Just another boring photo book list – Die besten Fotobücher 2014

Das Beste zum Schluss! Sie sind wieder dabei? Im grassierenden Endjahresfieber. Die Symptome brechen hervor: Bilanzieren. Einordnen. Bewerten. Mit Rankings eine Ordnung in die immer größer werdende Unübersichtlichkeit zu bringen, ist Ihnen mehr denn je ein menschliches Bedürfnis? Dieses Begehren zum Thema “Fotobuch” für Sie zu befriedigen, ist uns eine besondere Ehre!

Dafür sind wir in Klausur gegangen, haben uns an dunklen Dezemberabenden in die Buchhandlung eingesperrt und aus einem Pool von vielen hundert Titeln, die dort im Lauf des Jahres aufgeschlagen sind, unser Extrakt erstellt. Wir haben den Taumel genossen, in den uns die große Unendlichkeit der Publikationsmenge mitgerissen hat. Denn wir scheinen immer noch nimmersatt, wenn es darum geht, Bücher in die Hand zu nehmen, Inhalt und Dramaturgie, Design oder die verwendeten Materialien zu begutachten. Manchmal können wir nicht anders: wir riechen sogar daran und es ist ein betörender Duft, der uns entgegenströmt. Dies ist ein Jahr, in dem wir viele Fotobücher in der Hand hielten, die wir „irgendwie” zwar gut fanden, die dann aber doch schnell wieder dem Vergessen anheim fielen und also in dieser Auswahl unberücksichtigt bleiben. Am Ende herrscht Einträchtigkeit über jene nachhaltigen Bücher, die uns dieses Jahr besonders glücklich gemacht haben.

Das Ergebnis ihres Glücks teilen mit Ihnen: Michael Klein / Buchhandlung im Haus der Photographie, Hamburg und Peter Lindhorst / Photonews-Blogbuch. (plus akustische Zugabe: die Musikfavoriten 2014 von Peter Lindhorst)

replies

Andreas Trogisch. Replies. Peperoni Books. Berlin 2014. ISBN 9783941825659. 176 S. mit 138 Fotos, 24 x 30 cm, Hc.

Dunkle Schatten um die Dinge. Vor ein paar Jahren kam ein Mappenwerk mit dem Titel „Desiderata“ von Andreas Trogisch heraus, der eigentlich seine Meriten als Graphikdesigner verdient. Es handelte sich um wunderbare dunkel-poetische Arbeiten ohne innere Konnexität, Fundstücke vom Wegesrand. “Desiderata” war schnell vergriffen. Welch großes Glück, dass „Replies“ folgt. Auch dies eine lose Sammlung von Bildern, eingeteilt in 13 small conversations, wie es im Untertitel heißt. Während viele Fotobücher nur Gebrabbel enthalten, will man hier den Ausführungen von Anfang an konzentriert folgen. Landschaften, Stadtansichten, manchmal Menschen, Stills. Sehr lose miteinander verbunden, ohne dabei auseinanderzufallen. Die Fugen werden nämlich gedichtet von einem betörenden Schwarz, dass sich bei den meisten Bildern in den Vordergrund drängt. Dieses entsteht, weil die Bilder eine Entsprechung im Druck gefunden haben. Es handelt sich um ein digitales 5-Farben-Druckverfahren auf einem ungestrichenen Papier, das einem im Ergebnis den Atem nimmt. Desideratum bezeichnet übrigens ein zur Anschaffung empfohlenes Buch in der Bibliothek. Replies – Handeln Sie jetzt!

Jungle war eine meiner liebsten Platten in diesem Jahr.  Time ist ein würdiger Opener für diese Liste, ebenso wie Andreas Trogischs “Replies”. Tanzen Sie bitte durchs Buch hiermit: http://vimeo.com/100315626 

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Alejandro Cartagena. Carpoolers. Selfpublish. Monterrey 2014. ISBN 9780692226605. 112 S. mit 110 Farbfotos. 21,6 x 33,6 cm. Hc. 

