Matej Sitar. Morning Sun.

 

Guter Hoffnung sein. 266 Tage sind der Durchschnittswert, bis sich aus einer befruchteten Eizelle ein Kind entwickelt und dieses das Licht der Welt erblickt. Wie es als Vater sein wird? Was sich ändert? Wie die Tage aussehen in einem Leben zu dritt? Matej Sitar weiß es nicht. Aber der slowenische Fotograf setzt sich fotografisch mit dem gleichermaßen beglückenden wie verwirrenden Moment auseinander, als er von der Schwangerschaft seiner Freundin Maja erfährt.

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Vor zwei Jahren erschien Matej Sitars „America, My Way“, ein ungewöhnliches, selbstproduziertes Buch. In einer aufklappbaren Mappe befanden sich drei Booklets, die eine Reise durch die USA beschrieben. Eigentlich ein langweiliges, weil so unendlich oft bearbeitetes Sujet. Aber Matej Sitars Ansichten, die er mit einer SX-70 aufgenommen hat, überraschten durch das Zusammenspiel, die Bilder bildeten einen sehr eigenen Rhythmus, immer wieder gab es Wiederholungen. Die genial komponierte Arbeit transportierte den intimen Blick desjenigen, der  mit einem ihm bis dahin unbekannten Land konfrontiert wurde.

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Die Kraft der Intimität ist auch in die Serie “Morning Sun” eingegossen, die in dem neuen, wiederum im eigenen Verlag hergestellten Buch vorgestellt wird. Wohin aber geht die Reise für ein werdendes Elternpaar? Und ganz ehrlich: will man als Betrachter davor nicht lieber Reißaus nehmen? Man hat seine Erfahrung mit der Beseeltheit werdender Eltern, die sich nur allzu schnell in einer Art Penetranz steigern kann. Tatsächlich wird der Fotograf drei, vier Mal explizit, wenn er den wachsenden Bauch seiner Freundin ablichtet. Ansonsten bleibt die Serie eher kryptisch, zumal es keinen den Anlass erklärenden Begleittext im Buch gibt.

Matej Sitar nimmt den Betrachter mit auf Exkursionen in das scheinbar Alltägliche. Geboten werden melancholische Ansichten von Landschaften, Porträts seiner Freundin und unspektakuläre Alltagsmomente: Bunte Wäscheklammern liegen verstreut auf dem Boden. In einem Teich tummeln sich Karpfen. Auf dem verschneiten Untergrund ist ein Fußabdruck erkennbar. Auf einer Waldlichtung befindet sich ein Meer von Buschwindröschen.

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Die Szenen, gedanklich und fotografisch verdichtet, chronologisch ordentlich durcheinander geschüttelt, erzählen keine stringente Geschichte, sondern tragen vor allem eine eigentümliche Atmosphäre in sich. Vielleicht, weil Matej Sitar über die besondere Kunstfertigkeit verfügt, sein Material so raffiniert zu arrangieren und dem Betrachter ausreichenden Assoziationsraum zu bieten. Das Kleine, Individuelle bringt der Fotograf zur Sprache und doch ahnt man als Betrachter einen größeren Zusammenhang. Möglicherweise ein Schlüsselbild: die an einer Scheibe abperlenden Tropfen. Dahinter im gelbbraunen Licht dunkle Umrisse. Der Betrachter weiß nicht, was da genau vor sich geht. Eine Szene, die uns mit einer ungenauen Ahnung hinterlässt. Das ist auch das Gefühl, von dem der Fotograf bestimmt ist.

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Mit Morning Sun hat uns Matej Sitar ein kleines, betörendes Buch vorgelegt. Die Morgensonne ist der Künder eines neuen, hoffnungsvollen Tagsbeginns. Ein Neubeginn steht auch am Ende der Arbeit. Davon erfährt man als Leser allerdings nichts mehr. Die Ankunft eines neuen Erdenbewohners wird fotografisch ausgespart. (Peter Lindhorst)

Matej Sitar. Morning Sun. Angry Bat. Ljubljana, 2014. ISBN 978-961-93414-2-1. 68 S. mit 38, teils doppels. Farbfotos. 21 x 24 cm. Hc., 35,00 €

weitere Infos siehe auchhttp://www.theangrybat.com

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