Fanpost 5:

Fanpost. Die feste Rubrik im Blog. Seiner Bewunderung für ein Fotobuch Ausdruck geben! Hier kommen Buchhändler und Fotografen, Bibliophile, Experten und Nichtexperten zu Wort, um sich als Fans eines aktuellen Fotobuches zu bekennen. Eines, für das sie besonders schwärmen! Heute mit Michael Klein, einem absoluten Nerd der Fotobuchszene. Er betreibt die Fotobuchhandlung im Haus der Photographie in Hamburg und bespricht von Zeit zu Zeit Bücher für einschlägige Magazine. Vorher war er jahrelang im legendären PPS-Bookshop tätig, einer der ersten Fotobuchhandlungen in Deutschland. Wer die schöne Buchhandlung noch nicht kennt, dem sei unbedingt ein Besuch ans Herz gelegt: immense Auswahl und ein kompetenter Buchhändler, der immer für einen überraschenden Buchtipp, weit ab vom fotografischen Mainstream, gut ist. Kontakt: www.deichtorhallen.de

Olivia Arthur – Jeddah Diary

Frauenleben in Saudi Arabien. Wie von selbst öffnen sich die Schubladen im Kopf: In schwarze Abayas gekleidet, huschen islamische Frauen, immer zwei Schritte hinter ihren Männern, über die Straßen. Der schmale Schlitz des Tschadors lässt lediglich die Augen frei. Wie sich der Körper damit den fremden Blicken entzieht, so verborgen scheint uns das Alltagsleben dieser Frauen in Saudi Arabien überhaupt zu sein. Ein trostloses Dasein in Isolation und Rechtlosigkeit. Verhüllung=Unterdrückung.

Aber hinter den meterhohen Mauern der Innenhöfe, den verschlossenen Türen der Häuser existiert eine Parallelwelt: Junge, sehr sexy gekleidete Mädchen tanzen ausgelassen am Pool. Sie tragen Highheels und große Sonnenbrillen. Aus der Designerjeans lugt das obligatorische „Arschgeweih“. Was in der Öffentlichkeit niemals denkbar wäre, hier, im Privaten, ist es möglich.

Was Olivia Arthur zeigt, überrascht. Der Betrachter begegnet jungen arabischen Frauen, die in zwei Welten zuhause sind. Hier: Die öffentliche Existenz, die geprägt ist von den Vorschriften des Korans, und von den Konventionen der traditionellen ,konservativen saudischen Gesellschaft.

Dort: Das private Dasein, das sich in vielerlei Hinsicht so wenig von dem „westlich“ heranwachsender Mädchen unterscheidet, genauso wie ihre Bedürfnisse und Wünsche…

Wie schon der Titel impliziert, kommt der kleinformatige Band wie ein Tagebuch oder Album daher. Ein gelber Leineneinband mit eingeprägtem Foto auf dem Cover, auf der Rückseite, wie selbstaufgeklebte Sticker, zwei kurze Exzerpte.

Die Fotos im Buch scheinen wie Schnappschüsse, sind jedoch sorgfältig komponiert und ausgewählt, die Bildfolge ist assoziativ und stimmig. Eingestreute schreibmaschinengeschriebene Zitate der fotografierten Mädchen und kurze Texte Olivia Arthurs ergänzen die Fotografien. Sie verweben das Ganze zu einer atmosphärisch dichten Erzählung, die beim Blättern und Lesen Lebensfreude und Temperament der Mädchen unmittelbar miterleben lassen.

Eine besondere Stellung nehmen die Portraits ein. Da die Gesichter der Mädchen nicht öffentlich erkennbar sein durften, fotografierte Olivia Arthur Abzüge der Portraits unter einer starken Lampe, die sie auf die Gesichter richtete, nochmals ab. Durch die Überblendung sind die Gesichter unkenntlich, bekommen aber gleichzeitig einen ganz besonderen Charme. So hat die Fotografin dieses Dilemma auf so simple wie ästhetisch überzeugende Art und Weise gelöst.

Völlig zu Recht wurde „Jeddah Diary“ in die diesjährige Shortlist der Paris Photo–Aperture Foundation PhotoBook Awards als eine der 20 besten Erstpublikationen gewählt. (Michael Klein)

Olivia Arthur: Jeddah Diary. 120 S., 64 Farbfotos, Hc., London, 2012. Erschienen bei Fishbar. Ca. 40,- €

 

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