Als Carpoolers bezeichnet man in Mexiko Fahrgemeinschaften von Arbeitern und Pick-up-Besitzern. Diese bieten gegen geringes Entgelt die Ladefläche ihrer Kleinlaster zur Mitfahrgelegenheit an. Eine preiswerte Möglichkeit für Handwerker, Gärtner und Tagelöhner, um von den Arbeitervororten Monterreys nach San Pedro zu gelangen, eine der vermögendsten und prosperierendsten Regionen Lateinamerikas. Für sein Projekt wählte Cartagena eine Fußgängerbrücke über dem sechsspurigen „Federal Highway 85“ aus, der Hauptverbindungsweg zwischen den beiden Bezirken. Von hier aus richtete er das Objektiv seiner Kamera senkrecht nach unten auf die Pritschen der Kleinlaster. Man blickt auf Werkzeuge, Helme und Baumaterialien, Elektrokabel, Seile, Decken und Planen. Fässer, Kisten und Kanister, alles verschmilzt zu einem chaotischen Wirrwarr. Zwischendrin die Passagiere. Oft kaum zu erkennen, liegen sie in Ecken gekrümmt, in Winkel gequetscht oder entspannt ruhend, unter Decken verborgen. Auf den Bildern Cartagenas verschmelzen sie förmlich mit den umgebenden Materialien zu einem anarchischen Gemisch. Doch bleibt die Arbeit trotzdem streng und konzeptionell durch die konsequente Beibehaltung der Perspektive und des Bildausschnittes. Der zu häufigen Wiederholung des immer gleichen Sujets entgeht der Fotograf im Buch durch die kluge und originelle Gestaltung. Neben klassischen Doppelseiten setzt er Dreierblöcke ein, verwendet Ausklappseiten und lässt die Fotos um die Seite herumlaufen. Kurz bevor die Aneinanderreihung der Motive vielleicht doch ermüden könnte, erfolgt plötzlich ein abrupter Blickwechsel. Halb- oder viertelformatige Seiten tauchen plötzlich auf. Sie zeigen blauen Himmel. Teile von Autobahnschildern, Werbetafeln und Laternen scheinen am Betrachter vorbeizufliegen, Unterseiten von Brücken, unscharf und verwischt huschen durch das Blickfeld. Cartagena hat sich selber auf die Ladefläche gelegt und schaut mit seinen Protagonisten in den Himmel, während der Wagen sie ihrem Ziel immer näher bringt.

Heaven, how long? Den Song von East India South würde ich zu gerne hören, hinten auf der Ladefläche, während ich zum Firmament blicke. Unbedingt bis zum Ende dran bleiben: http://vimeo.com/94494906

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Ricardo Cases. El Porqué de las Naranjas. London 2014. ISBN9781910164044. 128 S. mit 
67 Farbfotos. 
14,7 cm x 18,7 cm, Hc.

Es beginnt mit einer Orange, die auf einer Autofelge liegt. Wie bitte? Ein Kind schwebt engelsgleich durch die Luft. Pferde ziehen Autoreifen hinter sich her. Ein Mann hat einen Stuhl auf den Rücken gebunden. Und immer wieder Szenen, in denen Orangen eine Rolle spielen. Die Bauindustrie und der Tourismus zählen zu den Branchen, die einst sichere Arbeitsplätze in der Küstenregion Levante boten. Mit dem Boom ging ein unvermeidlicher Verlust der natürlichen Schönheit einher. Ricardo Cases erzählt in „El Porqué de las Naranjas“ die Geschichte darüber – über liebliche Landschaften, die zunehmend verrohen, zuerst im Namen des Fortschritts, dann durch die Finanzkrise. Eine schrundige Welt wird vorgeführt, die völlig auseinander zu fallen droht und die nur noch provisorisch durch Schnüre oder Bretter zusammengehalten ist. Die Häuser, die Palmen, die Autos – Alles wirkt fehl am Platz, ist immer ein wenig neben der Spur. Und auch die Menschen taumeln mehr als das sie gehen. In einem Interview mit dem BJP kann man erfahren, dass Ricardo Cases vor ein paar Jahren nach Valencia ging, wo er niemanden kannte, um Dinge für sich neu zu ordnen und völlig frei von Erzählzwängen fotografieren zu können. Erst nach und nach verbanden sich die Bilder für ihn zu einem zusammenhängenden Ganzen. Dem Betrachter geht es ebenso. Mit jedem Blättern wird es besser!

Auch ein wenig neben der Spur: Das schräge Video Digital Witness von St. Vincent, jener Frau, die für das tollste Live-Konzert in diesem Jahr verantwortlich war: http://vimeo.com/85577159

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Max Ernst Stockburger. Why Quit Our Own To Stand Upon Foreign Ground. Eigenverlag. Hannover 2014. Ohne ISBN. o. pag. mit 48 Farbtaf., 30 x 40 cm. Hc.(100er Auflage: 20 Vorzugsausgaben “General”, 80 Ausgaben “Fußsoldat”)

