Stephan Vanfleteren »Charleroi«

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Auf dem grau-grisseligen Buchcover in tiefschwarzen Lettern: CHARLEROI. Und weiter: Il est clair que le gris est noir. Das Grau ist ein Schwarz. Schwarz sind die Aussichten. Schwarz wie der eingefärbte Buchschnitt. Auf der Rückseite des Buches: Mais Charleroi sera blanc, un jour. Das ist die Hoffnung. Eines Tages wird die Stadt das Schwarz verdrängen und neu erstrahlen.

Jetzt geht es der Stadt jedoch leidlich. Kohle- und Stahlindustrie erlebten in den letzten Jahrzehnten ihren bitteren Niedergang. Der letzte Hochofen ist geschlossen. In der Konsequenz bedeutet das hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut. Die drittgrößte Stadt Belgiens ist angezählt und muss alle Kraft aufwenden, um nicht ins Bodenlose zu stürzen.

In dem an Attraktionen armen Charleroi gibt es allerdings eines: ein Fotomuseum, das seit einigen Jahren nationale und internationale Fotografen engagiert, die für eine anschließende Ausstellung die Stadt porträtieren. Zuletzt lieferte Jens Olof Lasthein seine farbenfrohen Breitwand-Panoramen, dieses Jahr ist es eine Arbeit von Stephan Vanfleteren. Dass der belgische Fotograf irgendwann vom Museum eingeladen würde, lag auf der Hand. Schon seit den neunziger Jahren hatte ihn seine Arbeit für Tageszeitungen und Magazine immer wieder in die Wallonie geführt. In seinem umfangreichen Buch sind neue Schwarzweiß-Arbeiten mit wenigen älteren Fotos durchmischt. Man merkt das nie, die Stadt ist von einer merkwürdigen Zeitlosigkeit heimgesucht. Der Herzschlag der Stadt scheint schon lange stehengeblieben.

Die Beschäftigung mit Stefan Vanfleterens vor einigen Jahren erschienenem opus magnum „Belgicum“ war eine intensive Erfahrung. Belgien ist ein Land voller Widersprüche, in dem ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seit einigen Jahre wohnte und trotzdem keine genaue Vorstellung dazu entwickeln konnte. Die umfangreiche Arbeit öffnete mir allerdings die Augen für “mein stilles Lieblingsland”, wie es Harald Schmidt einst für sich feststellte. Ein einmaliges Rezeptionserlebnis, das nicht wiederholbar scheint. Und dennoch – auch das neue Buch, das ein genaues Porträt einer Stadt zeichnet, ist wieder ein Höhepunkt und verrät viel über die geschundene Seele des stillen Lieblingslandes.

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Wenn Stephan Vanfleteren nach Charleroi kommt, klettert er zunächst auf eine der zahlreichen Bergehalden der Stadt, die in einem kohlehaltigen Becken liegt. Ein Ritual, bevor er zu fotografieren beginnt. Er selbst bezeichnet sich ironisch als einen industriellen Alpinisten. Am Anfang kriegen wir folgerichtig eine All-Übersicht zu sehen: die drittgrößte Stadt Belgiens liegt wunderbar friedlich da, in der Ferne dringt Rauch aus einem Schornstein. Die Hausdächer sind bedeckt mit Schneedecken, die das Licht der Laternen und Leuchtreklamen zurückwerfen. Es ist der erhabene Blick, mit dem uns Stephan Vanfleteren das einstige Zentrum der Kohle- und Stahlindustrie vorstellt. Diese Blicke, die das große Ganze beschreiben, kehren einige Male wieder im Buch.

