Max Regenberg: M Come To Where

Die goldenden Zeiten sind vorbei, in denen Tabakkonzerne in großangelegten Kampagnen ihre Marken im Markt aufbauen konnten. Im Zuge eines EU-weiten Tabakwerbeverbots ist der Zigarettenwerbung in den einzelnen Medien ein Ende gesetzt worden. Infolgedessen hat sich der Marlboro-Mann, der über viele Jahre etabliert wurde, zwar aus der Bilderwelt der Werbung verabschiedet, nicht jedoch aus unserem Gedächtnisspeicher. Dieser wird durch die vorliegende Fotoserie noch einmal befeuert, wenn Max Regenberg ausgewählte Ausschnitte des urbanen Raums vorführt. Sein Stadtbild ist geprägt von Zigarettenwerbung auf Mauern, Aufstellern und Litfaßsäulen.

Das Künstlerbuch überzeugt durch eine schlüssige Präsentation: Während der Einband ein Bild des Western-Genremalers Robert O. Lindneux präsentiert, imitiert das rote Vorsatzpapier den Farbton des Marlboro-Designs. Die einzelnen Kapitel sind durch reproduzierte Ausschnitte eines alten Werbeprospekts getrennt, was eine Reminiszenz Regenbergs an Richard Prince, den Vertreter der Appropriation Art, darstellt. Dieser hat in seiner berühmten Cowboy-Serie Anzeigen abfotografiert, um damit letztendlich ein kulturkritisches Statement zu geben.

Ähnlich wie Prince erkennt Regenberg in der Werbung ein höchst einflussreiches Feld gesellschaftlicher Bildproduktion, doch statt bestimmte Versatzstücke der Massenkultur zu isolieren und diese dadurch mit Bedeutung aufzuladen, führt er eine gegenteilige Strategie. In seinen Fotos werden gleichzeitig der Träger und ein ihn umgebender Wirkungsraum dargestellt. Regenberg, der eine einzigartige Sammlung von Werbeplakaten besitzt, betreibt unbeirrt sein Langzeit-Projekt. Indem er immer wieder Werbetafeln etc. im öffentlichen Raum abbildet, schafft er präzise soziologische Ausschnitte städtischer Realität. Aus Hubertus Butins Essay erfährt man, dass so bereits 15.000 Fotografien entstanden sind. Hier zeigt Regenberg ein knappes Exzerpt, das einen Zeitraum von 1978-85 beschreibt. Die Fotos dokumentieren, wie zaghaft sich die Werbebotschaften in die massig vorhandenen Freistellen des städtischen Raums schieben.

Regenberg zwängt sich nicht in das Korsett einer typologischen Fotografie. Er verfolgt keinen streng konzeptionellen Serienansatz, um sein Sujet zu bearbeiten. Aus dem Wageninneren wird der Blick auf eine Mauer mit einem zerfledderten Plakat gerichtet. Seine Aufnahmen schließen immer wieder parkende Autos ein, manchmal beleben einzelne Gestalten die Straße und oft sind die Werbeträger an den Rand gedrängt. Im Grunde kann man sich keinen krasseren Gegensatz der stereotypen Abenteuer-Botschaften zu dem grauen Betonchic des städtischen Raums, der Wohngebiete, Nebenstraßen und Parkplätze denken. Ein Pferdehals streckt sich über einen Maschendrahtzaun, daneben befindet sich ein zweites Plakat für Herrenunterwäsche. So leben die Bilder auch von jener Spannung, die sich im Zusammenspiel der beiden visuellen Ebenen ergibt. Peter Lindhorst

Max Regenberg: M Come To Where. White Press. Köln, 2011. ISBN 978-3-932187-94-0. 52 Abb., o. pag., geb., 48,- Euro.

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