Die Flagge ist eingeholt! Nach 79 Jahren gibt die US Army Garnison ihren Standort in Schweinfurt auf. Melancholie zieht in dicken Schwaden über den Stützpunkt. Für den jungen Fotostudenten Max Ernst Stockburger, der in Schweinfurt aufgewachsen ist, gehörten GIs, Kasernen, Stacheldraht und Militärfahrzeuge zum vertrauten Erscheinungsbild seiner Jugend. In Zeiten, in denen sich politischen Konstellationen ändern und das Pentagon seinen Militärhaushalt umbaut, wird die Garnison geschlossen. Stockburger hat den Kehraus der letzten anderthalb Jahre intensiv fotografisch begleitet. Er verbindet eindringliche Porträts der Soldaten und ihrer Familien mit Szenen der sie umgebenden Infrastruktur, die Supermärkte, Kleiderläden oder eine Zahnarztpraxis umfasst. Doch jetzt werden Kisten gepackt, Bilder abgehängt, Abschiede gefeiert, der Rasen ein letztes Mal gemäht. In den Gesichtern spiegelt sich der Ernst des Abschiednehmens, bevor man in ein neues Leben entlassen wird. Das riesenformatige, in mühevollster Handarbeit komplett zusammengebaute Buch strotzt vor schönen Details: Siebdruckcover, handgebunden, ein metergroßer Star-Spangled-Banner mit Faltanleitung, ein Glossar mit Fakten zur US-Army. Unbedingt erwähnenswert auch der herzerweichende Text des Fotografen, in dem er seine Anknüpfungspunkte an die amerikanischen Nachbarn über die vielen Jahre beschreibt. Wunderbar kluges Debüt!

Dazu geht eigentlich nur: Jimi Hendrix. The Star Spangled Banner. Aber weil hier nur Musik von 2015 kommt, das Stück Violent Shiver von Benjamin Booker, der ein wenig aussieht wie Hendrix und ebenfalls sehr toll Gitarre spielt: http://vimeo.com/99577064

Bildschirmfoto 2014-12-13 um 13.53.34Gerry Johansson. Antarktis. Libraryman. Stockholm 2014. ISBN 978-91-86269-30-2. 64 S. mit 33 Fototaf., 24,5 x 30,5 cm. Hc.

Der Mann, der in die Kälte ging! Fieberhaft erwartet. Endlich ein neues Buch von Gerry Johansson. 2001 war Johansson vom „Swedish Polar Research Secretariat“ eingeladen, für mehrere Monate an einer Forschungsreise teilzunehmen und das Königin-Maud-Land im südlichsten Kontinent fotografisch zu erfassen. Jetzt kommt endlich eine Publikation dazu heraus. Diese weist nicht die typische Gerry-Johansson-Corporate der anderen Bücher auf. Ein Anflug von Enttäuschung?! Keineswegs. Ganz anders als sonst, aber dennoch seiner puristischen Linie verhaftet. Wenn Gerry Johansson die Eiswelt der Antarktis fotografiert, bedient  er uns nicht mit dem Erwartbaren: Während der Schwede sonst einen kleinen Ausschnitt einer Welt anbietet, die von Menschen durchgeformt ist, ist das Terrain hier endlos (und wird so in seiner Arbeit auch dargestellt). Die Natur, nicht der Mensch bleibt der Haupt-Gestalter – zumindest 2001 ist das noch so. Johanssons Arbeiten sind sorgfältig aufgebaut, wirken sehr graphisch und sind geprägt von meditativer Weite, in die wir uns hineinvertiefen. Oder von doppelbödigen Details, an denen wir haftenbleiben. Das Ganze: Berauschend!

Wanderlust – Der innere Trieb, sich zu Fuß die Natur und die Welt fernab der Heimat zu erkunden. Das Stück zum Buch kommt dazu von den Wild Beastshttp://vimeo.com/83963720

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Sarah Walzer. Junge Siegerin. Eigenverlag. Berlin 2014. Ohne ISBN. 56 S. mit 25 Fototaf., 16 x 24 cm, Pb.

Leicht schräg, ein wenig an 20er Jahre Avantgarde-Typographie erinnernd, ist der Titel des Buches in das Cover gestanzt. Hebt man den Buchdeckel leicht an, projiziert das einfallende Licht den Schriftzug wunderbar auf das rosa Vorsatzpapier. Junge Siegerin  – Ein merkwürdiger Titel, der so gar nicht zu den folgenden 25 schlichten Schwarzweißportraits zu passen scheint. Sarah Walzer hat junge Mädchen und Frauen zwischen 6 und 19 Jahren angesprochen, die ihr auf Berlins Strassen aufgefallen sind. Für das Portrait bat sie die Mädchen in einen nahegelegenen Park oder eine Grünanlage. Natürliche Hintergründe wie Büsche, ein Baum oder eine Wiese waren ihr wichtig. „Soziologische Daten haben bei der Suche der Modelle allerdings keine ausschlaggebende Rolle gespielt. Die Reihe ist aus einem emotionalen, nicht aus einem vergleichenden Aspekt motiviert.  Bei der Wahl habe ich mich von meiner Faszination für Gesichter und meinem Bedürfnis nach authentischem Ausdruck leiten lassen. Ich war auf der Suche nach Menschen, die sich zeigen und ihrer Verletzlichkeit und Ambivalenz  Ausdruck geben“, sagt Sarah Walzer über ihre Intention. Dies und nicht Werte wie Perfektion oder Leistung machen für die Fotografin die Mädchen zu jungen Siegerinnen. Die Portraits zeigen genau dies: Zartheit und Verwundbarkeit können eine wertvolle Stärke sein. Selten wurde Adoleszenz so intensiv und unverstellt eingefangen wie in dieser Portraitserie.

