Piergiorgio Casotti. Sometimes I cannot smile.

Auf dem grauen Leineneinband blickt uns ein blutroter Beelzebub entgegen. Ein Dämon mit großem Schlund, der uns in die Hölle mitreißt, wenn wir das Buch aufschlagen. Elvira sagt: „Ich versuche, Spaß zu haben, aber manchmal kann ich nicht lachen.“ Und Upaluk Poppel vom „Inuit Circumpolar Youth Council“ wird zitiert: „Wenn die Bevölkerungen von Kanada, Dänemark oder den USA vergleichbare Selbstmordraten hätten, würde dort der innere Notstand ausgesprochen.“

„Sometimes I cannot smile“ heißt das großartige selbstpublizierte Buch des italienischen Fotografen Piergiorgio Casotti. Seit 2009 war er immer wieder dort – in jener vermeintlichen Hölle der Perspektivlosigkeit, des Überdrusses, der Fernweh, der Einsamkeit und der Alkoholexzesse. Diese befindet sich im abgeschiedenen Ostteil Grönlands. Konkret in Tasiilaq, einer Siedlung, die von 2000 Inuit bewohnt wird. Dort hat der Fotograf viel Zeit verbracht, um die Einwohner, vor allem die Jugendlichen, kennenzulernen, mit ihnen zu leben und sie schließlich zu fotografieren. Er selbst beschreibt sein Projekt als eine Reise in die grönländische Welt, wo Natur, Gewalt, Langeweile, ein starkes kulturelles Erbe sich seit unzähligen Jahren behaupten und für eine hohe Selbstmordrate verantwortlich seien. Die reine Statistik ist bitter: In Grönland versuchen jedes Jahr 20 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren, ihrem Leben ein Ende zu machen. Zwei Prozent gelingt es.

Dieser Fakt ist so überaus trist, doch die Fotos erzählen nur indirekt davon. Das Leben der jungen Menschen wird nicht als eines dargestellt, das automatisch auf den Abgrund zuläuft. Der Fotograf vermeidet es tunlichst, das Thema allein auf Armut, Isolation und Kulturverlust zu reduzieren. Im Gegenteil, die Serie ist äußerst vielperspektivisch, so dass immer wieder Funken der Lebensfreude eine vorherrschende Melancholie in Brand zu setzen scheinen.

Das Buch ist deshalb so gut, weil es nicht nur durch seine wunderbare äußere, sondern vor allem durch seine dramaturgische Gestaltung überzeugt und damit eine starke erzählerische Wucht erzielt. Anfangs wird der Blick auf die Leere und Kargheit der Landschaft, auf Gletscher, das Meer und brachiale Eisberge gelenkt, um dann sehr schnell die verengte Perspektive innerhalb der Siedlung einzunehmen. Eine gehäutete Robbe, die uns am Anfang vorgeführt wird, mag noch ein erwartbares Bild sein, doch dann schildert uns Casotti einen Alltag, in dem er die verschiedensten Situationen und Handlungen miteinander verwebt. Wir sehen vor allem jugendliche Protagonisten, die -genauso wie anderswo auch- zusammen rumhängen, Tischtennis oder Karten spielen, Fernsehen schauen, trinken. Wir erhalten Einblicke in die Wohnungen, meist Holzhäuser, schauen in beengte Kammern, sehen unabgeräumte Tische, Matratzen auf dem Boden, riesige DVD-Stapel in den Regalen, überall verstreute Klamotten. An den Schrägen über dem Bett hängen Poster von englischen Fußballvereinen, einige jugendlichen Bewohner haben ihre Wände mit Kritzeleien und Sprüchen versehen. Wir sehen Kinder, die ausgelassen herumtollen, auf Trampolinen springen und auf jene Gerüste klettern, die eigentlich dazu dienen, Fisch zu trocknen. Wir sehen Leute, die sich innig umarmen. Und Jugendliche, die ein Fest feiern.

…Und dann bemerken wir irgendwo dazwischen einen jungen Mann, der uns seinen entblößten Rücken zeigt, auf dem die Narbe eines Einschusslochs undeutlich zu erkennen ist. Und auch diese Szenen findet man: Menschen liegen wie ohnmächtig auf Betten und Matratzen geworfen; andere haben sich einfach irgendwo auf den Boden gelegt, um ihren Rausch auszuschlafen. Eine Frau weint, ein Mann legt sein erschöpftes Haupt auf eine Stuhllehne. Irgendwo steht ein Gewehr in der Ecke.

Die Sonne scheint, der Sommer lässt das Leben einfach erscheinen. Doch bald kommen Dunkelheit und Schnee zurück und begraben das Leben unter sich. Menschen kämpfen sich auf der Straße durch wilde Schneestürme. Weiße Kreuze stechen unter einer dicken Schneedecke hervor, dort, wo sich eigentlich der Friedhof befindet. Die Zeit vergeht, die Jahreszeiten bestimmen den Rhythmus.

Letztendlich erzählt uns Casotti jene alte Geschichte, die von Sehnsucht und Freiheit, von Liebe und Verlust und von Leben und Überleben handelt. Immer wieder ist aber auch die eigene Geschichte des Fotografen gespiegelt, die von der Fremde und dem Fremdsein handelt. Selten sieht man seine Protagonisten direkt in die Kamera schauen. Die Blicke bleiben meist gesenkt oder zur Seite gewandt.

Am Ende öffnet sich die fotografische Perspektive wieder zur Totale. Eisschollen treiben im Wasser. Die gewaltige Natur wird noch einmal vorgeführt. Der Fotograf befindet sich längst auf dem Rückweg.

Und der Teufel, wo kommt der ins Spiel? Im Abspann des sehr sorgfältig produzierten Buches finden sich Tagebucheintragungen und Zeichnungen, die die Befindlichkeiten der jugendlichen Protagonisten wiedergeben und die zumeist deren gefühlte Leere schildern. Dort hat jemand in eine Kladde jene Hörner-Gestalt gezeichnet. Langeweile heißt der Dämon. (Peter Lindhorst)

Piergiorgio Casotti. Sometimes I cannot smile.
Eigenverlag. Pomezia 2013. ISBN 978-88-908695-0-1. 168 S. mit 136, teils dopppels. Fototafeln. 17,5  x 24 cm. Leinen gebunden, mit Leseband. Ca. 40,- €
Limitierte Edition, 50 Stück, signiert und nummeriert, in einer Box. Mit einem Print 22 x 17 cm auf Hahnemühle Fine Art Papier und einer DVD „Arctic Spleen“, ca. 175,- €
Beide Ausgaben sind in der Photobuchhandlung in den Deichtorhallen, Hamburg erhältlich oder direkt beim Fotografen: www.piercasotti.com oder www.arcticspleen.com

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