immer schon gewünscht. Alles, was sie wollten, waren Bilder von schön hergerichteten Industrielandschaften und spektakuläre Ansichten von restaurierten Werksanlagen. Hochglanzästhetik made by Stadtmarketing. Warum auch nicht?

Wenn es doch hilft, das Image des Reviers zu verbessern, alte Klischees zu widerlegen und den Tourismus anzukurbeln? Letzteres hat immerhin gut funktioniert. Die Besucherzahlen sind dauerhaft gestiegen und dass der Himmel über der Ruhr blau ist, hat inzwischen auch jeder begriffen. Längst kocht der Pott nicht mehr. Wo einst Schornsteine qualmten und Maschinen stampften, stehen heute Gewerbeparks und Wohnsiedlungen. Ehemalige Kohlenhalden wurden begrünt und in Landschaftsparks eingebunden. Alles schön, alles fein. Oder?

    Joachim Schuhmacher. Essen-Katernberg, stillgelegte Zeche Zollverein XII (2000)
Joachim Schuhmacher. Essen-Katernberg, stillgelegte Zeche Zollverein XII (2000)

Nicht ganz. Denn das ist nur der oberflächliche Blick von außen. An handfesten Problemen besteht weiterhin kein Mangel. So ist etwa trotz der Ansiedlung neuer Gewerbe die Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet noch immer überdurchschnittlich hoch. Und trotz städtebaulicher Anstrengungen bekommen die Planer die Zersiedlung nicht in den Griff. Nun gut, sagen sich die pragmatischen Menschen im Revier, davon lassen wir uns doch nicht bange machen. Irgendwie wird es schon weitergehen. Ihre Qualitäten als Stehaufmännchen waren den Einwohnern eben noch nie abzusprechen.

Als der gebürtige Saarländer Joachim Schumacher zum Studium bei Otto Steinert nach Essen zog, war noch nicht abzusehen, welche Entwicklung der Strukturwandel nehmen sollte. Sein Lehrer an der Folkwangschule konnte den urbanen und sozialen Veränderungen im Ruhrgebiet jedenfalls nicht viel abgewinnen. Dessen ungeachtet dokumentierte der junge Fotograf die Transformation vom Industrie- zum Dienstleistungsstandort in allen ihren Facetten. Dabei orientierte er sich statt an der von Steinert gelehrten „Subjektiven Fotografie“ an den „New Topographics“, deren Landschaftsbegriff er auf das Ruhrgebiet anwandte. Die Einzigartigkeit von Joachim Schumachers Werk ist nicht zuletzt der unermüdlichen und kontinuierlichen Energie an seinem Lebensthema geschuldet. Spätere Generationen werden es ihm danken.

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Joachim Schuhmacher. Bochum-Hofestede, Dorstener Straße, Einkaufspark Hannibal, ehemalige Zeche Hannibal (2004)

In seinem herausragendem Fotobuch „Das Gebiet“ stellte Joachim Schumacher exemplarisch schwarzweiße Aufnahmen der Jahre 1979 bis 1994 zusammen. Sein neues Werk, das 2014 als Katalog zu einer Ausstellung in der ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche Zollverein in Essen erschienen ist, umfasst nun ausschließlich Farbbilder von der Jahrtausendwende bis heute. Schon der Titel „Von dieser Welt“ macht Schumachers Anspruch deutlich: Er zielt auf die ungeschönte Abbildung des Reviers ab, also jenseits von den sattsam bekannten Landmarken und Industriedenkmälern mit hohem Wiedererkennungswert.

Gerade die vermeintlichen Schmuddelecken und unsanierten Flecken sind dem Fotografen besonders lieb, weil sich an ihnen sehr gut die zeitlichen Überlagerungen ablesen lassen. Das Bild einer Hinterhoflandschaft in Duisburg-Hochfeld zeigt beispielsweise ein Gewirr aus Garagen und Hinterhäusern, deren Anbauten und Überbauungen gleichsam archäologisch decodierbar sind. Gelegentlich verweisen Relikte auf die einstige Nutzung, etwa Mauerreste einer Werkstatt oder folkloristisch anmutende Kohlenförderwagen wie im Einkaufspark Hannibal, wo ansonsten nicht mehr viel aus der Vergangenheit zu sehen ist. Ein bunter Schilderwald buhlt stattdessen um die Aufmerksamkeit der Kunden. Las-Vegas-Ästhetik auf Baumarktniveau.

    Joachim Schuhmacher. Duisburg-Marxloh, Elisenhof, türkische Moschee (2009)
Joachim Schuhmacher. Duisburg-Marxloh, Elisenhof, türkische Moschee (2009)

Konzentrierte sich Joachim Schumacher anfangs vor allem auf die Innenstädte, so fokussiert er nun zunehmend Wohngebiete. Auffallend ist der städtebauliche Einfluss migrantischer Kultur, sei es durch Moscheen oder Ladenlokale, die bislang eher selten Motiv fotografischer Dokumentation waren. Während die alten Zechensiedlungen durch eine Bebauung geprägt waren, die das soziale Miteinander beförderten, zeichnen sich die in jüngerer Zeit erschlossenen Viertel mit Einfamilienhäusern durch architektonische Abgrenzungen aus. So klein die Hütte auch sein mag, große Metallzäune und blickdichte Rundum-Bepflanzungen schotten deren Bewohner von den Nachbarn ab. Jede Wohneinheit ein gut gesicherter Rückzugsort. Trotzdem wird weitergebaut. Ob der Baugrund nun durch Rückstände von Altlasten kontaminiert ist oder nicht, Hauptsache ein Eigenheim. Von wegen Rückzugstrend ins Zentrum. Dass keine gewachsene Infrastruktur vorhanden ist, stört anscheinend keinen der Bauherren. Zwar sind die Dimensionen kleinere, gleichwohl erinnert Schumachers Bild einer Siedlung in Gelsenkirchen-Bismarck unweigerlich an Robert Adams Aufnahmen neu erschlossener Baugebiete in der Wüste von Colorado.

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Joachim Schumacher Bottrop, Im Ringofen, Gelände einer ehem. Ziegelei, 2012

Für seine Arbeit verwendete Joachim Schumacher einen Rollfilm (6 x 12 cm), wodurch sich das ungewöhnliche Querformat erklärt. Was in der Ausstellung gut funktioniert, erweist sich im Fotobuch als Manko. Auf den Inkjet-Prints waren die Details gut zu erfassen, im Katalog nicht. Da gleicht die Sicht auf die Zeche Zollverein, befördert durch den großzügigen Weißraum, einem Blick durch einen Sehschlitz in einer Vogelbeobachtungsstation. Das relativ kleine Format mag den Produktionskosten geschuldet sein, ein kleiner Wermutstropfen ist es dennoch. Markus Weckesser

Joachim Schumacher: Von dieser Welt. Verlag Kettler. Dortmund 2014. 72 Seiten mit 60 Farbfotos. Hc. ISBN 978-3-86206-410-6. 28 Euro. www.joschumacherfotografie.de

Weitere Besprechungen von Markus Weckesser zu Joachim Schumacher finden Sie in älteren Ausgaben von PHOTONEWS zu der Ausstellung „Emscher Revier“ (Juni 2011) und zum Fotobuch „Das Gebiet“ (Juni 2014).

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