Und wie sehen alte Siegerinnen aus?  Ein zauberhafter Caribou-Track namens Our Love gibt Antwort und soll daher der Sound sein zu Sarah Walzers kleinem Büchlein: http://vimeo.com/108017747

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Eamonn Doyle. i. D1. Dublin, 2014. Ohne ISBN. 74 S. mit 58 farb. Fototaf. 24,5 x 34 cm, Hc.

Das Foto zeigt die gekrümmte Gestalt eines Greises, der sich mühsam auf einen Stock stützt. Sein grauer Haarschopf wird von der Wölbung eines Buckels fast gänzlich verborgen. Der Alte trägt eine graubraune, am Ärmel löchrige Jacke, die an einen alten Teppich erinnert und mit Muster und Farbe des Straßenpflasters eine mimetische Symbiose einzugehen scheint. In Eamonn Doyles Serie über alte Menschen, aufgenommen in seiner Heimatstadt Dublin, begegnet der Betrachter gebeugten Rücken, von der Last der Jahre gekrümmten Gestalten, gichtigen Händen und schütterem Haar. Oft schlottern ärmliche Kleider um magere Körper. Die faltigen Gesichter der Abgebildeten sind meist abgewandt oder die Blicke auf den Boden gerichtet. Dass sie fotografiert werden, scheint keiner von ihnen wahrzunehmen. Die Blickrichtung von oben herab lässt die Menschen kleiner wirken und blendet jegliche urbane Kulisse aus. (In einem Interview erzählt Doyle, das er sich lediglich auf die Zehenspitzen gestellt habe. Man mag es kaum glauben, aber er ist wohl von großer Statur und das hohe Alter lässt die Menschen ja bekanntlich schrumpfen). Übrig bleiben als Fond die Muster und Ornamente der Straßen und Plätze. Diese bilden einen perfekten Hintergrund, indem sie die Figuren isolieren und so die Aura von Einsamkeit und Verlassenheit noch verstärken, die sowieso schon von den Personen ausgeht. Gleichzeitig unterstreicht dies noch den skulpturalen Charakter der Gestalten. So verschmelzen Körperformen, Muster, und Farben in Doyles Arbeit zu einer faszinierenden Einheit. Zu Recht bezeichnet Martin Parr „i“ als eines der besten Street Phtography Bücher der letzten Dekade.

Vielleicht das übellaunigste Album, das dieses Jahr gemacht wurde. Die Sleaford Mods  mit Tweed, Tweed, Tweed. Ein passender, wütender Soundtrack, um mit Doyle durch die Straßen zu streifen:

https://www.youtube.com/watch?v=IH4Mqqelc4E&index=3&list=RDCFFWF1DnZKM

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Heikki Kaski. Tranquillity. Lecturis. Amsterdam 2014. ISBN 9789462260863. 118 S. mit zahlr., teils farb. Fotos. 19 x 26 cm. Pb.

Schwarzer Einband, schwarzer Buchschnitt. In das Cover wie mit einem spitzen Gegenstand der Titel eingekratzt. Ebenfalls auf dem Einband eingeprägt: ein kurzer verstörender Text über Aliens und merkwürdige Dinge, die in der Vergangenheit liegen und über die keiner spricht. Dem Leser gefriert der Atem. TRANQUILLITY. Ruhe. Eigentlich heißt aber so der kleine Ort in Central Valley. 800 Bewohner, 12 Straßen, 4 Kirchen, 2 Lebensmittelläden. Keine Ahnung, wie der Finne Heikki Kaski da gelandet ist. Jedenfalls ist er mit seiner Kamera durch die Straßen gestreift. Immer wieder und wieder. Er zeigt uns die Leute, oft abgewandt, den Blick ins Nichts gerichtet. Sie wirken völlig leer, erschöpft, desillusioniert. In gleicher Weise verbraucht und kaputt ist die Natur, die sie umgibt. Es geht ums reine Überleben. Die Ruhe ist gespenstisch. Dem fotografisch festgehaltenen Alptraum können wir uns nicht entziehen. Keine Spur von menschlichen Konstanten wie Liebe. Nirgends. Der Schrecken ist absolut – ohne jede Hoffnung auf Erlösung. Dieses Buch lässt keinen kalt!

