Jitka Hanzlová.

2.8.12 Hinter bunter Wäsche, die an der Leine baumelt, öffnet sich ein verzaubertes Kindheitsparadies. Eines, in dem eine junge Frau mit einer Ziege tanzt, Jungen bäuchlings in den glänzenden Asphalt der Dorfstraße eintauchen, eine andere Frau unter einem Baum in hundertjährigen Schlaf fällt. Das Paradies, dem ein eigentümliches Schweben und eine Weltverlorenheit entströmen, lautet auf den exotischen Namen Rokytník. Und es braucht nur eine Sekunde, bis die geheimnisvolle, zuweilen auch elegische Atmosphäre den Betrachter verhext.

Jitka Hanzlová / Rokytník

Rokytník ist ein Zeugnis der Rückkehr zu einem Ort, der Jahre vorher verlassen wurde. Jitka Hanzlova hatte sich in jungen Jahren entschieden, ihrem Heimatort in Ostböhmen den Rücken zu kehren, im vollen Bewusstsein eines endgültigen Abschieds, ohne Ahnung, dass acht Jahre später die samtene Revolution einen Systemwechsel einleiten und ihr ermöglichen sollte, Familie und Freunde wiederzusehen. Mittlerweile hatte sie sich zurechtfinden müssen in dem neuen Land Deutschland, hatte dessen Sprache gelernt, eine fotografische Ausbildung in Essen begonnen. Als sie 1990 Rokytník besucht, findet sie nach anfänglicher Verwirrung zu ihrem Thema. Über einen langen Zeitraum porträtiert sie die Dorfbewohner und kombiniert diese mit Landschaftsansichten des Ortes, an dem die Uhren stehengeblieben scheinen. Zu jedem Zeitpunkt ereilt den Betrachter das Gefühl, dass es um viel mehr geht als Verlust und Wiederannäherung, Distanz und Nähe, Vertrautheit und Fremdheit, die verschüttete und jetzt wieder aufgedeckte Vergangenheit. Royktník, die leise poetische und melancholische Arbeit, verfehlt auch heute noch, so viele Jahre später, ihre Wirkung nicht. Aus den Seiten weht ein Moll-Sound, der etwas in uns berührt. Schade nur, dass das Originalbändchen lange vergriffen ist und ziemlich hoch gehandelt wird.

Umso besser, dass jetzt ein Übersichtsbuch der Fotografin Jitka Hanzlová erschienen ist, welches eine erhellende Darstellung ihres Werks offeriert und in dem natürlich auch ein „best of“-Auszug den grandiosen Erstling huldigt. Keine Phase ihrer bisherigen künstlerischen Entwicklung wird in dem mit sicherer Hand kompilierten Band ausgelassen. So fügt sich eine weitere frühe Arbeit namens „Bewohner“ an, mit der sie sich in ihrer Ruhrpott-Wahlheimat bewegt und eine diametrale Aussage zur oben beschriebenen Serie tätigt. Ein Pfau in einem Käfig. Eine schimmernde Benzinlache auf dem Asphalt. Eine vertrocknete Zimmerpflanze. Die Freiheit des Blicks, das Naturerleben, die Gemeinschaft, drei Topoi, die in Rokytník so deutlich herausgearbeitet sind, verkehren sich hier ins Gegenteil. Natürlicher Lebensraum weicht einem konstruierten. Das Leben ist anonymisiert, die Begegnungen flüchtig. Ein düsterer, ein abgründiger Blick, von dem Hanzlová hier befallen ist.

Jitka Hanzlová / Horses

Aber egal, ob sie den Wald als etwas mythisch Überhöhtes wie in ihrer Serie „Forest“ darstellt oder in ihrer Japan-Serie „Cotton Rose“ Porträts und Landschaftszenen aufnimmt, bei denen sich Zdenek Felix an Darstellungsformen der Holzschnitte japanischer Künstler des 19. Jahrhunderts erinnert fühlt. Permanent ist der eindrucksvolle erzählerische Eigensinn der Fotografin spürbar, ein Duktus, der den Betrachter gleichzeitig irritiert und fasziniert, in jedem Fall zu einem Reagieren zwingt. Nicht ungern folgt man selbst der irritierenden „Porträtserie“ über Pferde, ein Sujet, das den Rezensenten normalerweise völlig kalt lassen müsste, in dem Hanzlová aber auf subtile Weise die entfremdete Beziehung zwischen Mensch und Tier darstellt.

Einen Höhepunkt bietet ihre neueste, sehr konzentriert wirkende Arbeit (There is something I don´t know), in der sie sich von Renaissanceporträts hat inspirieren lassen. Fasziniert ist sie von der eigenen Rezeptionserfahrung, wenn sie manchmal jahrhundertealte Renaissancewerke betrachtet und darin Gesichter von heute zu erkennen glaubt. So lehnt sie es zwar ab, Quattrocento-Porträts fotografisch zu imitieren. Das haben schon andere vor ihr gemacht. Aber sie sucht für ihre Porträtserie nach Menschen, die etwas aus dieser Zeit wiederspiegeln. Die Wesenserkundung hinter den Gesichtern, die tiefere Einsicht in die menschliche Seelenlage, die Beziehung zwischen Künstlerin und Porträtiertem, all diese Themen schwingen in der Arbeit mit, und wie immer sind die Bilder vor allem auch Zeugnisse der Selbstbefragung.

Jitka Hanzlová / There is something I don’t know

Als Begleitbuch zu einer großen Retrospektive wird hier ein üppiges Füllhorn an alten und neuen Arbeiten geöffnet, dazu gibt es eine Einleitung, ein Interview und kluge Begleittexte zu den einzelnen Serien. Auch wenn Hanzlová sich immer wieder im Interview deutlich gegen Erklärungen und Beschreibungen ihrer Bilder sträubt. Der Leser kriegt jedenfalls eine Menge geboten. Peter Lindhorst

Jitka Hanzlová. Katalogbuch der Fundación Mapfre, Madrid. Hrsg. v. Isabela Tejeda. Mit Texten von John Berger, Jesús Carillo Castillo, Terézia Mora u.a. 268 S. mit 139 Farbtaf. ISBN 978-3-86828-293-1. Kehrer Verlag. Heidelberg, 2012. Geb. € 48,00

 

 

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