Marco van Duyvendijk. Watch The Weather Change

Der Titel des jüngsten Buches von Marco van Duyvendijk ist einem Song der amerikanischen Band Tool entliehen. Mit einer verlorenen Stimme repetiert deren Sänger die immer gleiche Zeile über einem kryptischen Soundteppich aus Gitarren und Schlaginstrumenten. Das fordert die Hörgewohnheiten, brennt sich nach wiederholtem Abspielen ein und schafft Suchtpotential. Die von einer ganz eigenartigen Farbigkeit bestimmten Arbeiten des niederländischen Fotografen wirken beim ersten Blättern ähnlich irritierend, um sich schließlich festzusetzen.

Das von Marco van Duyvendijks in Eigenregie produzierte Buch ist das Ergebnis seiner Reisen in verschiedene Metropolen Asiens. Zwischen Stadtaufnahmen schieben sich Porträts, Stillleben und Naturaufnahmen. Dazu fügt der Fotograf eine Reihe sonderbarer Zugaben: ein Email-Austausch mit einer ihm unbekannten jungen Frau, die später in Hong Kong als Modell fungiert. Ein Gedicht aus den 40er Jahren von der Lyrikern Jo Landheer sowie verschiedene Serien mit Sofortbildern einer Instax-Mini. Das mag in der Aufzählung erratisch klingen. Allerdings kalkuliert der Fotograf, der letztes Jahr den exzellenten Band „Eastward Bound“ publizierte, den Einsatz seiner Mittel genauestens. Immer sind seine Bilder von einem besonderen Kompositionswillen geprägt. So entsteht eine spannungsgeladene Arbeit, deren poetische Tiefenschicht sich erst nach und nach offenbart. Aus dem Hotelfenster hält die Kamera das Panorama der Stadt fest, der Horizont ist von riesigen Wohntürmen verstellt. In einer extremen Aufsicht blickt der Fotograf auf das Treiben der Straße, die mit bunten Tupfern übersät ist, die sich als aufgespannte Regenschirme entpuppen. Und dann ein weiteres Fenster, diesmal in Form eines Bullauges, das dem Betrachter zum Eintritt in eine dahinterliegende Welt anhält. Diese ist in einen rätselhaften Dunst eingehüllt. Eine Dynamik entwickelt sich aus dem Innen und Außen, jene Bereiche, durch die uns der Fotograf immer wieder führt: Privat und Öffentlich oder das Ich und die Welt. Die Welt: die Werkstatt eines Marionettenbauers. Fisch, zum Trocknen an einer Stange aufgehängt. Ein kleines Mädchen posiert in einem merkwürdigen Kostüm. Ein dunkelblauer Schmetterling landet auf dem Asphalt. Und dann das Ich: Eine Frau, die nackt auf einem Bett liegt. Die Hände der Freundin, die eine tote Amsel birgt. Aus den divergenten Versatzstücken schafft der Fotograf immer wieder so eigensinnige wie elegante Verbindungen. Mit dem Buch, das auch durch sein wunderbar ruhiges Design überzeugt, lotet Marco van Duyvendijk raffiniert das erzählerische Potential der Fotografie aus.

Zwei Lampions hängen an einer Lichterkette der Uferpromenade. Das nachfolgende Bild: Die beiden Lampions werden von einem Windstoß erfasst. Und es ist, als ob der Wind zugleich eine Melodie herüberträgt: Watch The Weather Change, Watch The Weather Change, Watch… Peter Lindhorst

Marco van Duyvendijk. Watch The Weather Change. Verlag Marco van Duyvendijk. Rotterdam, 2011. ISBN 9789081338509. 96 S., 66 Fotos. o.pag. geb.  27,50 Euro.

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