Gänsehaut! Scott Walker & SunnO))) mit Soused. Das muss der Soundtrack zu diesem Buch sein. Unbedingt die ganze Platte hören, hier nur ein Extrakt:  http://vimeo.com/105213665

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Robin Maddock. III. Trolley Books. London, 2014. ISBN 9781907112485. 96 S. mit 64 Fototaf., 17 x 25 cm. Hc.

Ping, Pong. Man meint, ihn zu hören beim Blättern: Der Tischtennisball, der auf dem Boulevard auf und ab hüpft. Ein weißes Stück Papier segelt durch die Luft, eine Milchlache glitzert auf dem Asphalt. Ball, Milch, Papier, das sind die drei immer wiederkehrenden Elemente. Robin Maddocks Serie strotzt nur so von fantasievollen Volten und großartigen Pointen. Immer scheint eine transzendentale Dimension mitzuschweben, wenn der Pingpongball in der Luft steht. Manchmal tritt der Schöpfer dieser Merkwürdigkeiten selbst ins Bild – als Schattengestalt. Robin Maddock, eigentlich für seine dokumentarischen Farbarbeiten bekannt, ist zwei Jahre in Los Angeles und San Francisco unterwegs gewesen. Breton stellte einst fest, dass Träume und Visionen eine ebenso gültige Form des Begreifens von Wirklichkeit seien, wie das normale, vom Verstand her kontrollierte Denken. Immer so weiter zu arbeiten, bedeute für Maddock den künstlerischen Tod. Also hat er sich aus dem Korsett des konventionellen Erzählens befreit, um der Vielschichtigkeit der Wirklichkeit eine entsprechende fotografische Ausdrucksform entgegenzusetzen. Wer sich mit Pingpongbällen die Wirklichkeit aneignet, ist in dieser Liste definitiv gesetzt!

In meiner Musikliste auch definitiv gesetzt: Metronomy. Schwierig, sich für einen Song zu entscheiden, hierzu passend vielleicht Month of Sundays, auch wenn Ballons und nicht Pingpongbälle durch die Luft schweben:  http://vimeo.com/104419794

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Jens Liebchen. System. Peperoni / White Press. Berlin/Freiburg 2014. ISBN 978-3-941825-68-0.  40 S.  mit 19, teils doppels. Fototaf.  19,7 x 26,5 cm. Hc.

Die Farben dermaßen runtergepitcht, dass man im ersten Augenblick an Schwarzweiß denkt. Die Baumformationen, die Jens Liebchen in einem Park inmitten von Tokio während des Winters fotografiert hat, wirken ähnlich kontemplativ wie die Schwarz-Weiß-Kunst der Tuschemalerei, die in Japan bis zur Vollendung praktiziert wird. Vollendet ist auch die Serie des Fotografen, der durch einen mehrjährigen Japanaufenthalt Einblick in die hermetische Gesellschaft erhalten hat. Die Bäume tanzen, ihre Äste schlagen aus, die Stämme neigen sich zur Seite. Wildes, ungehemmtes  Wachstum. Denkt man. Wiederum falsch. Der Name des Buches gibt den Hinweis. Die Bäume sind  von Anfang an streng ästhetisch durchgeformt. Ein natürliches Wachstum ist völlig ausgehebelt. Ihre Form erhalten die Bäume, indem sie immer wieder beschnitten, Äste gebogen werden etc. Bis in die Natur hinein greift das Ethos der modernen, disziplinierten Industriegesellschaft mit einer sehr eigenen Traditionspflege. Großartig fotografiert, großartig gestaltet, großartig gedruckt. Zum Niederknien!

Dazu bitte Tempest von Sohn hören. Passt schön zu sich biegenden Bäumenhttp://vimeo.com/85288163

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Johannes Schwartz. Tiergarten. Roma Publications. Amsterdam 2014. ISBN 9789491843228. 112 S. mit zahlr. Farbtaf., 24 x 33 cm, Spiralbindung im Schuber 

