Martin Bogren. Lowlands

Vor einiger Zeit wurde am Hamburger Schauspielhaus Rocko Schamonis “Dorfpunks“ aufgeführt, die Geschichte eines Heranwachsenden in der Provinz. Der Schlusschor stimmte darin ein Lied mit folgender Zeile an: „Du trägst dein Dorf immer mit dir rum.“ An die Zeile muss ich denken, als ich durch das schön gestaltete „Lowlands“ von Martin Bogren blättere. Darin beschreibt der Fotograf eine Episode, als er an den Ort seiner Jugend zurückkehrt. Er steht auf dem Dach seines Autos und macht Fotos von den Spuren exzessiver Burn-Outs auf einem Parkplatz. Das abgeriebene Gummi von durchdrehenden Reifen bildet kalligraphische Zeichen auf dem Asphalt. Ein kleiner Junge kommt mit dem Rad vorbei. „Cooler Burn. Von dir?“ „Nein, ich hab nur diesen Golf. Kann man damit nicht machen.“ „Du kannst Burns mit jedem Auto machen. Warum machst du Bilder davon?“ Bogren erklärt dem Jungen, was sich alles darin lesen lässt: Enttäuschung, Liebe, Schmerz, Sehnsucht. Der Junge schaut ihn daraufhin ein wenig besorgt an, so dass der Fotograf schnell ergänzt: „Nur ein Witz, ich hab es fotografiert, weil ich Burn-Outs mag.“ „Ich auch“, sagt der Junge und radelt davon.

Martin Bogren ist in die südschwedische Provinz Skåne mit der vagen Idee gereist, eine Porträtserie der Bewohner zu erstellen. Als er aber dort ist, wird er von Erinnerungen übermannt und verliert die  ursprüngliche Zielsetzung aus den Augen. Skurup heißt das Dorf, einst Ort unbesorgter Kindheit. „Es gibt einen Hügel außerhalb des Dorfs. Von da aus kann man die Straße beobachten, die aus der Ortschaft führt. Ich steige den Weg hinauf, zähle 205 Stufen. Als ich klein war, war es ein Berg. Zweihundertfünf Stufen. Das reichte, um die Welt zu überblicken.“ Doch die zunehmende Bewusstwerdung des Heranwachsenden stutzt den Berg auf ein rechtes Maß. Wer älter wird, empfindet unweigerlich die Enge des Dorfes und hat als Konsequenz nur eines im Sinn: So schnell wie möglich weg. Nur was tun, bis es soweit ist? Man trifft sich am Kiosk, irgendjemand hat einen Führerschein und ein Auto. Man kurvt immer wieder die Straße entlang, laute Musik erschallt aus dem offenen Fenster. Zu vorgerückter Stunde kommt vielleicht jemand auf die Idee, neue Bremsspuren auf den Parkplatz des kleinen Supermarkts zu zeichnen.

Irgendwann landet Bogren in der schwedischen Großstadt Malmö, wo er sich fotografisch ausbilden lässt. Seine Fotografie bewegt sich in der Tradition des skandinavischen Fotojournalismus, sie ist düster, grobkörnig und sehr subjektiv. Sein erstes Buch erscheint Mitte der 90er Jahre und porträtiert die Band “The Cardigans“. Der Fotograf, dessen Arbeiten heutzutage in internationalen Magazinen abgedruckt werden und die sich in öffentlichen und privaten Sammlungen befinden, lässt sich nicht auf die Rolle eines Musikfotografen limitieren. Seine Arbeit „Ocean“ über junge Inder, die all ihre Ersparnisse zusammenkratzen und damit zum ersten Mal aus dem Landesinneren ans Meer fahren, bedeutet einen Durchbruch, wird international ausgestellt und erscheint als Buch. Mit dem in Schweden prestigeträchtigen “Scanpix Photography Award” wird schließlich die jüngste, vorliegende Publikation ausgezeichnet.

Bogren schafft hier einen Bilderbogen, bei dem sich zwei Erzähllinien immer wieder kreuzen und ineinander verschränken: traumhafte, unwirkliche Szenen, die verschwommenen Erinnerungen gleichgesetzt sind. Daneben konkrete, autobiographische Stationen. Bestimmte Orte der Erinnerung sind immer noch existent, die riesige Eiche oder der Eingang zu einem Haus. Ein geschmückter Baumstamm, der zum Mittsommerfest aufgestellt wird, ist das Zeugnis eines bestehenden Rituals. Und da ist dieser alte Mann und zeigt seinen nackten, verhärmten Oberkörper. Von den Brettern des Schuppens im Hintergrund blättert die Farbe. Müde blickt er in die Kamera. Ein allegorisches Bild der Auflösung.

Der Fotograf schweift mit der Kamera durch die Gegend, manchmal werden die Szenen rätselhaft. Kopfüber baumelt eine tote Krähe, mit einem Band befestigt, an einem Zaunpfahl. An anderer Stelle sieht man einen Mann, der eine menschengroße Puppe an sich presst. Was da vor sich geht – wer weiß es schon so genau? Vielleicht geht es um Enttäuschung, Liebe, Schmerz, Sehnsucht. Das wäre dann wohl doch kein Witz. Den Takt des Buches bestimmen aber die zahlreichen Porträts von Kindern, die uns mit entwaffnender Offenheit anblicken und in deren Angesicht sich die einst selbst gehegte  Erwartung an die Möglichkeiten des Lebens spiegelt.

Bilder zu machen, dient Bogren dazu, verschüttete Erinnerungen freizusetzen. Sein Buch spiegelt eine Reise, die sich zwischen poetischer Kraft und existentiellem Ernst bewegt. Da kehrt einer zurück, der seinen Frieden sucht. Auch wenn es banal klingt: Die Vergangenheit ist ein Teil dessen, was wir heute darstellen. Sie formt unsere Identität aus. Das Dorf tragen wir immer mit uns rum. Kein Blick zurück im Zorn. Peter Lindhorst

Martin Bogren. Lowlands. 40 Fototaf., o.S. Geb. ISBN 978-91-7126-230-1. Max Ström Verlag. Stockholm 2011. Geb., ca. 30,- €

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