Kim ThueDead Traffic

14.4.12 Kim Thues fotografische Serie ist in Sierra Leone entstanden – jener westafrikanischen Republik, die einen jahrelangen brutalen Bürgerkrieg erlebte, von dem sie sich bis heute nicht wirklich erholt hat, in der jedes 3. Kind vor seinem fünften Geburtstag stirbt, in der die Lebenserwartung bei Mitte 40 liegt, in der die Rate HIV-Infizierter stetig wächst und 70% der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Wenn also ein Buch eine fotografische Arbeit aus einem der ärmsten Länder der Welt präsentiert, springt unmittelbar das eigene Kopfkino an, wird die eigene Elendsvorstellung mit den gelieferten fotojournalistischen Bildern abgeglichen, die in der Regel genau diese Annahmen spiegeln. Nicht so hier!

Kim Thue, der eine Dokumentation über ein wiedereröffnetes Krankenhaus in Freetown fertigen soll, hadert mit der eigenen, stereotyp empfunden Bilderproduktion über die Armut in Afrika. In der verbleibenden Freizeit streift er immer wieder durch die Hauptstadt, bis er  in ein hermetisches Slumviertel namens „Big Wharf“ gerät, in dem vor allem junge Menschen, arbeitslos und ohne Perspektive, stranden, um sich mit Kleinkriminalität, Drogen und Prostitution über Wasser zu halten. Einen Ausweg aus der Spirale von Armut, Gewalt, Verkommenheit, Willkür, Verbrechen, Korruption und Depression scheint es nicht zu geben, fast gleichmütig arrangieren sich die Bewohner mit der vorgefundenen Situation. In den stolz vorgetragenen Posen der Porträtierten nimmt man jene „gangster attitude“ wahr, die diese aus Musikvideos und Filmen kennen und imitieren. Für Kim Thue wird es nicht gefährlich, weil er nicht als Eindringling empfunden wird. Die Leute sind eher neugierig, warum sich ein weißer Europäer für sie interessiert. Überrascht von der entwaffnenden Offenheit, die ihm die jungen Menschen schließlich entgegenbringen, entledigt er sich aller fotografischen Konventionen und führt uns in einer düsteren Schwarzweißfotografie die vermeintliche Apokalypse als einen rauen, poetischen Ort vor, ohne irgendwelche Klischees zu bedienen und moralische Wertungen eines eurozentrisch geprägten Geists vorzunehmen. Sicher wird das gegenwärtige Chaos und Elend, das in dem Viertel stärker als woanders herrscht, eindringlich mitgeliefert, wird der ganze Irrsinn eines Landes in seinen Bildern indirekt miterzählt. Doch, so wie wir als Betrachter die Situation annehmen, bestätigt sie uns der aus Dänemark stammende Fotograf nicht. Die Erzählweise ist hart realistisch, um sich immer wieder ins Rätselhafte zu verkehren und jegliche Erwartungen auszuhebeln. Als Betrachter ist man nie sicher, was da genau vor sich geht. So ist es auch Teil des Konzepts, dass der Fotograf auf jegliche Titel und Anmerkungen verzichtet, um uns im Diffusen zu belassen. Hier ein Schlangenbeschwörer, dort ein junger Mann, der ein Kruzifix schwingt. Doch Gott glänzt durch Abwesenheit und ist nur in der unerfüllten Sehnsucht präsent, die sich durch die Kreuz-Halsketten und -Tätowierungen oder eine aufgestellte Jesusfigur manifestiert. Ein Mann greift nach dem Kinn seiner jungen Begleiterin. Ist das Liebkosung oder Gewalt? Ein Schädel wird mit einer Rasierklinge bearbeitet. Rasur oder traditionelles Skarifizierungsritual? Mitten auf einer Kreuzung liegt ein Junge ausgestreckt. Gespielte Pose oder ernsthafter Sturz? Dann eine halbnahe Einstellung: jemand, dessen Gesicht und Oberkörper aus dem Bild herausragt, hält eine Machete, wenig später dieselbe Unterperspektive auf eine weitere anonyme Person, die eine riesige, schlecht verheilende Narbe am Bein präsentiert. An dieser Stelle ein tiefes Durchatmen. Ein Adler, gefangen, die Flügel mit schweren Steinen fixiert. Und schließlich das Bild eines Kindes mit einer Wollmaske, dessen starrer Blick uns durchdringt. Immer wieder rückt Kim Thue den Leuten  ganz nah auf den Leib, müde ist der Ausdruck der Gesichter, zuweilen auch herausfordernd. Ein Bild zeigt die tätowierte Hand des Fotografen, die in die Szene reicht. Vor sich hat er eine junge Frau, die halbnackt auf dem Bett sitzt und die Augen geschlossen hält. Und wieder die Undurchschaubarkeit der Situation: völlige Selbstversunkenheit, erotische Koketterie?

Dem sorgfältig gestalteten Buch gelingt es in außergewöhnlicher Weise, aus Kim Thues Material eine atmosphärische Dichte zu formen, um den Betrachter so in einen unerbittlichen Sog des Geschehens hineinzuziehen. Porträts und Straßenszenen verweben sich zu einem ganz eigenen Sound: Der ist düster, wild, abgründig!          Peter Lindhorst

Kim Thue: Dead Traffic. o. pag., 62 Fotos. Gebunden. ISBN 978-3-9815119-0-1. dienacht Publishing, 2012. 24.90 € . Zu bestelllen über: http://www.dienacht-magazine.com/publishing/

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