Futter für die Augen! Die Ouvertüre: Auf dem Titel ein T, den folgenden Doppelseiten immer ein den ganzen Raum einnehmendes Buchstabenpaar. Ergibt schließlich den Titel, bevor der eigentliche Bildteil einsetzt. Hier wird ein Buch zum Experimentierfeld! Spiralheftung, Schuber, ungestrichenes Papier, japanische Bindung. Die Fotos als Risographien präsentiert. Das war noch mal…? Ein umweltschonendes, kostengünstiges Druckverfahren, ähnlich dem Siebdruck. Durch eine Masterfolie wird die Tinte auf das Papier gepresst. Für jede Farbe wird ein eigener Druckvorgang benötigt. Passungenauigkeiten, der Verlauf der Tinte, Unvorhersehbarkeiten. Im Ergebnis bietet es eine sehr eigene Ästhetik. Das passt perfekt zum Inhalt. Johannes Schwartz, ein deutscher Fotograf, der in Amsterdam lebt, hat für dieses großformatige Buch Lebensmittel fotografiert: Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse, Früchte, Brotscheiben. Grundnahrungsmittel, die nicht für uns bestimmt sind, sondern im Moskauer Zoo an diejenigen verfüttert werden, denen jeder Jaginstinkt genommen worden ist. Wenn es noch ein einziges Buch über den Zoo geben darf, dann dieses. Guten Appetit!

Dazu jetzt ein Video mit Tieren? Nun ja, bei Gruff Rhys kommen verschiedene Tiere vor, sogar als Kopfbedeckung. American Interior ist Futter für die Ohren, begleitet von einem sehr schönen Film : http://vimeo.com/95643200

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Ian Tippett. I Want You Back. Brunswick West 2014. ISBN 9780646907550. o. pag. mit zahlr. Farbfotos, Hc.

Es ist schon drei oder vier Drinks her, dass meine Augen die Umgebung noch normal fixieren konnten. Ich lasse mich durch die Nacht treiben, schiebe mich durch das Gedränge der Clubs und Bars. Schemenhafte Fragmente aus T-Shirts, Modeschmuck, Tattoos und lackierten Nägeln tanzen an mir vorbei, vermischen sich mit Shirt-Motiven von Pferden, Eulen oder Wölfen. Sprüche und Starportraits verquirlen sich mit Totenköpfen oder Katzenbildern. Wie auf einer trunkenen Odyssee  durch die Bars der Stadt fühle ich mich beim Blättern dieses Buch. Ian Tippets Kamera nimmt auf seinen Streifzügen durch Melbourne eine merkwürdige, verstörende Perspektive ein. Indem er die Kamera über seinen Kopf hält und steil nach unten richtet,  imitiert er den Blick am eigenen Körper herunter. Nie sind Gesichter auf seinen Fotos zu sehen, höchstens als aufgedruckte Zitate diverser T-Shirts. Das Blitzlicht isoliert seine Objekte im Raum, schält abstrakte Formen, intensive Farben und absonderliche Torsi aus der Dunkelheit. Die vordergründig an Schnappschüsse und Selfies erinnernden Fotografien sind gleichwohl sehr sorgfältig komponiert und redigiert. Angesiedelt irgendwo zwischen Straßenfotografie, konzeptueller Serie und Modeblog hat Ian Tippett mit „I want you back“ eines der intensivsten und am meisten irritierenden Bücher des Jahres veröffentlicht.

Dieser Song ist der Begleiter, wenn man sich nach drei, vier Drinks durch die Nacht treiben lässt und irgendwann zu tanzen anfängt. Future Islands mit Seasons lässt uns durch das Buch von Ian Tippett tanzen: https://www.youtube.com/watch?v=1Ee4bfu_t3c

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Adam Lach – Stigma. Eigenverlag. Warschau 2014. ISBN 978-83-939574-0-8. 108 S. mit 49 farb. Fototaf., 21,4 x 17,1 cm, geb.

„Stigma“ führt uns in eine Romasiedlung am Stadtrand von Breslau. Der Fotograf Adam Lach spart die Zumutungen nicht aus, denen sich die Familien täglich ausgesetzt sehen. Diese leben in elendigen Bedingungen. Aus einfachsten Materialien zusammengeschusterte Unterkünfte. Keine Strom- und Wasserversorgung. Die Stadtverwaltung möchte sie lieber heute als morgen loswerden. Lach, der in Breslau aufgewachsen ist, wurde auf die Gemeinschaft erstmals 2011 aufmerksam. Er ist oft dort gewesen. Seine Unvoreingenommenheit ist seine Stärke. Er tappt nicht in die Falle der Klischees, wenn er uns seinen emphatischen Blick ins Innere dieser marginalisierten Gemeinschaft bietet. In all der sie umgebenden Tristesse bietet sich ein anderer Blick auf die Lebenswirklichkeit der Leute, die unseren eigenen Hochmut als Betrachter straft. Was für ein Stolz, was für eine Anmutung der Porträtierten. Die Würde kann ihnen niemand nehmen. Dazu sehr empfehlenswerte Texte und ein bestechendes Buchdesign im D.I.Y.-Duktus. In diesem Buch passt alles zusammen.

