Margaret M. de Lange Surrounded by No One

21.2.12 Es geht eine Verstörung aus von diesem Buch, der man sich nicht entziehen kann. Das Glanzcover zeigt ein Mädchen, das sich selbstvergessen mit den Fingern Müsli aus einer Schale in den Mund schaufelt. Darüber in weißen und goldenen Lettern der Titel. Das wirkt beinahe gefällig. Der Ausschnitt der Welt, wie ihn Margaret M. de Lange zwischen den Buchdeckeln präsentiert, ist dagegen von einer schmerzlichen, kaum auszuhaltenden Wahrhaftigkeit geprägt. Mit einem lebensdüsteren Schleier scheint das Dasein umwoben. Die von der Fotografin aufgezeigte Einsamkeit, die wir als unumstößliche existenzialistische Gegebenheit erkennen müssen, wenn wir in die müden, traurigen Gesichter des von ihr fotografierten Personals blicken, lehrt uns das Schaudern.

Margaret M. de Lange. Surrounded by No One

Margaret M. de Lange, Fotografin aus Oslo, die eigentlich im Bereich Werbe- und Interieurfotografie tätig ist, sorgte bereits mit ihrem Erstling „Daughters“ für Irritation. In ihrer neuen Arbeit, die derzeit im Stockholmer Fotografiska Museum ausgestellt wird, treibt sie den Einsatz ihrer bildnerischen Mittel noch exzessiver auf die Spitze. Es ist eine dunkle, grobkörnige, von harten Kontrasten bestimmte Fotografie. Und man fragt sich die ganze Zeit: Wie schafft sie es, so nah, so beunruhigend nah, an ihre Protagonisten heranzukommen? Was passiert da eigentlich genau hinter den Türen, die sich für einen kurzen Moment öffnen und wer sind diejenigen, die sie hineinlassen? Keine Antworten von ihr dazu. In ihrer fotografischen Serie reduziert die Fotografin radikal ihr Themenangebot und verdüstert dieses, wenn sie uns eine aus den Fugen geratene Welt zeigt, in der die Vereinzelung absolut ist. Ihre Fotografie ist derart tiefgründig und von einer Kraft, dass diese den Betrachter wie eine Faust in den Magen trifft. „Love is a battlefield“ heißt es in einem alten Song von Pat Benatar. Hier wird die Zeile zu einer unumstößlichen Weisheit, denn das Zusammenleben wird als eine Art Kampfzone vorgeführt, eindringlich und schonungslos zugleich: Welche Verletzungen erleiden wir im täglichen Zusammenleben (und Alleinsein)? Aus den Nasen tropft das Blut, Tränen rollen über die Wangen, Augen sind mit „Veilchen“ versehen, Kleider werden verschoben, um auf dem Körper eine regelrechte Kartographie von blauen Flecken und Narben zu entblößen. In wuchtigen Bildern, die Margaret M. de Lange zu einem genialen Rhythmus verwebt, geht es um die Leere, die Langeweile, die unerfüllte Sehnsucht, an der die Beteiligten leiden. Runtergelassene Hosen, Blutflecken auf dem Laken, enge Umarmungen, entblößte Brüste, Zungen, die aus Mündern gestreckt werden und sich in andere schieben, Masturbations- und Beischlafszenen, postkoitale Erschöpfungen. Körper krümmen sich zwischen den Laken, Menschen sitzen entrückt auf der Bettkante, den Kopf aus dem Halbdunkel der Kamera schüchtern zugewandt. Und es sind vor allem die Augen der Porträtierten, die unsere Aufmerksamkeit erregen. Fast scheint es, als ob man in die Tiefe ihres Daseins hineinschauen könne. Der Betrachter wird in Unruhe versetzt, denn was sich dort zeigt, ist Zweifel, Lebensöde, Vereinzelung, qualvolle Leere.

Margaret M. de Lange. Surrounded by No One

Und dazwischen vereinzelt thematische Gebrochenheit: Eine Schale mit Vogelfutter in einer Schneelandschaft;  im Garten eine Vogelscheuche; ein verendetes Reh auf dem Asphalt, die Augen stumpf, alles Leben daraus gewichen. Vorgeführte Banalitäten unserer Existenz, unter deren Oberflächen sich bereits Risse andeuten. Die Verzweiflung einer jungen Frau, die zusammengekauert vor dem Klo hockt. Die Erschöpfung der Mutter, die neben ihrem Baby einschläft. Ihr nackter Rücken ist mit einem merkwürdigen Muster versehen. Narben einer Verbrennung? Und was bedeutet schließlich das Porträt jener jungen Frau, auf deren Schoß Ratten krabbeln?

Margaret M. de Lange. Surrounded by No One
Margaret M. de Lange. Surrounded by No One

Margaret M. de Lange führt uns die Widrigkeiten des Zusammen- und Alleinseins vor, die unweigerlich in jenen Endstationen münden: Apathie oder Gewalt. Das ist in etwa die grobe Erkenntnis, die sich für den Betrachter einstellt. Man wünscht vergebens Erlösung, diese bekommt man von der Fotografin bis zur letzten Seite nicht erteilt. Was für eine Erschütterung! Peter Lindhorst

Margaret M. de Lange. Surrounded by No One. 144 S., 82 teils doppelseitige Fototafeln. geb. London, 2011. Trolley Books. ISBN 9781907112355, 32,00 Euro

 

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