Freya Najade »Jazorina«

Nochten Boulder Park

Die rotweißen Ringe leuchten in frischer Farbe etwas zu perfekt vor dem verwaschenen Himmel. Hinter neu errichteten Ferienhäusern ragt ein Turm hervor. Als Orientierungshilfe dient er Touristen, die ein außerordentliches Domizil suchen, von dem sie später zuhause erzählen werden. Ihre Nacht im Leuchtturmhotel. Seeblick inklusive. Der ist dann aber nicht auf Nord- oder Ostsee gerichtet, sondern auf eine Braunkohlegrube in Sachsen, die geflutet ist,  jetzt Geierswalder See heißt und zum Kerngebiet der Lausitzer Seenlandschaft gehört. Durch die Flutung stillgelegter Braunkohletagebaue soll hier zukünftig Europas größte künstliche Wasserlandschaft und ein Ferienressort entstehen.

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Die Sonne geht unter, das Licht des Feuerballs bricht sich auf der Wasseroberfläche. Eine mit ungelenken Pinselstrichen direkt auf die Wand aufgebrachte Ansicht einer Seenlandschaft hübscht die nackte Wand einer Kneipe auf. Der Leuchtturm und die kitschige Romantikansicht stammen aus dem neuen Buch von Freya Najade, das den poetisch geheimnisvollen Titel „Jazorina“ trägt. Ein Wort, das aus dem Obersorbischen stammt und Seenlandschaft bedeutet. Einst bildeten die Sorben eine starke Bevölkerungsgruppe in dem Gebiet der Lausitz, heute stellen sie eine Minderheit dar, die die eigene Sprache und ihr Brauchtum bewahrt.

Auch der Bergbau reicht in der Historie weit zurück, er hat eineinhalb Jahrhunderte die Region wirtschaftlich geprägt. In den fünfziger Jahren beschloss die DDR-Führung ein unabhängiges Energiekonzept. Statt zu importieren wurde auf die eigene Versorgung durch Braunkohlevorkommen gesetzt. Einige Gruben wurden allerdings schon in den siebziger Jahren stillgelegt und geflutet. Nach der Wiedervereinigung wurde das Mammutprojekt, eines der größten deutschen Seengebiete zu erschaffen, initiiert. Heute gibt es 25 Seen. Eine Karte im Buch bietet einen Überblick über die Region zwischen Senftenberg und Hoyerswerda. Die dunklen Seenflecken darauf wirken fast wie Puzzleteile, bei denen man verzweifelt, weil sie sich nicht ineinander fügen.

Freya Najade hat hier mehrere Sommer während der Hochsaison verbracht, um den Wandlungsprozess dieser so geschundenen Gegend zur touristischen Attraktion zu dokumentieren. Einst Naturareal, dann Industriegebiet, jetzt die Umkehr zum „Biotop aus zweiter Hand“, zu neuen Seenlandschaften und Erholungsgebieten. Das, was uns Freya Najade vorführt, wirkt dann auch oft so, als ob sich verschiedene Szenarien einfach ineinander geschoben haben. Hier soll zusammen gehören, was nicht wirklich passt. Da findet sich in einer Ansicht der neu angelegte Findlingspark, während im Hintergrund das Braunkohlekraftwerk Boxberg riesige Schadstoffwolken in den Himmel stößt. Dessen Versorgung erfolgt durch den Tagebau Nochten, der 18 Mio. Tonnen Braunkohle pro Jahr fördert. Die Fotografin zeigt in einem anderen Bild eine rücksichtslos ausgebeutete Landschaft, wobei riesige Gerätschaften die Oberschichten abtragen. Man wird sich als Betrachter einer Faszination nicht entziehen können, um gleichzeitig Pein über die extensive Landschaftsausbeutung zu empfinden.

Nochten Opencast Mine

Freya Najade macht es geschickt, wenn sie die ständigen Widersprüche herausarbeitet. Die Bilder, die eine fortdauernde Zerstörung dokumentieren, werden eingeflochten in die Ansichten einer sich wandelnden Landschaft mit neuem Waldbestand und kilometerlangen Uferbepflanzungen. Da steht eine umgebaute Förderbrücke verloren in der Landschaft, die als Anlegestelle für Boote dienen soll, wenn die Flutungsphase des Sees eines Tages abgeschlossen ist. Gleichzeitig sieht man einen auf einer Abraumhalde angelegten Weinberg. Nach kreativen Lösungen wird händeringend gesucht, egal, ob das nun ein Leuchtturm ist oder ein Anbaugebiet für Wein. Und kreativ sind auch die Leute, die hier leben und sich eine glänzende Zukunft ihrer Region ausmalen, in der Ströme von Touristen angezogen werden. Da wird schon mal ein Eisstand vor Förderbrücken aufgestellt. Ein Mann namens Bodo, der ein wenig wie der Leutchtturmwärter aussieht, sitzt auf seinem Klappstuhl inmitten einer Wiese, um Touristen mit Erfrischungen zu versorgen, auch wenn diese gerade nicht vorbeikommen. Vielleicht machen die aber gerade eine Besichtigungstour im Kraftwerk Schwarze Pumpe, um hinterher noch ein Stück Kohle, eingepackt in Plastik, als Andenken zu erwerben.

Bodo

Die Arbeiten der Fotografin sind sehr pointiert, wobei besonders ihre Porträts eine Kraft entwickeln. Da sind die Bewohner, die hier schon immer gelebt haben und die die Veränderungen hoffnungsvoll, manchmal auch argwöhnisch beobachten. Und es sind immer wieder versprengte Touristen zu sehen, die mit den Beinen im Wasser stochern, in Bademänteln über die Straße huschen oder ihre nagelneuen Luftmatratzen mit sich führen, um deren Schwimmtauglichkeit auf den Seen zu erproben. Die Urlauber scheinen sich zu amüsieren, auch wenn sie manchmal ein wenig zu sehr die Ruhe betonen, die sie in dieser Region empfängt (was man aus den am Ende des Buches mitgelieferten Bildlegenden erfährt). Und wenn die Langweile überhand nimmt, kann man immer noch die Ausstellung ausgestopfter Wölfe im hiesigen Museum besuchen.

Max

Freya Najade hat die Lausitzer Seenlandschaft immer wieder durchkämmt. Ihr Blick changiert zwischen heiter-leicht und schwermütig, wenn sie auf eine bizarre Landschaft im Ab-, Um- und Aufbruch blickt. Ein Ort, der zugleich bizarre Mondlandschaft und verwunschenes Märchenland darstellt. Das macht sie äußerst clever, wenn sie ihre Kamera immer wieder auf die Bruchstellen von Industrie und Natur richtet oder die Effekte von Renaturierungsprozessen darstellt, hinter denen eine merkwürdige Künstlichkeit aufploppt. Sie zeigt das Provisorische eines Leerraums und die oft rührenden Bemühungen, diesen mit Attraktionen jedweder Art aufzufüllen. Noch ist der Himmel von den Emissionen verhangen, aber Planer, Unternehmer, Bewohner und treu wiederkehrende Besucher scheinen sich einig: Nur noch eine Frage der Zeit, bis die (touristischen) Landschaften blühen. (Peter Lindhorst)

Freya Najade. Jazorina. Kehrer Verlag. Heidelberg, 2016. Mit Texten v. Lucy Davies u. Tina Veihelmann. ISBN 978-3-86828-691-5. 104 S. mit 53 Farbfotos. Hc. € 35,00

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