Oliver Sieber. Imaginary Club

Doppelseite aus Imaginary Club
Doppelseite aus Imaginary Club

Hereinspaziert in den Imaginary Club! Wie viele Nächte hat sich Oliver Sieber um die Ohren geschlagen? Wie viele Drinks hat er zu sich genommen? Welche Musik hat er dabei gehört?  Auf welche Weise hat er wohl die Leute angesprochen und ihnen sein ungewöhnliches Anliegen vorgetragen? Wie viele Leute haben ihm eine Absage erteilt? Wie viele sind direkt aus dem Dunkel des Clubs vor seine Kamera getreten?

Den Imaginary Club gibt es nicht. Der ist nur erfunden, wie der Name schon verrät. Oder doch – es gibt den Imaginary Club. Der ist überall: in den großen Metropolen Los Angeles, New York, Tokio, manchmal auch in kleinen Städten in Finnland oder Deutschland. Oliver Sieber führt uns den Club als einen Ort der sozialen Utopie vor, der für einen bestimmten Augenblick der Welt vor der Tür einen eigenen konzentrierten Moment entgegensetzt, wie es Mercedes Bunz einmal formuliert hat.

Imaginary Club (Doppelseite)
Imaginary Club (Doppelseite)

Mit seinem neuen Buch legt der Düsseldorfer Fotograf einen wahren Klotz vor, aber einen, bei dem man trotz der Fülle keine Seite überblättern will. „Wenn ich ein Thema interessant finde, entwickle ich eine enorme Ausdauer und kann ein Jahr nur in die entsprechenden Clubs gehen, auf Partys und Konzerte.“ So beschrieb mir einst Oliver Sieber seine Vorgehensweise, als ich ihn für einen Begleittext zu seinem ersten Buch über Übungsräume und Protagonisten von Jugendkulturen interviewte. „Skinsmodsteds“ hieß eine der darin vorgestellten Serien und sie beschäftigte sich mit den Protagonisten jener Subkulturen. Oliver Sieber recherchierte dafür penibel Clubs, Konzerte und Festivals, die er dann besuchte und bei denen er Leute ansprach, um sie für einen Porträttermin in seinem Studio zu überreden. Eine sehr pure Serie entstand, die Elemente der klassischen Porträtmalerei zitierte. Immer in einem bestimmten Ausschnitt ab Brusthöhe, vor einem monochromen Hintergrund.

Dieses Prinzip hat sich zu einem Markenzeichen verfestigt und setzt sich im „Imaginary Club“ fort, wenn er junge Leute direkt in ihren Clubs überall auf der Welt anspricht. Zwar beginnt das Buch mit einem Bild von 1999; das Gros der Arbeiten stammt aus der jüngsten Vergangenheit.

Imaginary Club (Doppelseite)
Imaginary Club (Doppelseite)

Sehr oft hat sich Oliver Sieber in den letzten Jahren auf Reisen begeben und man ahnt, dass es dem Fotografen nach wie vor Spaß macht, in einem Club-, Musik- und Konzertkontext in einer fremden Stadt unterwegs zu sein, um dort seine kulturanthropologische Studien zu betreiben. Sieber selbst nimmt sich angenehm zurück bei der Porträtierung der Akteure aus unterschiedlichen Szenen. Kein Firlefanz der Inszenierung, was irgendwie auch gar nicht funktionieren würde. Die jungen (und manchmal gar nicht mehr so jungen) Erwachsenen selbst inszenieren sich als Angehörige bestimmter Subkulturen mit deren spezifischen Gruppensymbolen als Gegenpol zum bestehenden Mainstream. Ihre Outfits geben ein Versprechen: bürgerlichen Notwendigkeiten werden gesprengt und eine (temporäre) Vision von Freiheit ausgelebt. Distinktion erlangt man mit den richtigen Kleidungsstücken, Haarschnitten und Accessoires. Diese ordnen die Akteure einer der von außen undurchschaubaren Subkultur zu: Death Metal, Horror Punk, Psychobilly etc. Scheue Nachtschattengewächse, in deren blasse Haut wunderbare Tätowierungen geritzt sind, die Haut oft durchlöchert von Ringen und Schmuck, dazu bunt gefärbte Haare und geschmackvoll wie kühn kombinierte Garderobe. Junge Menschen, denen der Freiraum des Clubs alles bedeutet und die sich mit bestimmten Insignien ausstatten, um ihr spezifisches Lebensgefühl auszudrücken.

Das, was mich beim Betrachten am meisten fasziniert, sind nicht die ästhetischen, selbstdarstellerischen oder individualistischen Konzepte. Die vergesse ich, um lange an den Blicken der jungen Leute hängen zu bleiben. Oliver Sieber lässt diese zur Seite blicken. Und so kommen die Porträtierten einerseits glamourös mit ihrer nach außen hin vertretenen„Attitude“ rüber, andererseits wirken sie durch die Art und Weise, wie er sie porträtiert, melancholisch, selbstversunken, fast ein wenig somnambul.

Imaginary Club (Doppelseite)
Imaginary Club (Doppelseite)

Mit den farbigen Porträts ist nur die eine Hälfte des Buches beschrieben. Vom Club aus stolpert Sieber auf die Straßen und Hinterhöfe. Dazu mäandert er durch die Städte und zeigt uns die verschiedensten urbanen Schauplätze. In seinen Schwarzweißfotografien liefert er uns Straßenszenen, Skylines, Kreuzungen, Konzertclubs, Bars, Geschäfte, Hotels, Verkehrsmittel und Leute, die sich an diesen Orten aufhalten und den verschiedensten Aktivitäten nachgehen. In den unzähligen Fundstücken, die sich vor uns ausbreiten, werden Siebers Reminiszenzen an amerikanische Streetfotografie und an japanische Fotografie deutlich. Diese unmittelbaren, roh-romantischen Szenen wirken oft rätselhaft. Auch wenn sie überhaupt nichts mit den Porträtierten direkt zu tun haben, beginnt man doch, sie unweigerlich in einen Kontext zu setzen. Der Verharrung der einzelnen Pose wird die allgemeine Dynamik der Stadt gegenübergestellt.

Imaginary Club (Doppelseite)
Imaginary Club (Doppelseite)

Irgendwann verliert man als Betrachter aufgrund der Materialmenge völlig die Orientierung und lässt sich treiben. Vielleicht ist das die Absicht: So wie der Imaginary Club gar nicht existiert, kennt diese Arbeit auch sonst keinen festen Ort, sondern arbeitet mit vielen Ort- und Zeitsprüngen. Das ist große Kunst und Kunstfertigkeit. Denn das Buch fällt nicht auseinander, im Gegenteil: konstruierte und „reale“ Welt werden virtuos aufeinander bezogen. Dem Betrachter öffnet sich ein fremder und doch irgendwie vertrauter Kosmos. (Peter Lindhorst)

Oliver Sieber. Imaginary Club. Düsseldorf 2012. 432 S. mit zahlr. Fototaf., Pb. , 21 x 27 cm. (Böhmkobayashi / GwinZegal).  68,00 €. (Auflage: 500) 

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