Interview mit dem niederländischen Fotobuch-Designer Sybren Kuiper

Dieses Interview erschien erstmals in Photonews Oktober 2011.

Peter Lindhorst/Photonews: Syb, welches Buch hast Du zuletzt erworben, das ein besonderes Design aufweist?

Sybren Kuiper: Eigentlich kaufe ich gar nicht so viele Fotobücher. Es lenkt mich zu sehr ab. Wenn ich bei einem Fotobuchfestival wie in Kassel an den Buchständen vorbeilaufe, werde ich immer unruhig und fühle fast ein bisschen Beklemmung. Derart viele und vor allem gut gestaltete Bücher! Je mehr Bücher ich entdecke, die gute Design­ideen und Konzepte enthalten, desto mehr entsteht das Gefühl, dass ich bestimmte Ideen nicht mehr anwenden kann. Ich bleibe lieber ein bisschen „ahnungslos“. Das gibt mir das Gefühl von größerer Design-Freiheit. Natürlich ist das eine Illusion, aber irgendwie funktioniert es nur so bei mir.

Auf Deiner Website erfährt man, dass Du in verschiedenen Bereichen des Grafikdesigns tätig bist. Kannst Du über Deine Ausbildung und Deinen beruflichen Werdegang berichten?

Heutzutage arbeite ich haupt­säch­lich in zwei Bereichen. Auf der einen Seite stehen Aufträge für die Plakatgestaltung von Theatergruppen und -festivals, auf der anderen Seite Fotobücher. Beide Bereiche sind sehr unterschiedlich. Plakate müssen ausdrucksstark sein, für die entwickle ich sehr eigenwillige Bild­ideen. Ich kann einen Fotografen beauftragen, meine Idee visuell umzusetzen (meist frage ich dann Niels Stomps). Ich kann mich auch entscheiden, bestehendes Bildmaterial zu nutzen, um eine Collage oder eine Illustration daraus zu erstellen. Das Design dient dazu, unmittelbare Aufmerksamkeit auf der Straße zu generieren. Die Plakate sollen den Betrachter fast ein wenig anschreien. Fotobuch-Design ist etwas ganz anderes. Sicherlich hofft man, ein Buch zu machen, dass die Aufmerksamkeit für die Designqualität erregt, aber das Design soll letztlich dem Inhalt dienlich sein, indem es die Qualität der Fotos bzw. das erzählerische Element hervorhebt. Es darf sich nicht gegen die Bilder stellen, soll also nicht schrei­en, sondern unterstützen.
Die Kunsthochschule besuchte ich erst, nachdem ich einen Universitätsabschluss in Niederländischer Sprache und Literatur gemacht habe. Daher war ich schon ziemlich alt, als ich mit Grafikdesign begann. Erst nach und nach entdeckte ich, dass mein Literaturstudium und meine Grafikausbildung viele Be­rührungspunkte haben. Meistens besteht mein Grafikdesign darin, Geschichten zu erzählen. Deshalb würde ich mich als einen erzählenden Designer bezeichnen. Und tat­sächlich benutze ich auch oft Texte in meinem Design, die ein Wechselspiel mit den Bildern eingehen.

Wie kamst Du zu Deinem ersten Auftrag, ein Fotobuch zu gestalten?

Ich arbeitete bereits ca. 9 Jahre als Grafikdesigner, als mir bewusst wurde, dass ich noch nie ein Buch gestaltet habe. Der Gedanke gefiel mir nicht. So beschloss ich, die erstbeste Möglichkeit zu ergreifen, die sich mir bieten würde, um ein Buch zu designen. Die Gelegenheit ergab sich, als ich ein Mädchen sah, das in einem benachbarten Supermarkt hinter der Käsetheke stand und dort völlig fehl am Platze schien. Ich kaufte immer wieder bei ihr ein und nach einem halben Jahr kamen wir ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie eine Fotografiestudentin an der Kunsthochschule war und gerade ihren Abschluss machte. Nachdem sie mir ihre Arbeit gezeigt hatte, schlug ich ihr vor, ihr erstes und zweites Buch unentgeltlich zu gestalten, einfach um es mal auszuprobieren und vielleicht Aufmerksamkeit als Designer von Büchern zu erlangen und Auf­träge zu erhalten. Und genauso ist es passiert. Das Mädchen war Cuny Janssen und die ersten beiden Bücher waren „India” und „Macedonia.”