Dann bewegt sich Vanfleteren aber in den Kern der Stadt, die unter der Last ihres ökonomischen Niedergangs ächzt. Tagelang ist der Fotograf unterwegs, oft schlägt er sich die Nächte um die Ohren. Die Straßen sind einsam, in der Unwirtlichkeit der kalten Jahreszeit ist niemand unterwegs. Vanfleteren durchwandert enge Straßen abseits, schaut in die Hinterhöfe genauso wie in die Hinterzimmer der Kneipen. Eigentlich macht er fotografisch genau das, was er schon immer gemacht hat und wie kein anderer beherrscht. Geschäfte sind mit Rollläden verrammelt, gemalte Werbe- Schriftzüge blättern von den Wänden, einmal fällt der Blick auf eine Doppelgarage: auf das geschlossene Tor hat jemand „Mort“ gesprayt, das andere offene Tor ist ein dunkler Schlund. Herrenlose Hunde streunen über den Boulevard, Unratberge flankieren die Straßen. Hier möchte man nicht tot über den Zaun hängen, denkt man als Betrachter.

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Schließlich lässt uns der Fotograf Bekanntschaft machen mit den „Carolos“, den Einwohner der Stadt, die dem Fremden neugierige, aber nicht feindselige Blicke zuwerfen. Eine alte Frau stützt sich erschöpft an einem Pfeiler ab, Jugendliche hängen auf der Straße rum und haben nix zu tun, manchmal kommen dem Fotografen Leute auf dem Weg zur nächsten Kneipe entgegen. Mit ihnen kommt er ins Gespräch, sie erzählen ihm ihre Geschichten. Seine schrägen, liebevollen Protagonisten sind müde und müssen dennoch von neuem beginnen, weil sie alles verloren haben. Manchmal sind sie von ihren eigenen alkoholgetränkten Erinnerungen überwältigt. Gesichter werden hinter Rauchschwaden oder Händen verborgen, Tränen fließen, Köpfe sinken erschöpft auf die Theke. Die Last, die man mit sich herumträgt, ist in den Gesichtern derjenigen, denen Vanfleteren begegnet, eingezeichnet. Der Fotograf muss jemand sein, dem man bereitwillig die Tür öffnet in die Stube, die Stamm-Kneipe und ein Stück weit auch in das eigene Dasein.

Die Begegnungen haben rührende, manchmal melancholische, aber genauso heitere Momente. Einmal ist Karneval, Anlass des kollektiven Frohsinns, ein Moment, in dem alle Probleme vergessen scheinen. Und auffallend ist, wie oft Vanfleteren Kinder im Fokus hat. Kinder sind diejenigen, die die Zukunft der Stadt bestimmen werden. Ausgelassen spielen sie auf der Straße, der fremde Fotograf ist ein willkommener Beobachter, mit dem man gerne herumalbert. Aber viel eindrücklicher sind die Porträts von Kindern, die die Posen der Älteren imitieren und viel zu ernste Blicke werfen.

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Stephan Vanfleteren ist ein eindrucksvolles Porträt einer Stadt und seiner Bewohner gelungen. Man lässt sich von dem Erzählstrom des Buches mitreißen. Eine Stadt voller Schrammen und Verwundungen wird vorgeführt. Eine Stadt, die dem Fotografen zunächst nicht behagt, ihn dann aber immer mehr in den Griff nimmt. Vanfleteren hat den Fotos einen wunderbaren persönlichen Text beigestellt, in dem er seine Erlebnisse und sein Verhältnis zu dem Vorgefundenen reflektiert. Eine Stadt, die er zunehmend zu schätzen weiß. Und so bekennt er schließlich: „Ich liebe Charleroi, ich küsse der Stadt auf den Mund, auch wenn der Atem stinkt.“ Und dem Betrachter seiner emphatischen Bilder wird dabei ganz warm ums Herz.

Peter Lindhorst

Stephan Vanfleteren. Charleroi. Uitgeverij Hannibal. Veurne 2015. ISBN 978-94-9208-141-4. 257 S. mit zahlr. Fotos. 17,5 x 24,5 cm. Hc.  35,00 €

Kommentare

  1. Michael Mahlke meint

    Schöner Kommentar, leider ist das Buch nirgendwo erhältlich, da wäre ein freundlicher Hinweis wo und wie sehr hilfreich.

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