Fanpost 8: Ekaterina Anokhina – 25 Weeks of Winter

Endlich wieder eine Fanpost im Blog, die heute von Michael Kollmann kommt, der tagtäglich mit dem Fotobuch zu tun hat. Er bekleidet in Wien die Stelle als Fotobuchkurator bei Peter Coeln im WestLicht(Museum) und OstLicht(Galerie). Im Museum baut er das Medium Fotobuch vermehrt in das Ausstellungsprogramm, während er in der Galerie die öffentlich zugängliche Fotobuchbibliothek mit 25.000 Büchern betreut. Michael Kollmann ist u.a. für die Ausstellung zur legendären “Camera” Zeitschrift von Allan Porter im letzten Jahr verantwortlich gewesen. Der Buchexperte ist Mitorganisator des ViennaPhotoBookFestivals, das erstmals erfolgreich in diesem Sommer stattfand. Sein neuestes Projekt heißt “Publisher in Residence”, in dem er jeweils einem Independent Verlag die Möglichkeit bietet, für die Dauer von drei Monaten sein Gesamtprogramm in der angeschlossenen Buchhandlung zu präsentieren.

Ekaterina Anokhina  - 25 Weeks of Winter
Buchcover: Ekaterina Anokhina – 25 Weeks of Winter

 

Michael Kollmann stellt das Büchlein “25 Weeks of Winter” von Ekaterina Anokhina  vor:

Ladet eure Waffen, bringt eure Freunde mit
Es macht Spaß zu verlieren und vorzutäuschen
Sie ist überaus gelangweilt, selbstversichert
Oh nein, ich weiß, ein schmutziges Wort

Und ich vergesse, warum ich schmecke
Oh ja, ich vermute, das bringt mich zum Lächeln
Ich fand es schwer, es war schwer zu finden
Ach, was auch immer, macht nichts
Hallo, hallo, hallo, wie tief?

Diese in Deutsche übersetzten Strophen gehören zu einem Welthit, der über 30 Millionen Mal verkauft wurde. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es keinen einzigen Menschen gibt, der behaupten könnte, jemals verstanden zu haben, um welchen Inhalt es sich bei Nirvanas “Smells like Teen Spirit” handelt. Es ist ein poetisches Aneinanderfügen von scheinbar willkürlichen Wörtern und Sätzen, die die Freiheit der individuellen Interpretation zulassen. Der Song wurde zur Hymne einer ganzen Generation, die lautstark einen abstrakten Text mitsang, der ihr Gefangensein im eigenen Ich versinnbildlichte.

Was uns im Pop und in der Mainstream-Kultur glücklich machen kann und zu funktionieren scheint, bringt in der Fotokunst und bei Fotobüchern höchstens ein “Verstehe ich nicht” hervor. Schade eigentlich.

Ekaterina Anokhina  - 25 Weeks of Winter
Doppelseite aus dem Buch “25 Weeks of Winter”

“25 Weeks of Winter” von Ekaterina Anokhina ist ein Buch, das sich genau der gleichen Stilmittel wie der oben erwähnte Songtext bedient. In einer Abfolge abstrakter, aber auch sehr konkreter Fotografien, lässt die Fotografin den Betrachter in ihre innere Welt blicken. Das Ausloten und Heraufbeschwören von eigenen erlebten Emotionen ist dabei ihr Ziel. Durch seine kleine handliche Größe (10,5 x 14,8 cm) ist es ein echtes Pop-Format geworden. Mit lediglich 32 Fotos auf 64 Seiten gleicht es im Aufbau einem rotzigen 2-Minuten-Punkrock Song. “Rein – Raus – Fertig” – und dabei alles erzählt, was es zu sagen gibt. Grandios. Die Melodieführung in der Bildsprache lehnt sich an den von Kurt Cobain vergötterten Pixies an: mal sanft und ruhig, dann wieder laut und hart.

Doppelseite aus dem Buch
Doppelseite aus dem Buch “25 Weeks of Winter”

Die 1983 in Moskau geborene und dort lebende Fotokünstlerin Ekaterina Anokhina schafft es, in dem Buch ihren persönlichen Liebeskummer, die Verzweiflung und das Gefühl der Einsamkeit nach einer Trennung zu visualisieren, abseits vorgefertigter Klischees oder Sinnbilder. Sie formt mit ihrem als Tagebuch konzipierten Fotobuch einen melancholischen Love Song, in dem die lauteren Töne befreiend wirken. Nach ihrer erlebten Zweisamkeit/Einsamkeit, die sie in dem Buch verarbeitete, schickte sie “25 Weeks of Winter” einer Psychologin in Paris zur Analyse. Deren schriftliche Auswertung gibt sie dem Buch als Beipackzettel hinzu. Darauf können wir dann die von der Ärztin beschriebenen Symptome, die Diagnose und das empfohlene Rezept zu ihrer “Krankheit” ablesen. Sensationell.

Ekaterina Anokhina  - 25 Weeks of Winter

Die nun erste Handelsedition ist in einer Auflage von 250 Stück bei Peperoni Books erschienen. Dem vorangegangen war eine enge Zusammenarbeit mit Hannes Wanderer, der Ekaterina Anokhina und ihre Kommilitoninnen an der “Rodchenko Moscow School of Photograph and Multimedia” in der Phase der Diplomarbeit begleitete. Das Buch wurde im Mai 2013 als Diplomarbeit in einer Auflage von 50 Stück im Selbstverlag herausgebracht. Präsentiert wurde es Anfang Juni beim ViennaPhotoBookFestival, wo es neben “Be Happy” von Igor Samolet der Hit des Festivals wurde und am Ende der Tage restlos “sold out” war.

Ekaterina Anokhina  - 25 Weeks of Winter

Für mich persönlich zählt “25 Weeks of Winter” zu den besten Fotobüchern des Jahres 2013. Es ist sicherlich kein Buch, das die Welt neu erfindet, aber es strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Es ist unglaublich überzeugend und in seiner Gesamtheit perfekt gelöst. Wenn das der Auftakt zu einer neuen Generation von Fotokunst-Studenten ist, die das Medium Fotobuch sehr ernst nehmen und so geschickt damit umgehen können, dann mache ich mir wegen der Zukunft des Fotobuchs keine Sorgen.
Michael Kollmann

Ekaterina Anokhina. 25 Weeks of Winter. Text v Inga Metreveli. Peperoni Books. Berlin, 2013. ISBN 978-3-941825-54-3. 64 S. mit 32 , überw. farb. Fotos. Pb. 20,00 €

 

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