Mit wem hast Du sonst bisher zusammengearbeitet?

Ich hab bis heute mit einer ganzen Menge Fotografen kooperiert, darunter auch einige, die noch nicht so bekannt sind. Neben Cuny Janssen waren das u.a. Niels Stomps, Vivia­ne Sassen, Rob Hornstra, Judith van Ijken, Anoek Steketee, Gijsbert Hanekroot, dann noch Florian van Roekel und Carla van den Putelaar. In letzter Zeit habe ich einige Aufträge aus anderen Ländern bekommen, ein Buch des italienischen Fotografen Valerio Spada mit dem Titel „Gomorrah Girl“ und eine Zusammenarbeit mit Michael Kominek, mit Fotos des mexikanischen Fotografen Enrique Metinides, die ich wirklich sehr mag.

Deine meisten Bücher erscheinen in niederländischen Verlagen. Wa­rum sind die niederländischen Verleger experimentierfreudiger als die deutschen Kollegen?

Das stimmt eigentlich nicht. Inzwischen sind einige Bücher außerhalb der Niederlande veröffentlicht worden. „Flamboya“ von Viviane Sassen wurde von dem italienischen Verlag Contrasto produziert. Ihr neues Buch, an dem wir gerade arbeiten, wird bei Prestel erscheinen. Die letzten drei Bücher von Cuny wurden von dem Kölner Snoeck Verlag veröffentlicht. „Dream City“ von Anoek Steketee ist bei dem deutschen Verlag Kehrer erschienen; Niels Stomps‘ „83 Days of Dark­ness“, wurde von der Kominek Galerie herausgegeben. Vielleicht sollte man den Spieß umdrehen: Warum sind deutsche Verlage experimentierfreudiger als ihre niederländischen Kollegen?

Erkennt ein Fotograf die Gestaltung als eine autonome Kunstform an? Inwieweit sind Fotografen bereit, ihr Material in fremde Hände zu geben?

Erst einmal: Ich bin kein autonomer Künstler, sondern arbeite im Auftrag. Mein Ziel ist es immer, ein gutes Buch zu gestalten, das die bestmögliche Form für das jeweilige Projekt darstellt. Und ein Buch ist nur ein gutes Buch, wenn mein Kunde das auch empfindet. Fotografen, mit denen ich arbeite, haben oft Riesenrespekt vor dem Designer und seinen Visionen, aber letztendlich ist es ihr Projekt, nicht meines. Die Projekte werden meistens als etwas sehr Persönliches betrachtet, und – abhängig von der jeweiligen Persönlichkeit des Fotografen – muss man unterschiedlich vorsichtig mit ihren „Babies“ umgehen. Es kommen aber auch Fotografen und sagen: „Hier sind meine Fotos, bitte mach ein Buch daraus.“ In solch einem Fall habe ich völlig freie Hand, das Material zu editieren und eine Struktur zu schaffen, um eine Erzählung mit dem vorgegebenen Material zu kreieren. Andere Fotografen haben eine ausgefeilte Vorstellung, wie ihr Buch aussehen sollte. Das ist zunächst zwar sehr schön und eine klare Angelegenheit für mich, wird dann aber sehr aufwendig, wenn ich zusätzliche neue Ideen einfüge. Ich muss sie also immer erst einmal überzeugen, dass es so noch besser funktionieren könnte. Letztendlich entsteht immer eine offene und respektvolle Diskussion.

Könntest Du konkret beschreiben, wie die Zusammenarbeit mit einem Fotografen aussieht? Das Buch von Gijsbert Hanekroot etwa ist sehr gelungen. Wie lief das in der Praxis ab?