Wütende Band. Die Nerven. Aber die nerven bestimmt nicht. “Versteckst du dich oder drehst du dich weg”, heißt es in einer Zeile von Angst. Passt so gut zu diesem Buch. Die Nerven sind nicht Tocotronic! http://vimeo.com/85594533

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Dougie Wallace. Shoreditch Wild Life. London 2014. 176 S. mit zahlr. Farbfotos. 14,5 x 20,5 cm. Hc.

An alle: Kauft Bücher von der Hoxton Press! Wie toll ist das denn, nur thematische Bücher über East London herauszubringen? Man könnte z.B. anfangen mit „Shoreditch Wild Life“ von Dougie Wallace, einem Getriebenen, der sich durch einen Teil von Hackney bewegt hat. Shoreditch ist von Prozessen der Gentrifizierung gekennzeichnet, hier treffen unterschiedlichste Gruppierungen aufeinander. Schwer zu sagen, wie Dougie Wallace zu einer Vielzahl derart pointierter Bilder gekommen ist! Die Energie der Straße, die in seinen Fotos erkennbar ist, muss definitiv auf ihn abgestrahlt haben. Entweder ist der Fotograf unsichtbar oder verdammt überzeugend in seiner Kommunikation. Immer scheint er mitten drin: in den engen Straßen, an den Ständen der Straßenhändler. Er beobachtet die Flohmarktbesucher und Touristen, die übriggebliebenen Ureinwohner, die Hipster, amüsierwillige Cliquen, Nightclubtänzerinnen, Künstler, Sprayer, Skater, verlorene Seelen, Berauschte, Ladenbesitzer und Hunde in Koffern. Unglaublich amüsant, auch wenn einem das Lachen oft genug im Halse stecken bleibt. Das ist die wildeste Mischung, die dieses Jahr zwischen zwei Buchdeckel gepresst ist. A Walk on the Wild Side!

Dazu The Beigeness von Kate Tempest, auch eine Getriebene, allerdings des Wortes.http://vimeo.com/93358071

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Martina Ivanow Hogland. Speedway. Livraison. Stockholm 2014. ISBN 9789198022537.  96 S. mit 57 Farbtaf., 29,5 x 24,5 cm, Hc.

Speedway, Eisspeedway? War das nicht so ein kurioser Motorradrennsport, wo die als „Spidermen“ oder „Rider“ benannten Fahrer in gebückter Haltung  auf kreischenden, nur noch entfernt an Motorräder erinnernden Rennmaschinen, deren Reifen mit zentimeterlangen Spikes bestückt sind, im kleinen Oval ihre Wettfahrten austragen? Jedenfalls hatte ich diese Bilder im Kopf, bevor ich Martina Hoogland Ivanows Buch das erste Mal aufschlug  – und eines  anderen belehrt wurde. Eines der ersten Bilder zeigt eine Gruppe amorpher Gestalten, die nur schemenhaft im Zwielicht zu erkennen sind. Lichtreflexe zaubern glühende Augen auf sie. Die Gladiatoren stellen sich dem Publikum. Die Arena, ein graues Band, das sich undeutlich aus der Dunkelheit schält. Wenige Scheinwerfer vermögen das Schneetreiben kaum zu durchdringen und enthüllen nur vage Details. Schatten von dürren Ästen spiegeln bizarre Muster, der rote Widerschein eines Scheinwerfers wirft rote Farbe in den Schnee und wie eine schweigende Wand aus Silhouetten säumen die Zuschauer die Rennstrecke. Ihre Helden ähneln modernen Versionen mittelalterlicher Turnierritter oder Mitglieder eines geheimen Bundes, die rätselhaften Codices unterworfen und einer bestimmten Kleiderordnung verpflichtet sind. Die unförmigen Helme und abgedunkelten Brillen verleihen ein bedrohliches Aussehen. Über den dick wattierten Lederoveralls schützen markante Protektoren Brust, Schultern und Gliedmaße. Schemengleich jagen die Rider durchs Bild, um eilends wieder im Zwielicht zu verschwinden oder tragisch zu scheitern und in einer Schneewehe am Rande der Piste zu enden. Mit ihren phantastisch düsteren, irrealen Bildern transformiert Martina Hoogland Ivanow in „Speedway“ das mittelalterliche Ritterturnier mitten ins 21. Jahrhundert.

Gold für den Gewinner! Gebt Speed, werft euch in die Kurven, gleitet gleichmäßig dahin, Ihr Mutigen! Das geschieht auch in dem Video Gold von Chet Faker. Wenn auch völlig anders: http://vimeo.com/103728987

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Laia Abril. The Epilogue. Dewi Lewis. Stockport 2014. ISBN 9781907893544. 172 S. mit zahlr. Fotos. 19 x 24,8 cm, Hc.

