Fanpost 6:

Heute mit Stephanie Bunk, die auf vielfältige Weise der Fotografie verbunden ist, wobei sie sich besonders für den Spagat zwischen Kunst und Bildjournalismus interessiert. Sie arbeitet für die Griffelkunst Hamburg und ist dort für die Fotoeditionen verantwortlich. Vor einigen Jahren hat sie den „Raum für Photographie“ initiiert, sie ist im Vorstand des Freundeskreises des Hauses der Photographie und Co-Kuratorin der FREELENS Galerie. In der persönlichen Begegnung erweist sie sich als als geschätzte Gesprächspartnerin, mit der man extrem gut über den (fotografischen) Tellerrand hinausblicken kann. Geht es etwa um den neuen Roman von Richard Ford oder die jüngste Platte von „The Giant Sand“, immer wird man mit einem sehr dezidierten, überraschenden Urteil der gelernten Kulturwissenschaftlerin rechnen können. Der Leser mag sich von dieser Urteilskraft im folgenden Fanpost-Beitrag überzeugen!

Kirill Golovchenko. Kachalka. Muscle Beach.

Ich war schon ein Fan der Bilder von „Kachalka“, einem riesigen Open-Air-Bodybuilder-Studio in der Nähe von Kiew, bevor Kirill Golovchenko sie nun als Buch im Kehrer Verlag veröffentlicht hat. Als Kirill sie mir das erste Mal zeigte, konnte ich kaum fassen, was ich da sah, so surreal mutete die gesamte Situation an, wenn Menschen jeden Alters und jedweder Gestalt sich an selbstgebauten, aber immer blauen Fitness-Geräten malträtieren.

Die Dramaturgie des Buches funktioniert wie die kleinste Trainingseinheit – das Heben einer Hantel. Es beginnt mit einem „Warm-Up“ für den Betrachter: der Platz ist noch leer, einzelne Plätze werden belegt, man bereitet sich vor, dehnt sich, meditiert und posiert ein wenig.

Die Mitte des Buches markiert das Bild vom Cover: Wer diese Übung schafft, der hat´s geschafft! Und ab da geht´s richtig zur Sache: Hochrote Köpfe, Schweiß und zum Platzen gespannte Muskeln sind zu sehen. Unwillkürlich denke ich an die Verherrlichung des Körpers in der Sportfotografie, wie sie vor allem bei olympischen Wettkämpfen betrieben wird, und muss schmunzeln. Durch die unpathetische Präsentation der Bilder im Buch – meistens ist nur ein Bild pro Doppelseite zu sehen, manchmal wurden zwei Bilder auf gegenüberliegenden Seiten präsentiert – tritt die komische Wirkung mancher Aufnahmen ein wenig zurück und ihr dokumentarischer Charakter wird umso deutlicher. Und Kirill Golovchenko ist ein Meister der Langzeitreportage, der er vor allem in seinem Geburtsland, der Ukraine, nachgeht. Dass er dabei eine ganz eigene, subjektive und manchmal sehr poetische Sicht der Dinge verfolgt, hat er bereits in seinem Vorgänger „7 km“ gezeigt hat. Humorvoll bleiben die Bilder trotz der Nüchternheit des Buches, doch Kirill verrät seine Modelle nicht.

Vielmehr zollt er ihnen in seinem sehr persönlichen Nachwort Respekt, wenn er sie als Teil einer „Pumping Iron Revolution“, Ausdruck einer allgemeinen Aufbruchsstimmung mit demokratischem Vorzeichen, bezeichnet: „The Kachalka is democratic – here everyone is on the same grounds, no matter which social class they come from“. Und so ist „Kachalka“, wie auch die bisherigen Projekte des Fotografen, nicht nur die dichte, visuelle Beschreibung eines exotischen Ortes, sondern beleuchtet auch exemplarisch die Veränderungen in Osteuropa. Die Farbe Rot auf dem Titel (und als Vorsatzpapier) ist nicht zufällig gewählt, sondern nimmt die Ästhetik und Farbigkeit des Logos der Olympischen Spiele von 1980 in Moskau auf und verweist damit auf eine Zeit vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aus dieser Zeit scheinen auch die Sportgeräte zu stammen, die allesamt ins Museum gehören – und zwar ins Museum of Modern Art! Insgesamt ist dieses eher kleinformatige Buch also ein Schwergewicht, das man trotzdem ohne Anstrengung immer bei sich tragen mag.

Eine letzte Anmerkung unter Fans von Fotobüchern sei noch gemacht: in ihrem Begleittext „Another Type of Democratic Forest“ nimmt Celina Lunsford explizit Bezug zu einem meiner ganz großen Lieblinge – man weiß es schon – dem Buch „The Democratic Forest“ von William Eggleston. Den Vergleich beider Bücher will ich weder wagen noch eingehend kommentieren, aber genau diese kleine Parallelen und Verwandtschaften, vielleicht nur im Geiste, sind es, die mich zu einem Fan des Buches von Kirill Golovchenko machen. (Stephanie Bunk)

Kirill Golovchenko. Kachalka. Muscle Beach. Kehrer Verlag. Heidelberg, 2012. 96 Seiten,  53 Farbfotos.  ISBN 978-3-86828-359-4. 28,00 € .

Auch als Vorzugsausgabe erhältlich: Kirill Golovchenko. Kachalka. Muscle Beach Special PUMPING Edition. (Auflage: 100 Stück, bestehend aus dem Buch und Print, 16 x 22 cm – signiert und nummeriert, freie Motivwahl aus dem Buch). Der Preis ist 89,00 € plus Versand. Kontakt: KirillGolovchenko@gmail.com

 

Kommentare

  1. Christoph Ehleben meint

    Witzig anzusehen, aber auch nichts wirklich neues. Mit solch einfachen, selbstgebauten Geräten haben die Bodybuilder in den 50er bis 70er Jahren in Kalifornien/USA auch trainiert. Selbst Arnold Schwarzenegger und der hat es bis zum Mr. Universum geschafft.

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