Witzig, dass Du ausgerechnet „Abba…Zappa“ herauspickst, das ist nämlich das einzige Beispiel, bei dem ich einen Fotografen inständig bat, sein Buch gestalten zu dürfen. Das Buch liegt mir sehr am Herzen. In gewisser Weise ist es ein gutes Beispiel, wo ich ein erhebliches Maß an Freiheit erhielt, vielleicht wie bei keinem anderen Buch zuvor. „Abba…Zappa“ ist eine Werk­übersicht von Gijsbert Hanekroot, der in den späten 60er bis Mitte der 70er Jahre Hausfotograf bei Oor war, dem niederländischen Gegenstück zum Rolling Stone. Irgendwann besuchte mich Gijsbert im Studio. Den Anblick werde ich nie vergessen, als er mit zwei riesigen Plastiktüten ankam, die bis zum Platzen mit Originalabzügen gefüllt waren. Ich sprach ihn auf die Menge der Fotos an, worauf er ein wenig abwesend antwortete, dies seien nur die ersten drei Buchstaben des Alphabets. Er breitete Stapel mit Fotos meiner Rockheroen aus, in zufälliger Reihenfolge, in verschiedenen Größen und Formen. Unter jedem Bild gab es immer neue Überraschung zu entdecken. Sofort hatte ich das Gefühl, dass es eine gute Idee sei, für den Leser eines Buchs einen ähnlichen Effekt zu simulieren. Als ob er einen Stapel von Fotos durchblättert, in dem die hektische Energie jener Zeit eingefangen ist. Aber es sollte natürlich ein richtiges Buch werden, gebunden und nicht nur ein Stapel loser Bilder… Die Schwierigkeit würde sein, ein Buch zu produzieren mit scheinbar zusammengewürfelten Fotos, die unterschiedliche Formate und Größen aufweisen. Wie ließe sich so etwas aufbinden, wenn nicht in teurer Handarbeit? Der Drucker sagte, dass es unmöglich sei, aber ich wollte nicht aufgeben und ging direkt zum Buchbinder. Zu meiner Überraschung schickte mir dieser wenig später einen Dummy mit einer Fülle unterschiedlicher Seitenformate und Variationen, der mechanisch gebunden war.
Eigentlich war ich überfordert, gleichzeitig ein Design auszudenken und die Fotos sinnvoll dazu auszuwählen. Ich versuchte also, mich auf 10-12 Varianten zu begrenzen und die Fotoauswahl so zu machen, dass sie in ein Schema passen würde. Ein Balanceakt wie im Zirkus, bei dem ich vor allem die Bindung im Auge behalten musste, wenn ich die Größen der Seiten variieren wollte. Gijsbert und ich waren beide der Überzeugung, dass es besser für das Buch sei, anstelle einer alphabetischen oder chronologischen eine intuitive Reihenfolge vorzunehmen. Er gab mir alle Freiheit bei der Zusammenstellung… doch irgendwo in der Mitte des Auswahlprozesses rief er plötzlich ein wenig besorgt an. Nach 35 Jahren als Fotograf sei er ziemlich sicher, welches das stärkste Bild einer Serie sei. Ich sagte ihm, dass ich das gut verstehe, aber nicht so recht sehe, worüber er besorgt sei, als er mir antwortete: „Nun ja, du hast immer genau ein anderes Foto als ich ausgesucht“.
Das war interessant für mich, weil ich sehr intuitiv arbeite und zu erkennen versuche, was ein Bild oder eine Kombination mit mir als Betrachter anstellt. So erklärte ich ihm die Gründe meiner Auswahl. Ich hatte erkannt, dass Gijsbert eine Reihe von Bildern gemacht hatte, die die Rockstars in sehr persönlichen Momenten zeigt. Keine vorgefertigten Rollenklischees, keine Posen wie bei den Kollegen. In Gijs­berts Fotos wirkten sie viel menschlicher und zugänglicher. Wenn selbst Neil Young, der selbsternannte Einzelkämpfer, lächelt…

Doppelseite aus dem Buch “Abba…Zappa”
Doppelseite aus dem Buch “Abba…Zappa”

Wie lange arbeitest Du mit dem Material eines Fotografen? Ist der Fotograf in jeden Schritt des Entscheidungsprozesses eingebunden?

Es scheint so, als ob ich wirklich rasch und intuitiv Bildmaterial editieren und gestalten kann. Selbstver­ständlich sind Fotografen in jeden Entscheidungsschritt eingebun­den. Er oder sie ist der Chef. Meine erste Herangehensweise ist, die Zusammenstellung des Fotografen (welche ich total respektiere) zu ignorieren, um möglicherweise zu erkennen, welche Art der Auswahl und Erzählung aus den Fotos selbst heraus entsteht. Manchmal klappt das ziemlich gut und mir gelingt, den Fotografen mit seinem eigenen Material zu überraschen, aber das ist natürlich nicht immer der Fall. In anderen Situationen kehren wir gemeinsam zur Anfangsidee des Fotografen zurück. Ich mag die Vorstellung, dass die Fotos selbst – nicht aber der Designer und auch der Fotograf nicht – das Buch gestalten. Man muss die Fotos fühlen. Jede Fotoserie verlangt nach einer eigenen Umsetzung, damit sie funktioniert.

