Rinko Kawauchi. Ametsuchi.

Rinko Kawauchi ist zu beneiden. Sie hat Träume, die sich von selbst zu verwirklichen scheinen. Bereits als Kind träumte sie davon, außergewöhnlich Bücher machen zu wollen. Das ist ihr jetzt wieder mal eindrucksvoll gelungen. Das Thema des neuen, wunderbaren Buches geht ebenfalls auf einen konkreten Traum zurück, den die japanische Fotografin vor langer Zeit hatte – einen mächtigen, unheimlichen Traum. Als sie ein halbes Jahr später vor dem Fernseher saß, erkannte sie dort ein Bild des Traumes wieder. Die Szene bestand aus Menschen und Pferden, die sich auf einer grünen Wiese vor einem großen Berg befanden – an einem Ort namens Aso. Die Fotos des neuen Buches sind, man ahnt es, in jenem Aso, einer Stadt im Süden Japans, aufgenommen. Das letzte Bild zeigt tatsächlich eine grüne Hügellandschaft, in der sich Menschen und Pferde befinden.

Doch der Reihe nach. 2001 brachte Kawauchi gleich drei Bücher heraus, die ihr viel Aufmerksamkeit einbrachten: „Utatane“, „Hanabi“ und „Hanako“ hießen die erfolgreichen Debütbücher. Es folgten schnell weitere Titel, z.B. “Aila“,“ the eyes, the ears“ und “Cuicui“, schließlich vor einiger Zeit “Illuminance“. Alles großartige und empfehlenswerte Publikationen, die sie zu einer wichtigen Protagonistin in der Foto(buch)szene machen sollten. Mir hat immer das Zurückgenommene, das Kontemplative ihrer Bilder gefallen. Aus dem Unspektakulären destilliert sie das Außergewöhnliche. Ihre farbig quadratischen Bilder, die sie mit einer 6 x 6 Kamera aufnimmt, entspinnen in den Büchern keine Handlung, kein Erzählmotiv und keinen klaren Zusammenhang. Sie entziehen sich selbstbewusst einer konventionellen Erzählform und geben doch einen bestimmten Rhythmus vor. Also versenke ich mich immer wieder gerne in Kawauchis Bücher, genieße diese still, ohne sie jemals einer genauen Analyse unterziehen zu wollen.

Jetzt ist „Ametsuchi“ bei Aperture -und in deutscher Lizenz bei Kehrer- erschienen. Der Name setzt sich aus zwei Schriftzeichen zusammen, die für Himmel und Erde, für das Oben und Unten stehen. Ametsuchi ist ein Begriff aus einem japanischen Pangramm, einem Gedicht, das alle Zeichen der japanischen Silbenschrift umfasst.

Rinko Kawauchi hat immer wieder die Region um  Aso besucht, in der das traditionelle, viele 100 Jahre alte „Yakihata“ praktiziert wird: eine kontrollierte Branddüngung im Frühling, bei der die Felder vor ihrer erneuten Bepflanzung großflächig abgebrannt werden.

Ein Kurswechsel in Kawauchis Arbeit ist erkennbar. Zum einen arbeitet sie hier nicht mit dem quadratischen Bildformat ihrer Rolleiflex, sondern fotografiert mit Großformat, zum anderen gibt es dieses Mal tatsächlich so etwas wie einen Handlungsstrang. Dramatisch beginnt das Buch. Vor einem düsteren Himmel fressen sich die Flammen in das trockene Gras. Der Betrachter des Buches kriegt im weiteren Verlauf immer neue brennende Felder zu sehen, Flammen lodern auf und fressen das Grasland. Rauch steigt in die Luft, das Feuer verwandelt die Felder in Aschelandschaften, aus denen dann irgendwann wieder üppige Weidewiesen für die Tierzucht entstehen werden. Apokalyptische Brandlandschaften und saftig grüne Landstriche wechseln sich ab. Ein über viele Jahre andauernder, wiederkehrender Zyklus wird so dargestellt.

Dazwischen gibt es dann aber doch Abschweifungen. Rinko Kawauchi fügt Bilder ein, die im gleichen Zeitraum entstanden sind und scheinbar nichts mit dem Hauptthema zu tun haben: Planetarien, nächtliche Kagura-Tänze, Himmelsausschnitte und selbst zwei, drei Bilder von der Klagemauer in Jerusalem. Das hört sich kryptisch an, geht aber voll und ganz auf. Kunstvoll verwebt sie die unterschiedlichen Sujets zu einem Ganzen. An einer Stelle in ihrem Begleittext fragt sich die Fotografin: „Wie können wir behaupten, dass es zwischen den Betenden in einem fernen Land und mir, die ich den Sonnenuntergang in Tokio beobachte und mich am Ende des Tages dankbar fühle, keine Verbindung gibt?“ So entfernt die Dinge auch sein mögen, so hartnäckig drängt sich dem Betrachter ein Zusammenhang zwischen ihnen auf. Diese unsichtbaren Berührungspunkte zwischen offensichtlich unverbundenen Ereignissen, zwischen Träumen und Wirklichkeit, zwischen Gegensätzen darzustellen, darum scheint es Rinko Kawauchi in ihrem neuen Buch zu gehen.

So weit, so gut, hier könnte die Besprechung enden. Was das Buch aber wirklich exzeptionell macht, ist die Form, die dafür gewählt wurde. Für das Buchdesign ist Hans Gremmen verantwortlich, der eine kongeniale Umsetzung gefunden hat. Der Niederländer hat die Seiten in einer japanischen Bindung zusammengefasst. Normalerweise handelt es sich dabei um eine Bindeart, bei der die Bögen nur von einer Seite bedruckt sind und dann in der Mitte gefaltet werden, bevor sie gebunden werden. Das verhindert bei dünnem Papier ein Durchscheinen der Bildinhalte. Während die Seiten so also geschlossen sind, hat Gremmen hier die Bögen um 90 Grad gedreht, so dass die Knickkante auf der Oberseite liegt. Die anderen Kanten bleiben offen. Raffiniert, denn die Innenseiten bleiben nicht etwa unbedruckt, sondern geben das Außenmotiv in umgekehrten Farben wieder. Der Leser muss sich erst einmal mit dieser Konstruktion zurechtfinden, kann dann aber ein Paralleluniversum entdecken, in dem sich „zwischen den Seiten“ plötzlich der Tag in Nacht verkehrt, das Feuer in Wasser und Erde in Himmel.

Buchcover Rinko Kawauchi, Ametsuchi

Aber es gibt so viel mehr kluge Details: Etwa das Vorsatzpapier, das vermeintliche Tintensprengsel birgt. Erst später wird einem klar, dass es sich um eine farbverkehrte Planetarium-Szene handelt. Oder der Umschlag, der sich zu einem Poster auseinanderklappen lässt und auf einem speziellen Papier gedruckt ist, das auf der einen Seite rau, auf der anderen glatt ist. Die Gegensätze, die schon im Titel Ametsuchi verdeutlicht werden und sich hier durch Kawauchis Arbeit ziehen, setzen sich konsequent im Design fort. TRAUMhaftes Buch! (Peter Lindhorst)

Rinko Kawauchi. Ametsuchi. Die deutsche Ausgabe ist erschienen bei: Kehrer Verlag, Heidelberg 2013. ISBN 978-3-86828-396-9. 80 Seiten mit 40  Farbfotos. 24 x 34 cm. Festeinband mit Japanbindung. 58,- €

 

 

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *