Joakim Eneroth. Swedish Red

Dunkelrot die Lettern auf dem Buchcover. Statt eines Einleitungstextes eine  Kolonne mit Buchstaben-Zahlen-Kombinationen: S-1080R, S1080-Y90R, S-1085Y80R, S1575-R10B etc. Hierbei handelt es sich um  Farbbezeichnungen eines standardisierten Referenzsystems, mit dem sich Rottöne definieren lassen. Etwa jene Rottöne schwedischer Holzhäuser.

„Faluröd“ heißt die meistgenutzte Dispersionsfarbe, mit der viele der Häuser in Schweden gestrichen werden. Sie besteht aus Eisenoxid-Pigmenten, die seit Jahrhunderten als Nebenprodukt des Kupferabbaus in der schwedischen Stadt Falun gewonnen werden. Ein einfach herzustellendes Naturprodukt mit dem Vorteil, einen äußerst beständigen Schutz gegen das oft nasskalte Wetter zu bilden. Kein Wunder also, dass das Rot der beherrschende Fassadenfarbton unserer Nachbarn im Norden ist. Als Betrachter blickt man entzückt auf die unterschiedlich rotgefärbten Fronten jener typischen Holzhäuser, die einem aus diversen Kinderbüchern, gemalten Szenen von Carl Larsson, Möbel-hauswerbung und ZDF-Filmschmonzetten nur allzu vertraut sind. So können die roten Außenwände als Projektionsfläche dienen, um unsere vagen Sehnsuchtsvorstellungen nach einem von Natur und Folklore geprägten Land bzw. einem intakten Wohlfahrtsstaat zu speisen. 

Eine konzentrierte Stille strömt aus den Arbeiten des Fotografen Joakim Eneroth. Dieser setzt bei seiner Herangehensweise auf Zurückhaltung. Er führt uns in seinen klaren fotografischen Kompositionen eine Art Typologie schwedischer Holzhäuser vor, deren geometrische Formen sich vor dem klaren blauen Himmel und dem satten Grün der Bäume absetzen. Manchmal ein weißer Holzzaun im Vordergrund oder eine akkurat gestutzte Hecke, eher selten Ablenkungen in Form einer Satellitenschüssel auf dem Dach, einer Mülltonne oder eines angebauten Carports.

Die Bildzusammenstellung dieses großartig gestalteten Buches von Greger Ulf Nilsen folgt dabei einer Dramaturgie der Jahreszeiten. Am Ende steht der Winter. Das strahlende Weiß des Schnees auf dem Dach lässt das Rot der Wände nur umso stärker wirken. Welch malerische Idylle!

Doch das Wohlbefinden des Betrachters weicht zunehmend einer Irritation. Man erkennt: Die Außenhaut ist geschlossen, es fehlen die Fenster. Plötzlich wirken die Häuser in ihrer Aufreihung wie Bollwerke gegen jegliche Einflüsse von außen. Keine Öffnung, keine Fensterbank, keine Gardine, kein nach außen dringendes Licht. Das scheint noch komisch im ersten Moment, im zweiten gruselt es einen.

Joakim Eneroth hinterfragt die Vorstellung eines Zuhauses, bei dem sich die Bewohner immer stärker ihrer eigenen Sicherheitsparanoia unterwerfen. Man richtet sich in einer Art Verriegelung ein, um sein privates Glück allein für sich zu genießen, während störende Einflüsse außen vorgelassen werden. Doch ein völlig übersteigerter Drang nach Abtrennung von der Umwelt führt automatisch in bittere Isolation. Wie passt das zusammen? Jenes Schweden, dessen offene Gesellschaft im politischen Diskurs immer wieder gerühmt wird und dessen Individuen sich gleichzeitig weiter abschotten? Der Schwede Eneroth verhöhnt diesen Widerspruch in seiner subversiven Serie. Die schmerzliche Erkenntnis für den Betrachter: die Idylle zeigt Risse auf. (Peter Lindhorst)

Joakim Eneroth. Swedish Red. Steidl_GUN. ISBN 978-3-86521-613-7. Göttingen 2013. 50 S. mit 31 teils doppels. Farbfotos. Hc.  28,- €

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