Am Ende kommt Tommy, Cammys Bruder noch einmal zu Wort. Er erzählt, wie er kurz nach dem Tod seiner Schwester zum Krankenhaus fährt. Auf dem Weg sieht er einen kleinen Garten, in dem Cammy steht. „ Es war nicht eine Sache der Einbildung. Ich hatte das Gefühl, ich könnte ihre Seele sehen. Ich sah sie mit meinen Augen. Ich konnte es genau fühlen.“ Wer sich als Leser mit diesem Buch beschäftigt (man kann es nicht nur einfach blättern), dem wird Cammy ebenfalls sehr gegenwärtig werden. Cammy stirbt mit 26 Jahren an Bulimie. Die amerikanische Fotografin Laia Abril, die sich in den letzten Jahren vor allem mit dem Heranwachsen junger Frauen und speziell dem Thema Essstörungen beschäftigt hat, rekonstruiert die Biographie eines ganz normalgewichtigen Teenagers, der irgendwann der heimtückischen Krankheit anheim fällt. Gleichzeitig erzählt sie retrospektiv die Geschichte der Familie Robinson, die hilflos dem Prozess hat zuschauen müssen. Dazu dienen ihr vor allem alte Fotos und Erinnerungen der Familienmitglieder und Freunde, die sie minutiös protokolliert. Der Leser stößt auf Briefe, faksimilierte Urkunden, medizinische Protokolle und am Ende sogar den Totenschein. Abril collagiert ihr Material auf grandiose Weise mit neuem Fotomaterial über die Familie, die auch Jahre danach mehr schlecht als recht mit dem Schmerz umgehen kann, ein Mitglied auf diese Weise verloren zu haben. Cammys Geschichte erzählt uns viel über die hoffnungsvollen Versprechen eines jungen Lebens, aber auch über Enttäuschungen und Widerstände, die manchmal zu übermächtig scheinen. Schweigsam bleibt der Leser zurück.

Möchte man zu solch einem Buch mit Musik behelligt werden? Sucht man nicht lieber die Stille? Hier kommt der Sleep Sound von Jamie XX! In diesem wunderbaren Video kriegt man beides – Musik und Stille. Unbedingt schauen!: http://vimeo.com/104387620

Kommentare

  1. Hans Schlimbach meint

    Wen soll ich loben? Mich oder Euch – : wenn ich 5 Bücher Eurer Wahl schon mein eigen nenne? …

  2. meint

    ….. eine tolle Auswahl aus der Flut neuer Titel, die sicherlich um viele Titel erweitert werden könnte, wenn es rein um Gestaltung, Thema und Ausführung ginge. Das Problem sind oft die begrenzten Mittel, die zur Verfügung stehen, um das was aktuell und interessant ist zu kaufen. Oft bleibt es dann doch beim durchblättern und “scannen” im gut sortierten Bookshop.
    Das Fotobuch hat in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt, der allmählich wie die Axt am Stamm des Baumes wirkt. Die Zeiten, in denen sich ein Verlag ein Titel mehr als zehn Jahre hinlegen konnte, damit der Titel am Markt verfügbar ist, sind längst vorbei und in meiner Wahrnehmung ist es nicht nur die Überproduktion sondern besonders auch der Ramschverkauf erstklassiger Ware, der jede Neuerscheinung im Wege steht. Ich kann mir für das gleiche Geld zwei oder drei Titel kaufen und frage mich, ab wann es die Neuerscheinung vielleicht reduziert gibt. Das gilt sicherlich nicht für Kleinstauflagen, aber doch für Bücher, die, um einen realistischen Preis zu erzielen, eine bestimmte Auflage haben müssen.
    Um Abhilfe zu schaffen rege ich an, meine persönliche Praxis (Rettungsprogramm) anzuwenden : Statt frustriert über den “Verlust” zu sein, dass das Buch jetzt viel billiger zu haben ist, kaufe ich jetzt gleich zwei oder drei davon, um sie verschenken zu können. Das ist für viele Beteiligte einer gute Sache. Der Beschenkte hat sich vielleicht noch nicht mit Photographie befasst oder kann es sich nicht leisten, solche Bücher zu kaufen, man hat selber ein schönes Geschenk und hilft die große Halde abzubauen. Das freut dann auch Michael im Bookshop. – Er hat dann wieder mehr Platz für Neuerscheinungen.
    Weihnachten ist nun gerade vorbei, aber kommt aber mit Garantie wieder und es gibt ja auch noch viele andere Gelegenheiten, Jemandem eine Freude zu machen.

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