Pentti Sammallahti. Hier weit entfernt.

 

Varanasi, Indien, 1999

Der finnische Fotograf Pentti Sammallahti könnte eigentlich als „Role Model“ für jeden unabhängigen Fotobuchmacher herhalten. Ganz am Ende dieses massigen Bandes mit dem etwas verqueren Titel „Hier weit entfernt“ gelangt man zu einer kommentierten Bibliographie, in der alle bisherigen Bücher Sammallathis aufgelistet sind: das reicht von dem auflagenstarken „Staden“, einem Porträt über die finnische Hauptstadt, das im Siebenton-Offsetdruck produziert wurde, bis zum „Japanese Portfolio“, bestehend aus einem Holzkasten mit 20 getönten SW-Silberdrucken in streng limitierter Auflage. Den bibliophilen Sammler befällt da schwere Atemnot!

1979 veröffentlichte der finnische Fotograf Pentti Sammallahti erstmals ein Portfolio. Damit war die Opus-Buchreihe geboren, in der bis heute 60 verschiedene Buchtitel erschienen sind, darunter ca. 15 Titel des Fotografen selbst. In Sammallathis Selbstverständnis kommt eine Standardisierung der Buchproduktion nicht vor. Er ist einerseits Fotokünstler, zugleich ist er aber auch ein herausragender Handwerker, der immer nach einer geeigneten formalen Umsetzung des jeweiligen Sujets sucht. Bücher zu produzieren, die über eine große Ausdruckskraft verfügen, gelingt nur dann, wenn man sich auf ungewöhnliche Lösungen einlässt. So besitzt jedes seiner Bücher eine eigene ästhetische Identität. Meist erscheinen diese Bücher in Klein- und Kleinstauflagen, zuweilen auch in einer 1000er Auflage. Mal im Mehrton-Offsetdruck, mal als Inkjetdruck. Mal arbeitet er mit Mohawk-Umschlagpapier, dann mit einem handgearbeiteten Papier der schwedischen Papiermühle Lessebo. Die Ergebnisse sind stets mitreißend. Unnötig zu erwähnen, dass die Bücher zu exorbitanten Preisen bzw. gar nicht mehr gehandelt werden.

Solovki im Weißen Meer, Russland, 1992

„Hier weit entfernt“ ist jetzt die längst überfällige Retrospektive, die Arbeiten aus allen Phasen von Sammallahtis Schaffen aufbietet und immerhin bis 1964 zurückreicht. Fast lässt sich der Titel auch wie ein Kommentar zu der gegenwärtigen Situation von Buchproduktionen lesen, die in kleinen Auflagen im Digitaldruck erstellt sind und eine durchaus akzeptable Qualität erzielen. Von den künstlerischen Büchern der Opus-Reihe scheinen sie allerdings Lichtjahre entfernt. Der Fotograf hat das Büchermachen immer als Teil eines gesamtkünstlerischen Prozesses angesehen. So spiegelt sich die Stärke seiner Arbeit für ihn selbst weniger im Print an der Wand, sondern vor allem in diesem Medium.

Man fragt sich nun, wie ein Perfektionist mit diesen Ansprüchen sich einer eher konventionellen Verlagsproduktion unterwerfen konnte? Ganz einfach – indem er er das Buch designt und ihm damit seinen Stempel aufdrückt. Sechs internationale Verlage haben hier in einzigartiger Weise kooperiert, um das üppige Konvolut an Arbeiten, die der Globetrotter überall auf der Welt erstellt hat, in einem aufwendig produzierten Buch zu realisieren. Grauer Leinen mit eingeprägtem Bild umhüllt den schweren Band. Das Layout ist ohne jeglichen Firlefanz. Es fällt aber vor allem die Druckqualität auf. Das Buch ist in Italien gedruckt und gibt die Abbildungen im Quadroton wieder. Sehr satte warme dunkle Töne und helle Partien und die feine Darstellung von Zwischenstufungen charakterisieren die Abbildungen. Die reichen Kontraste, die seinen Originalprints innewohnen, können so perfekt wiedergegeben werden.

