Kurt Dornig. Über Buchgestaltung

 

Cornelia Blum, Auszeit. Buchgestaltung: Kurt Dornig

 

Mir passiert es immer wieder, dass mir Fotobücher in die Hände fallen, bei denen ich unmittelbar merke: es knirscht. Inhalt und Form finden überhaupt nicht zueinander. Man hätte besser daran getan, einen Experten ranzulassen, der entsprechende Erfahrung auf dem Feld der Buchgestaltung mitbringt. Etwa jemanden wie Kurt Dornig, der Graphikdesigner und Illustrator ist und sein Studio in Dornbirn/Österreich betreibt.

Zufällig kam ich vor einiger Zeit mit ihm ins Gespräch, als er mich zu  einem Buch befragte, von dem ich noch nie gehört hatte und das mich unmittelbar neugierig machte. Daraus entspann sich sogleich ein intensives Gespräch, in dessen Verlauf ich mich mit meinem Gegenüber über Materialien, über Gestaltungswerkzeuge, über falsch verstandenes Design und umgekehrt über besonders gelungene Bücher austauschte.

Kurt Dornig hat neben seinen zahlreichen anderen Projekten auch eine Vielzahl von Publikationen gestaltet, mit denen er wichtige Preise eingeheimst hat. Ein paar Tage nach unserem Zusammentreffen schickte er mir einen Aufsatz zu, eigentlich für den privaten Gebrauch bestimmt, der mir so überaus gefiel, weil er Themen unseres Gesprächs gut zusammenfasste. Ein großes Glück, dass dieser Text nicht privat bleiben muss, sondern Dornig die Erlaubnis erteilte, diesen hier zu veröffentlichen.

Alois Galehr. Bananorama. Buchgestaltung: Kurt Dornig

Auch wenn sich Dornigs Text über Buchgestaltung nicht in erster Linie an Fotografen wendet (er basiert auf einem Vortrag über Buchgestaltung für Nichtgestalter), erläutert er in pointierter Form die einzelnen Parameter der Buchgestaltung und bietet Inspiration, sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Hier der vollständige Text:
“Autoren schreiben Texte, keine Bücher.” (Friedrich Forssman in einem Vortrag in St. Gallen, 2010)

BUCHGESTALTUNG

Frage: Was machst du denn beruflich?
Antwort: Ich bin Grafikdesigner.

Und was machst du da genau?
Hauptsächlich Buchgestaltung.

Illustrierst du Kinderbücher?
Nein. Pause. Ratloses Gesicht. Nachdenken. Verstehendes Lächeln.

Ah, ja. Jemand muss ja die Umschläge gestalten.
Okay, das stimmt. Doch Buchgestaltung ist weit mehr als das. Als Buchgestalter begreife ich mich als Dolmetscher zwischen AutorInnen, KünstlerInnen oder VerfasserInnen von wissenschaftlichen Texten und LeserInnen.

Ach ja? Und wie funktioniert das?
Buchgestaltern, egal welcher Art von Buch, steht ein ganzes Arsenal an „Werkzeugen“ zur Verfügung: Dazu gehören u.a. Format, Größe, Proportion, Raster, Typografie, Papier, Druck und Bindetechniken. Und so wie ein Pianist 88 Tasten vor sich hat, die er in einer bestimmten Reihenfolge, einem bestimmten Rhythmus und unterschiedlicher Intensität anschlagen kann, um damit eine klassische Komposition, Rock, Pop oder Jazz zu „erzeugen“, genau so können diese „Werkzeuge“ bei der Gestaltung von Büchern (aber nicht nur da) eingesetzt werden. Und wenn man sich nun vorstellt, dass es drei Formate, unzählige Größen, Proportionen und Rastersysteme gibt, dazu eine sehr große Anzahl von möglichen Schriften und Papieren, Druckverfahren und Veredelungstechniken sowie viele Techniken, eine Anzahl von Seiten zu binden, ergibt sich daraus eine schier endlose Zahl an Umsetzungs- und Interpretationsmöglichkeiten. Details wie Überzugmaterialien, Vorsatzpapiere, Kapital- und Lesebänder, Pagina und Kolumnentitel noch nicht eingerechnet. Prinzipiell sind bei jedem Buch alle diese Parameter zu berücksichtigen. Bei einem einfachen Textbuch natürlich weniger umfangreich als bei einem komplexen wissenschaftlichen Werk, aber trotzdem.

