Jürgen Schadeberg: Great Britain 1964-1984

Derzeit stolpert man verstärkt über Jürgen Schadebergs Südafrika-Bilder, zuletzt anlässlich einer großen Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus oder auf der „Paris Photo“, bei der – passend zum Schwerpunkt Afrika – zahlreiche Arbeiten des deutschen Fotografen gehandelt wurden, der in den frühen 50er Jahren in den Apartheitsstaat gereist war. Dort war er schon nach kurzer Zeit als Fotograf und Bildredakteur für das legendäre Magazin Drum tätig und wurde zum wichtigen Chronisten der Unterdrückung und des Widerstands der schwarzen Bevölkerung. Seine Bilder vom Abriss von Sophiatown oder die Portraits eines jungen ANC-Kämpfers namens Mandela und der blutjungen, unbekannten Sängerin Miriam Makeba sind unvergessen. 1964 fühlte sich Schadeberg in einer für ihn äußerst unsicheren Lage gezwungen, das Land Richtung London zu verlassen, wo er in den nächsten Jahren vor allem Reportagen für die Supplemente des Observer Magazine oder des Sunday Times Magazine machen sollte. Das vorliegende Buch mit dem schlichten Titel „Great Britain 1964-1984“ zeigt grandioses Material aus Schadebergs Archiv, der kreuz und quer auf der Insel gereist ist, um minutiös die Eigenarten des Landes und seiner Bewohner festzuhalten.

Jürgen Schadeberg, aus "Great Britain 1964-1984"
Jürgen Schadeberg, aus “Great Britain 1964-1984”

In Großbritannien trifft der Fotografen zunächst auf ein junges, lebendiges Milieu, das seine kulturellen und politischen Denk- und Sichtweisen in einem Klima des wirtschaftlichen Aufschwungs neu ausgerichtet hat. Es sind die Swinging Sixties – ein Begriff, der eng mit London verbunden ist und bei uns sofort nostalgische Referenzen wie die Musik der Beatles, Antonionis „Blow up“ oder Porträts der Stilikone Twiggy heraufbeschwört. Wenn er einen blutjungen Mick Jagger auf dem Weg zu einer Musiksendung im Fernsehen porträtiert, den Dramatiker Harold Pinter in exaltierter Pose festhält oder John Lennon und George Harrison während eines Interviews ablichtet, beschreiben diese Momente den Glamour jener Ära, bilden aber gleichzeitig die Ausnahmen in dem Buch. Sein Hauptaugenmerk richtet Schadeberg auf die britische Alltagskultur, wo ihm großartige Porträts von Gelegenheitsarbeitern, Pubgängern, Straßenverkäufern etc. gelingen. Eigentlich zeigt das Buch den trostlosen Alltag eines steifen englischen Klassensystems, bei dem der Fotograf die inkohärenten Milieus der Working Class und einer am Wohlstand partizipierenden Mittelschicht gegenüberstellt. Hier ein Picknick am Tag der offenen Türe, veranstaltet von Schülern, Eltern und Lehrern des altehrwürdigen Eton College, bei dem Räucherlachs und Hummer gereicht wird. Dort bedrückende Szenen über die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Pentonville Gefängnis. Eine Cocktailparty in der City Hall, in der sich Gäste in Smoking und teuren Abendkleidern amüsieren, bildet einen krassen Gegensatz zu dem Pub einer englischen Industriestadt, das einen Anlaufpunkt der entlassenen Stahlarbeiter darstellt.

Jürgen Schadeberg, aus "Great Britain 1964-1984"
Jürgen Schadeberg, aus “Great Britain 1964-1984”

Studentisches Leben an der Universität von Birmingham wird kontrastiert mit Szenen erschöpfter Hafenarbeiter. Bilder von der weihnachtlichen Regent Street in London bilden einen starken Kontrapunkt zu den ärmlich wirkenden Ramschverkäufern auf dem Hackney Market. Das eine Extrem verkehrt sich ständig ins andere. Diese auf Gegensatz beruhende Arbeit wird keineswegs effektheischend dargeboten, als Betrachter ist man gefesselt von Schadebergs genauer Beobachtungsfähigkeit und Charakterisierung der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen. Die Auswahl beinhaltet zahlreiche Einzelbilder skurriler Situationen, etwa wenn Kinder auf dem Soho Market Welpen zum Verkauf anbieten oder Jugendliche in einem Gemeindesaal für eine Straßenparade trainieren. Aber um wie viel stärker sind die hier präsentierten Bildfolgen, die kleine, zusammenhängende Geschichten erzählen: Wunderbar bizarr die Fotos einer Reportage über eine der ersten Gesundheitsfarmen in England. Absolut berührend die Serie über das Hensol Castle, ein Riesenheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Schließlich sei die kleine Serie von Fotos aus einem schottischen Pub von 1968 erwähnt, die in ihrer Intensität in nichts der „Cafe Lehmitz“-Arbeit von Anders Petersen nachsteht.

Jürgen Schadeberg, aus "Great Britain 1964-1984"
Jürgen Schadeberg, aus “Great Britain 1964-1984”

Meist dämpft das Tragikomische in seinen Bildern die immer erahnbare existentielle Kälte und menschliche Einsamkeit der Situation. Wie von nebenbei erschließt sich für den Betrachter durch Schadebergs Bilder der sukzessive dramatische Wandel, den die britische Gesellschaft in nur wenigen Jahren erlebt. So stolpert man plötzlich über Bilder von Antikriegsdemonstrationen oder Ansichten verfallener sozialer Wohnviertel in Liverpool, und es wird deutlich, dass das Königreich einen politischen Richtungswandel erfährt mit einem rigiden Wirtschaftskurs, erbitterten Arbeitskämpfen, einem drastischen Anstieg der Arbeitslosenzahlen und dem Falklandkrieg – eine Periode, die heute gemeinhin als Thatcherismus bezeichnet wird.

Was liefert uns Schadeberg für eine einzigartige, sensationelle Fundgrube in Bezug auf privates und gesellschaftliches Leben der Briten Mitte des 20. Jahrhunderts! Und so könnte dieser Band sofort zu einem persönlichen Favoriten avancieren, wenn…ja, wenn nicht ein völlig uninspiriertes Buchdesign, ein unbeholfenes Editieren und ein schlechter Druck den Inhalt konterkarieren würde. Das Layout ist zumeist einfallslos und für das Cover konnte keine ungeschicktere Wahl vorgenommen werden. Vor allem wünschte man sich, dass dieses Buch ein strengeres Lektorat durchlaufen hätte. Vielleicht wären dem Betrachter dann die völlig überflüssigen Bildunterschriften erspart geblieben! Wenn bei einem Untertitel aus einer Hippiefete plötzlich eine Hippiefehde wird, wird es unfreiwillig komisch. Was für eine vertane Chance! Peter Lindhorst

Jürgen Schadeberg: Great Britain 1964-1984. Mitteldeutscher Verlag. Saale, 2011. ISBN 9783898128537. 200 S., 172, teils doppels. Fotos, geb.,  24,95 Euro.

      

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