Buchcover

Der Band ist in neun Kapitel geteilt, in denen das Material völlig neu abgemischt ist. Eine Arbeit aus Helsinki steht direkt neben einer Peking-Ansicht, daran fügen sich Fotos aus Hanoi und schließlich Marrakesch. Man hat dabei nie den Eindruck, dass das Ganze in Beliebigkeit auseinanderfällt.

Der Mitbegründer der Helsinki School, der 1991 ein fünfzehnjähriges Stipendium (!) vom finnischen Staat erhielt, hat zeit seines Lebens ein nomadisches Dasein geführt. Die Liste der von ihm bereisten Länder ist eindrucksvoll. Natürlich ist das, was sich dem Betrachter im Buch präsentiert, keine Reisefotografie und hat rein gar nichts mit dem oberflächlichen Blick des reisenden Touristen gemein. Lange, sehr lange wartet der Fotograf, um den klassischen „entscheidenden Augenblick“ zu erfassen. Oft treten Menschen, noch mehr aber Tiere in seinen Bildern auf und bringen einen humorvoll-leichten Ton hinein, etwa, wenn ein Hund unter einem verkrüppelten Baum seine Vorderpfoten streckt und diese exakt die Form und Stützen des Baumes kopieren. Tiere und Humor, diese Kombination in der Fotografie ist nicht unbedingt meine Sache. „Die Tatsache, dass Ernst eine notwendige Bedingung für Humor ist, ist in Sammallahtis Welt ein wichtiges Parodox“, heißt es in der Einleitung von Finn Thrane. Ich würde es anders formulieren: Im Grunde scheint mir trotz aller „putzigen“ Situationen ein ernst-melancholischer Fotograf am Werk, der tiefe Einblicke in die (menschliche) Existenz gibt.

Helsinki, Finnland, 1982

Man muss das Buch allein schon wegen seiner hochpathetischen Ouvertüre lieben. Ein Weg der ins Wasser führt, leitet das ästhetisches Spektakel ein: In der Bilderabfolge ist der Betrachter den Urgewalten Erde, Wasser, Luft ausgesetzt. In majestätisch–schönen Bildern werden völlig unberührte Plätze vorgeführt: die Weite des Meers, der leere Horizont, schneebedeckte Felsen. Sammallathis Fotos bilden in ihren abgestimmten Grautönen visuelle Ekstasen des Lichts. Das ist so schön wie gleichermaßen unheimlich. Leben scheint auf der terra incognita unvorstellbar. Urplötzlich kommt eine Szene, bei der eine Kröte die Wasseroberfläche durchbricht. Mit jedem Folgebild werden die verwaisten Plätze von Tieren eingenommen, riesige Vogelschwärme besetzen den Himmel, eine Schafherde drängt sich um einen Hügel, Flamingos drängeln am Ufer, ein majestätischer Löwe beherrscht die endlose Prärie. Tiere besetzen den unberührten Lebensraum, um dann am Ende wieder in einem Wolkenschleier zu verschwinden.

Cilento, Italien, 1999

Und wie in diesem furiosen Prolog werden in seinen anschließenden Bilderserien immer wieder die großen Themen verhandelt: Liebe, Tod, Spiritualität, die Entstehung allen Seins, Naturmystik und Gottessuche. Als Betrachter bleibt man ständig in seinen Bilderwelten hängen, seinen Porträts von Menschen und Tieren, vor allem aber jenen panoramaartigen Landschaften, die er mit einer eigens konstruierten Panoramakamera erfasst hat und die als sein Markenzeichen gelten können. Da gibt es kein Bildzentrum mehr, es findet nicht ein entscheidender Moment statt, sondern gleich mehrere. „Augenschmaus“ nennt es Finn Thrane. Ich würde hinzufügen: Ganz großes (Breitwand-)Kino! Peter Lindhorst

Pentti Sammallahti. Hier weit entfernt. Fotografien aus den Jahren 1964-2011. Hrsg. v. John Demos in Zusammenarbeit mit Mario Peliti. ISBN 978-3-86828-354-9. Kehrer Verlag. Heidelberg 2012. 256 S. mit 202 Fotos. Geb. 55,- €

 

 

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