Was unterscheidet nun ein gutes Buch von einem weniger guten oder gar schlechten?
In erster Linie natürlich der Inhalt. Darauf hat man als Gestalter jedoch meistens keinen Einfluss. In vielen Ländern wird jährlich der Wettbewerb „Schönste Bücher“ ausgelobt. Ist Schönheit also das entscheidende Kriterium für die Gestaltung? Mitnichten. Schönheit liegt im Auge des Betrachters und spiegelt höchstens einen Geschmack wider. Das heißt, dass – ohne inhaltliche Vorgaben- jeder halbwegs begabte Gestalter ein schönes Buch gestalten kann. Das ist keine große Sache. Ein stimmiges Buch zu einem bestimmten Thema zu machen ist eine der größten Herausforderungen, der man sich als Gestalter stellen kann. Warum das so ist, liegt auf der Hand: Bücher müssen konsequent aus dem Inhalt heraus gestaltet werden. Und jeder Inhalt verlangt nach adäquatem Einsatz der Gestaltungsmittel. Geradewegs so wie Klassik, Rock oder Jazz nach unterschiedlichen Rhythmen und Tonleitern verlangen.

Gerhard Klocker. The Uncomplete Book of Portraits. Buchgestaltung: Kurt Dornig

Soweit, so klar. Nur, dass Gestaltung eben nicht Mathematik ist und daher nicht nach bestimmten Formeln vorgegangen werden kann, sondern Fingerspitzengefühl und Empathie erfordern. Dass für ein technisches Thema andere Schrifttypen als für ein „organisches“ Thema eingesetzt werden sollten oder eine andere Papierwahl getroffen wird, ist naheliegend, aber auch nicht per se richtig. Stil hilft auch nicht weiter. Stil ist das Ende jeder Kreativität. Gestaltungsphilosophie, Handschrift und Haltung sind schon eher gefragt.

Wie sieht nun aber die „richtige“ Schrift oder das passende Papier aus und nach welchen Kriterien fälle ich diese Entscheidungen?
Dieses Wissen unterscheidet gute von weniger guten GestalterInnen und damit auch die guten von den weniger gut gestalteten Publikationen. Dazu kommt, dass man als Gestalter nur in seltenen Fällen alleine eine gesamte Publikation umsetzt. Fast immer braucht es ein ganzes Team von Spezialisten, die für das Gelingen verantwortlich sind. Als Gestalter ist man in der Position eines Regisseurs, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Das heißt, man trägt nicht nur für den eigenen Bereich die Verantwortung, sondern ist auch für den reibungslosen Ablauf, die Koordination der Beteiligten und die Abstimmung aller Komponenten zuständig.

gelitin – Chinese, Synthese, Leberkäse. Buchgestaltung: Kurt Dornig

Soweit alles klar? Gut, denn jetzt wird’s komplex. Bücher gibt es, je nach dem wo man ansetzt, seit ca. 3.000 Jahren (frühe ägyptische Schriftrollen), ca. 1.200 Jahren (Erfindung des Papiers) oder ca. 560 Jahren (Erfindung des Buchdrucks). Die Schrift, die wir verwenden, stammt ursprünglich von den Phöniziern aus dem östlichen Mittelmeerraum und ist seit ca. 2.000 Jahren, also seit den Tagen des Römischen Reichs, beinahe unverändert im Einsatz. Die heute noch vorherrschende Kodexform ist zudem nicht sehr flexibel in der Auslegung. D.h., fast allen Büchern ist gemein, dass sie einen Umschlag haben, einen Kern mit Aufbau über den Bund und einen vertrauten Umgang mit der Typografie. Ist man in der Umsetzung zu innovativ, bricht man mit den „gelernten“ Regeln und entfernt sich so schnell vom Medium. Umso erstaunlicher daher, in wie vielen Ausprägungen uns das Buch heute begegnet. Und als Leser sollte man sich darüber auch keine Gedanken machen müssen. Ein Buch ist dann gut, wenn es den Inhalt erschließt. Dass dies gewährleistet ist, ist die vordringliche Aufgabe des Buchgestalters.

