Rückblick auf Fotobuch-Events im Sommer 2016

Der aktuelle Newsletter von Richard Sporleder, Café Lehmitz, bietet einen interessanten und aufschlussreichen Rückblick auf Fotobuch-Treffen im Sommer 2016. Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen wir hier seinen Bericht:

“In diesem Jahr war ich auf Festivals in Wien, Leipzig, Arles und Berlin mit einem Stand vertreten. Einige von Ihnen konnte ich dort wieder sehen.

Das ViennaPhotoBook Festival machte im Juni den Anfang und war wie vermutet ein Gradmesser für das laufende Jahr. Mit Francesca Castastini gewann eine Italienische Fotografin den 3rd ViennaPhotoBookAward 2016 mit ihrem Buch “The modern spirit is vivisective”. Book-Launch des von AnzenbergerGallery veröffentlichten Titel wird – wie letztes Jahr der DUFFY-Titel – bei Café Lehmitz Photobooks @POLYCOPIES während der Paris Photo 2016 sein. Insgesamt war das Festival international gut besucht und es gab wieder Publikationen kleinerer Verlage zu sehen. Ich vereinbarte hier mit dem b.frank-Verleger, Roger Eberhard, Will Steacys Buch “Deadline” erstmals in Arles zu präsentieren. Der als ‘größtes Fotobuchfestival’ beworbene Event hatte neben den tollen Räumlichkeiten auch ein vielseitiges Rahmenprogramm zu bieten. Vielfach hörte ich dafür großes Lob und dass es Kassel unter diesen Umständen zukünftig immer schwerer haben könnte. Denn die Zahl der Events, häufig auch durch einen Dummy-Award ‘veredelt’ und mit Rahmenprogramm versehen explodieren förmlich, wie die Grafik von Matt Johnston vom photobookclub zeigt.

Das Leipziger f/stop-Festival ist insofern eine Ausnahme, dass es neben (m)einem, gut ausgestatteten Büchertisch keine weiteren Anbieter gegeben hat. Weil auch Leipzig, trotz der HGB kein Fotobuchgeschäft vorweisen kann und Fotobuchliebhaber dafür wenigstens nach Berlin fahren müssen, stießen meine aus Wien mitgebrachten Neuerscheinungen auf reges Interesse, zumal nicht nur internationale Fachleute anwesend waren, sondern sich auch das ‘normale’ Ausstellungspublikum sehr offen für Fotobücher zeigte. Aus Anlass der in Leipzig neben Pressebildern, privaten Snapshots und historischen Reportagen (Capa, Brecht) gezeigten künstlerischen Fotografien und der ‘Gerda Taro’-Installation hatte ich auch Bücher von Lee Miller, Robert Capa, Bertolt Brecht (die Wiederauflage der ‘Kriegsfibel’) und Gerda Taro im Angebot.

Im Juli ging es wieder nach Arles. Anknüpfend an Wien war der Fotobuch-Event hier wieder ein Mega-Ereignis. Olivier Cablat und Sebastian Hau hatten wieder einen super Veranstaltungsort – eine seit Jahren nicht mehr benutzte Schule – gefunden, die innen und auf dem ehemailgen Pausenhof Platz für das bunte Programm von Arles Books bot. Bei Café Lehmitz Photobooks gab es einige Signings, z.B. zu “Radicalia” von Piero Martinello und Karoliina Paatos’  “Cowboy”.
Benötigte der Besucher für Wien schon viel Zeit, so musste man für Arles noch mehr Zeit und Wachheit mitbringen. Neben Arles Books hatten einige Anbieter auch Ladenlokale in der Stadt angemietet. Hier und dort hörte ich ein Stöhnen aufgrund des riesigen Angebots und von manchen Besuchern konnte ich vernehmen, dass sie die kleinen Events vermissten, auf denen man immer jemanden treffen konnte.

Vor meiner Sommerpause habe ich Ende Juli dann noch an Shifting Focus teilgenommen, für das Espen Krughaug Räume im Berliner Zentrum gebucht hatte. Leider fand diese Veranstaltung am bis dahin heißesten Wochenende in der Hauptstadt statt, so dass viele potentielle Besucher eher das kühle Nass bevorzugten. Das Angebot konnte sich aber wahrhaftig sehen lassen und ich habe einiges davon in meinem WebStore unterbringen können. Neben zwei Anbietern mit verschiedenen Verlagstiteln gab es eine Menge Fotografen mit selbst verlegten Titeln und internationale Kleinstverleger. Da blieb dann am Ende nicht viel für jeden Einzelnen übrig, die Stimmung jedoch war gut und es bleibt zu hoffen, dass die Organisatoren den Mut haben werden, dies zu wiederholen.

Mein Fazit der bisherigen Saison lautet: es gibt auch dieses Jahr wieder sich neu präsentierende Verlage und Fotografen mit selbst verlegten Publikationen. Ich beobachte, dass ein beträchtlicher Aufwand betrieben wird, um den direkten Kontakt zum Kunden zu bekommen. Der Markt ist sichtbar enger geworden. Die Festival-Besucher, so konnte ich immer wieder hören, schätzen dies einerseits, fühlen sich aber auch schon etwas überfordert. Zudem beginnen sie die familiäre Athmosphäre zu vermissen.
Aus meiner Sicht wird schon die nahe Zukunft zeigen, ob Fotobuch-Enthusiasten und Fachleute weiterhin bereit sein werden, eine Unmenge an Festivals zu besuchen oder ob nicht der gut ausgestattete Fotobuchladen vor einer Wiedergeburt steht. Ich habe bereits ein gutes Angebot, das ich derzeit prüfe.”

Café Lehmitz Photobooks

 

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