Irina Ruppert. Rodina

Heimat, ein aufgeladener Begriff, beschreibt allgemein das Verhältnis des Menschen zu einem Ort, in den er hineingeboren und frühsozialisiert wird. Heimat als räumlich-sozialer Ort ist mitverantwortlich, Identität, Charakter und Weltsicht zu bestimmen. Irina Rupperts neues Buch heißt „Rodina“. Das ist die russische Vokabel für Heimat. Die Fotografin, die als Siebenjährige mit ihrer Familie von Kasachstan nach Deutschland gezogen ist, präsentiert eine Fotoserie, die Heimat als ein nostalgisches Gefühl, eine Sehnsucht desjenigen beschreibt, der den Kokon des Vertrauten früh verlassen hat. Heimatgefühle entstehen aus der verblassten Erinnerung an die eigene Kindheit, die oft zu paradiesischen Zuständen verklärt ist.

Irina Ruppert ist an die Sehnsuchtsorte ihrer Kindheit zurückgekehrt, um ihren Erinnerungen entsprechende Bilder abzuringen. Heimat ist in ihren Fotos ein –allerdings verschlafenes- Paradies. So nimmt die Fotografin den Betrachter mit in ein archaisches, völlig entschleunigtes Milieu am Rande Osteuropas, in der die Globalisierung höchstens in Form eines dilettantisch gepinselten Reklameschriftzugs auf der verwitterten Holztür eines Schuppens angekommen ist. Als Betrachter taucht man in eine hermetische Parallelwelt, in der die Zeit merkwürdig zurückgedreht scheint: zwei Jungen rollen mit ihrer Seifenkiste die abschüssige Dorfstraße entlang. Wäsche hängt aus dem Fenster, Essen ist bereitet. Ein Mann senst eine Wiese. Ein Junge stoppt sein Fahrrad, um sich mit einer Ziege zu unterhalten. Und weitere Erinnerungsbilder: die eindrucksvollen Horizonte der die Dörfer umgebenden Landschaften. Trauernde beten vor einem geöffneten Sarg. Ein Huhn wird geschlachtet. Ein Familientrio befindet sich in enger Umarmung.

Eine junge Frau sitzt am Fenster und wendet uns den Rücken zu. Sonnenstrahlen durchfluten den dunklen Raum. Auf einer Kommode schweigt ein altes Bakelit-Telefon. Wohin mögen ihre Gedanken schweifen, während die Erstarrte in die Ferne blickt? Ähnlich scheint es dem Betrachter von Irina Rupperts poetischen, in wunderbare Farben getauchten Szenen zu gehen. Wie durch ein Fenster betrachtet man die Fotos, während das Denken mehr und mehr von eigenen Kindheitserinnerungen durchwoben wird.

Heimat ist der Ort der Kindheit, das Reich der Erinnerung. Aber was löst letztgenannte aus? Oft sind es kleine Impulse, die die Erinnerung nach oben spülen. Dafür können visuelle, olfaktorische oder taktile Reize verantwortlich sein. Auf dem leinenbezogenen Umschlag von „Rodina“ klebt statt des üblichen Fotos ein kleines Stück einer schweren Textiltapete. Beim Rezensenten ruft das eine spezifische Empfindung hervor, als er mit den Fingern darüber streift. Für einen kurzen Atemzug scheint es, als ob er noch einmal als Kind in den Wohnstuben der eigenen Großeltern gelandet sei. So in etwa funktionieren auch Irina Rupperts Bilder. Peter Lindhorst

Irina Ruppert: Rodina. Peperoni Verlag, 2011. ISBN 9783941825321. 64 S. 29 Fotos. Geb. 36,- Euro

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