Fehlerquellen
So viele Werkzeuge, Parameter und Beteiligte es bei diesem Prozess gibt, so viele Fehlerquellen eröffnen sich. Falsches Format, schlecht gewählte Größe/Proportion, verwirrende Struktur, fehlender Zusammenhalt, dem Inhalt nicht entsprechende Schrift oder einfach nur schlechter Satz sind hier genauso zu nennen wie Bilder, die nicht auf das Papier abgestimmt werden, „falsche“ Haptik, schlechter Druck oder Bindung. Und wie beim Film gilt auch hier: Der Gesamteindruck ist entscheidend. Ist nur eine Komponente unzureichend, wirkt sich dies auf das gesamte Druckwerk aus. Und da –zumindest vom Laien – hauptsächlich Fehler wahrgenommen werden, ist jedes unauffällige Buch schon beinahe ein gutes Buch. Vor allem bei Künstlerbüchern ist sehr „beliebt“: Die Gestaltung der Publikation erhebt sich über den Inhalt, oder anders gesagt, der Gestalter ist plötzlich wichtiger als der Künstler, das Buch wichtiger als die abgebildete Kunst. Spätestens seit Dieter Rams und Lucius Burkhardt wissen wir, dass gute Gestaltung unsichtbar ist. Oder wie es der große Schweizer Buchgestalter Jost Hochuli in einem Workshop auf den Punkt brachte: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“

Aber was genau ist nun nötig und wo bleibe ich da als Gestalter? Ist das eine Aufforderung zum Pragmatismus? Und wie komme ich zu den notwendigen Informationen? Eigentlich ganz einfach: man muss im Wesentlichen lesen. Der kreative Prozess beginnt mit der Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Wer Text nur als Grauwert begreift, wird nie ein gutes Buch gestalten, auch wenn er ein „schönes“ Buch gemacht hat. Darum sollten wir auch nicht die „schönsten“ Bücher prämieren, sondern die „stimmigsten“, die „innovativsten“ und vor allem jene, die am sorgfältigsten mit dem Inhalt umgehen.

Gschwendtner/Hohler: Was liegen blieb. Buchgestaltung: Kurt Dornig.

Evolution
Seit ca. 20 Jahren erleben wir Geburt und Kindheit des digitalen Buches. Oft wird es als digitale Konkurrenz zum lieb gewonnenen analogen Medium empfunden. Wobei das so ja nicht ganz richtig ist. Wie nämlich der Wiener Philosoph und Autor Konrad Paul Liessmann in seinem Artikel „Bücherdämmerung“ (in: Der Standard, Album, vom 7./8.7.2012) sinngemäß sagt: Der Begriff „E-Book“ ist ein falsch verstandener Euphemismus. Das E-Book ist nämlich kein Buch sondern ein digitales Medium, das Lesetexte sichtbar macht. Nicht mehr und nicht weniger. Dass wir als Gestalter diese Evolution hautnah miterleben und nutzen können genauso wie digitale Produktionstechniken, ist nicht Fluch, sondern Segen. So müssen sich Autoren und Gestalter zu Gutenbergs Zeiten gefühlt haben, dessen Erfindung übrigens von Traditionalisten zuerst auch abgelehnt wurde. Das neue, digitale Medium braucht allerdings einen neuen Namen, um nicht ständig in Konkurrenz mit dem Medium Buch zu stehen. Aber der wird kommen. Genauso wie das noch junge Medium seine Kinderkrankheiten ablegen wird. Geben wir ihm etwas Zeit.

Wo aber bleibt dann das traditionelle analoge Buch? Darüber sind sich eigentlich alle Medientheoretiker einig. Das neue wird dem alten Buch den Markt streitig machen und große Teile übernehmen. Aber es wird das gedruckte Buch nicht verdrängen. Wichtige Erstauflagen, Bildbände und das „besondere“ Buch werden bleiben. In kleineren Auflagen und hochwertiger Ausstattung. Für bibliophile Menschen. Für Leser. Und für Gestalter.

Kurt Dornig, Juli 2013

Kurt Dornig mit zwei seiner gestalteten Bücher

Weitere Informationen zu den Projekten von Kurt Dornig, siehe: http://www.dornig.cc/de

(Peter Lindhorst)

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