Wann merkst Du, ob ein Buch abgeschlossen ist?

Man kommt an einen Punkt, wo jede kleine Veränderung oder Verschiebung das Buch schlechter macht. Und tatsächlich ist das etwas, was man eher fühlt, als dass man es rational begründen kann.

Wie ist Deine Intention bei der Gestaltung? Muss das Design immer den Inhalt unterstützen? Oder erzählst Du mit der Gestaltung Deine eigene Geschichte?

Natürlich dient das Design dazu, den Inhalt zu stützen. Meine Aufgabe ist es, meinen Klienten neue und hoffentlich bessere Lösungen anzubieten, um eine Geschichte herauszuarbeiten. Es gibt einige wenige Dinge, die ich für wichtig erachte. Ich mag ein Buch, das ein oder zwei markante, kühne Design­entscheidungen enthält, die dann durchgehend im Buch angewandt werden, um es von anderen Titeln grundlegend zu unterscheiden und ihm eine starke Persönlichkeit zu vermitteln. Aber wie ich schon sagte: die Designentscheidung hat sich immer dem Inhalt unterzuordnen.

Als wie wichtig erachtest Du Texte in Fotobüchern?

Das kommt darauf an. Manchmal muss man richtig ringen, um einen passenden Text beizufügen und das ist eigentlich schon ein Anzeichen, dass das Buch diesen nicht wirklich benötigt. Manchmal will ein Fotograf aber auch keinen Text und ich komme während des Gestaltungsprozesses zu dem Schluss, dass die Fotos durchaus einen (Kon-)Text vertragen könnten. Ich habe selbst einige Texte für Fotobücher verfasst (meist unter einem Pseudonym). Mir gefällt es allerdings nicht, wenn ein Buch unmittelbar mit einem Text oder Essay eingeleitet wird. Ich will nicht, dass jemand die Arbeit schon interpretiert, bevor ich überhaupt die Chance habe, mir eine eigene Meinung zu bilden. Sicherlich gibt es Ausnahmen wie bei Viviane Sassens „Flamboya“, ein Text, den Moses Isegawa verfasst hat, und der sehr literarisch und weniger essayis­tisch ist. Übrigens ein sehr, sehr schöner Text!

Könnte eine gelungene Gestaltung so etwas wie die „Rettung“ für das Fotobuch bedeuten? Oder wird das Buch der Zukunft rein digital sein?

Ich glaube, dass auch zukünftig eine große Nachfrage nach Büchern sein wird, aufgrund ihrer physischen Qualität. Bestimmte Erfahrungen kann man nur mit einem Buch als physischem Gegenstand machen. Genau diese Erfahrungen versuche ich im Design umzusetzen, um das Buch von anderen Medien abzuheben. Andererseits bin ich schon gespannt, ein E-Book zu designen und die spezifischen Möglichkeiten des Mediums auszuloten und möglicherweise vorgegebene Grenzen in dem Prozess zu verschieben.

Hast Du bestimme Maximen, die Du beim Buchdesign immer wieder anwendest?

Ich habe „10 Golden Rules to Excellent Photo Book Design“ für einen Vortrag in Kassel 2010 entworfen. Der Titel war natürlich ironisch gemeint und um ein wenig Aufsehen zu erregen, aber tatsächlich gelten die Regeln für meine Design-Praxis, wenn man sie nicht zu ernst nimmt.

In Expertenkreisen bist Du mittlerweile ziemlich bekannt. Ein Buch mit dem Design von SYB bedeutet ein Qualitätsmerkmal. Gibt es so etwas wie ein verbindendes Element Deiner sehr unterschiedlichen Projekte?

Ein Charakteristikum könnte sein, dass ich jede physische Dimension eines Buches ausnutze, um eine Geschichte zu erzählen. Und dass ich immer versuche, bestimmte technische Einschränkungen soweit zu verschieben, dass ich etwas Neues erreiche.

Was würdest Du einem Debütanten raten, der sein erstes Fotobuch machen will?

Einfach loslegen. Nicht zu ängstlich sein, andere Leute/De­signer anzusprechen und ihre Meinung einzuholen. Aber am wichtigsten: sei offen und beharrlich zugleich!

Weitere Informationen:
www.sybontwerp.nl

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