Jim Mangan. Color’d. / Bastard Child.

Jim Mangan. Bedu.
Jim Mangan. Bedu.

Sandwolken explodieren. Körner umwirbeln nackte Körper. Mein Favorit  der diesjährigen “Visual Leader” Ausstellung ist die Serie „Bedu“ des Amerikaners Jim Mangan. Sie ist der Abschluss einer Trilogie, die nach Aussagen ihres Schöpfers den Themenkomplex „Wiedergeburt“ behandelt. „Bedu“ ist eine sehr surreal anmutende Arbeit, in der es  – wie in seinen beiden vorausgehenden Serien – um Naturverbundenheit, um Freiheit und Enthemmung geht. Nacktheit als archaische Grunderfahrung und Metapher der Lossagung von allen gesellschaftlichen Konventionen. Magnans Arbeiten wirken wie das süße Versprechen auf eine Utopie der Freiheit. Und dennoch ist sein Ansatz ein viel zurückhaltender als der eines Ryan McGinley, der mit ähnlichen Sujets arbeitet und bei dem die Lebenswelt seiner Protagonisten authentisch aussehen soll, dabei aber sehr kalkuliert rüberkommt.

Am Tag der Verleihung der Visual Lead-Preise treffe ich mit dem Fotografen zusammen, der sich die Ausstellung anschaut und mir seine beiden letzten Publikationen präsentiert: „Color’d“ und „Bastard Child“.

Jim Mangan signiert seine beiden Bücher
Jim Mangan signiert seine beiden Bücher in der Buchhandlung im Haus der Photographie, Hamburg

Jim Mangan war zunächst in der Snowboard-Industrie tätig, bevor er all seine Ersparnisse zusammenkratzte, seinen Job aufgab und eine erste Serie fotografierte. In “Winter’s Children”  überredete er Freunde dazu, sich auszuziehen und die schneebedeckten Hügel auf dem Snowboard  hinunter zu gleiten. Die Serie musste natürlich viel Aufmerksamkeit erregen. Nackte Menschen auf ihren Boards – das wirkte schön bizarr.

Jim Mangan. Winter's Children.
Jim Mangan. Winter’s Children.

Doch dem Fotografen ging es nicht um etwaige Schockeffekte, sondern darum, fotografisch eine Nähe  zu seinen Freunden abzubilden und jene Ungezwungenheit  und Spontaneität zu zeigen, die sich in einer harmonierenden Gruppe entwickeln kann. Seine Arbeit wurde nicht nur in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, sondern auch als Buch veröffentlicht (erschienen bei powerHouse). Ein Riesenerfolg für den Fotografen.

Jim Mangan. Color'd.
Jim Mangan. Color’d.

“Color’d”, eines der beiden Bücher, die Mangan In Hamburg dabei hatte, präsentierte wiederum eine Serie  seiner Freunde, die in der einzigartigen Landschaft Utahs ein Body-Painting-Ritual betreiben, das auf ein Ritual der dort lebenden Ute-Indianer zurückgeht. Man sieht junge Leute, die ihre Körper vollständig schwarz, rot oder gelb angemalt haben, um anschließend gemeinsam durch Wälder und über Wiesen zu laufen, auf Felsen zu klettern und am Ende von diesen ins Wasser zu stürzen. Mangan interpretiert das als eine Art Taufe oder Reinwaschung. Wieder bewundert man aber vor allem, wie nah der Fotograf der Gruppe steht und ihre Mitglieder, die jede Scheu, jeden Zwang abgelegt haben, fotografieren kann. Eine sehr dichte, intime Serie in einem wunderbaren kleinen Büchlein, das bei Dashwood erschienen ist.

Jim Mangan. Color'd.
Jim Mangan. Color’d.

Das jüngste Buch hat Mangan in einer kleinen Auflage selbst produziert. Die Arbeit “Bastard Child” unterscheidet sich von seiner Trilogie und bildet trotz alledem eine logische Linie zu den Vorgängern. Hatte dort die  Natur noch als idyllische Kulisse gedient, übernimmt sie in hier die Hauptrolle. Dazu hat sich der Fotograf lange in der Salzwüste von Utah aufgehalten, die ihn fotografisch herausforderte, da sie auf wenigen Kilometern extrem unterschiedliche Gesichter zeigt. Mangan, der selbst 11 Jahre in Utah gelebt hat und seine Umgebung genauestens kennt, dokumentiert deren vielfältigen Aspekte: spitze Felsenformationen; Flüsse, die sich als tiefe Furchen durch die ausgetrockneten Landschaft ziehen; aus Sandstein geformte Landschaften, deren Oberflächen wie Faltenwürfe wirken. Die farbintensiven Arbeiten erreichen oft einen hohen Abstraktionsgrad.

Jim Mangan. Bastard Child.
Jim Mangan. Bastard Child.

Viele Bilder entstehen dadurch, dass er mit einer alten Cessna über das Areal fliegt und aus halbhoher Vogelperspektive fotografiert. Erst bei genauerem Hinschauen erkennt man etwa in den schwarzen Punkten der Wüstenlandschaft Menschen auf Quads, die dort ihre Rennen veranstalten. Wie in den anderen Arbeiten reflektiert Mangan das Verhältnis Mensch/Natur. Doch dieses Mal zeigt er dieses als eine unheilvolle Verbindung. Der Betrachter seiner Bilder wird die zerstörerischen Eingriffe in die Natur durch den Menschen konstatieren müssen.

Ein Schlüsselbild in “Bastard Child”  zeigt einen Mann, der in einem Aussichtshäuschen auf eine Felsenkette blickt. Die getönten Fensterscheiben filtern die Aussicht. Ein Prozess der Entfremdung setzt ein, wenn der Mensch sich immer weiter von einer originären Erfahrung der Außenwelt entfernt. Mangan kritisiert die Tatsache, dass das Individuum das persönliche Erleben substituiert durch die über Bildschirme von Computern, Fernsehern, Smartphones vermittelten Bilder. Jegliche Utopieversprechen kippen in Mangans jüngster Arbeit in einen düsteren Kulturpessimismus.

Jim Mangan. Bastard Child.
Jim Mangan. Bastard Child.

Übrigens hat der Amerikaner für die Serie „Bedu“, die zunächst im VICE Magazin veröffentlicht wurde, die Auszeichnung „Gold“ bei den Lead Awards erhalten – in der schwammigen Kategorie “Mood- und Mode”. Wie bitte? Mode? Mood? Es zeigt sich, wie schwer seine Arbeiten einem Genre zuzuordnen sind. Gerade das macht ihn zu einem der interessantesten Fotografen derzeit überhaupt! (Peter Lindhorst)

Jim Mangan. Color’d. Dashwood Books. New York 2011. o. pag. 17,5 x 24,5 cm. Pb. ca. 25,00 €

Bastard Child. Utah 2013. o.pag. 15 x 23 cm. Pb. ca. 28,00€. (Auflage: 150).  

Von beiden Titeln sind signierte Exemplare erhältlich in der Buchhandlung für Photographie, Hamburg.

Weitere Infos  siehe auch: http://www.jimmangan.com

Jim Mangan vor seiner Serie "Bedu"  in der  Hamburger Ausstellung "Lead Awards 2013".
Jim Mangan vor seiner Serie “Bedu” in der Hamburger Ausstellung “Lead Awards 2013”.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *