Thekla Ehling. Vergiszmeinnicht

2.1.11 Die Präsentation ist fein: Eine kleine Schachtel, von einem elastischen Band doppelt umschlungen. Darin ein fadengehefteter Buchblock, ohne Deckel und Bund. Die Box erinnert an eine Schatulle, in der ein geheimes Kleinod verwahrt ist.

„Der Kopf ist ein Ort voller Wunder“ wird der Leser gleich am Anfang des Büchleins mantraartig eingeschworen. Und an anderer Stelle heißt es: „Warum ist irgendetwas da? Warum ist etwas da, statt nicht da zu sein? Warum? Warum?…“ In Thekla Ehlings fotografischen Beobachtungsminiaturen ist “etwas da”, auch wenn sich das äußerst schwer umschreiben lässt, weil es sich im Verborgenen hält. Ihre Bilder sind von einer starken Irritationskraft, seltsam eigensinnig und so undurchsichtig wie die Maske, die das Gesicht eines Jungen im ersten Foto des Buches bedeckt. Was bedeutet jene Lebenswelt, in die uns Thekla Ehling leitet? Diese befindet sich in der Schwellenzone zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. So nimmt sie uns an die Hand und führt uns zurück in die Gedächtnislandschaften der inneren Kindheit mit all ihren innewohnenden, aufregenden Geheimnissen. „Komisch wie man sich manchmal so zerbrechlich und klein fühlen kann…Fühlen sich Erwachsene immer erwachsen und vernünftig und selbstsicher und…? Und will ich mich erwachsen fühlen?“ Das Triptychon scheint der Fotografin dabei eine geeignete Form der Präsentation: Ein Jungenporträt wird eingerahmt von dem Bild einer leeren Flugrollbahn und einem Foto, das einen Schwarm Fische zeigt. In einer anderen Dreiteilung wird ein Kuchenbuffet einem moosüberwucherten Boden und einem Mädchen, das sich mit dem Inhalt einer Gießkanne überschüttet, gegenübergestellt. Und ein letztes Beispiel: Ein knospender Baum wird mit einem Fensterausblick auf ein Gewässer kontrastiert, auf dem Schiffe entlang gleiten. Schließlich ein ernst dreinschauender Junge, der an einem Pfosten lehnt. Das mag sich in der Aufzählung konstruiert anhören, ist allerdings an keiner Stelle bemüht oder gar läppisch. Die nebeneinander präsentierten Wirklichkeitsausschnitte verdichten sich zu einem poetischen Raum, zu Orten voller Wunder, die uns aus der Erinnerung vertraut sind und die wir gleichzeitig neu wahrnehmen Und es gibt daneben wunderbare Einzelbilder, in die man sich versenkt: Auf dem ausgestreckten Finger einer Hand hat sich ein Falter niedergelassen. Die verwischten Konturen eines Telegraphenmastes. Klammern an einer Wäscheleine schmücken als bunte Kette das Grau des Himmels.

Wenn literarische Exzerpte zuweilen gehörig auf die Nerven gehen als Begleiter von Fotos, stellen die beigefügten Texte des englischen Jugendbuch-Autors David Almond eine Ausnahme dar. Ebenso eigenwillig wie die Fotografie von Thekla Ehling ist die Stimme, die dort spricht. Existentielle Themen wie Liebe, das Verhältnis zur Natur und Menschsein werden verhandelt, ohne ihnen ihr Geheimnis zu nehmen. Ein rätselhaftes, schönes Kleinod! Peter Lindhorst

Thekla Ehling – Vergiszmeinnicht. Künstlerbuch in Box. 104 Seiten, 79 Farbfotos. Limitierte, signierte Auflage von 500 Exemplaren. ISBN 978-3-86828-250-4 Kehrer Verlag, 2011. 40,00 Euro.

Kommentare

  1. Ehling meint

    Hallo, Thekla,
    an einem kalten Winternachmittag haben wir den Text gelesen. Er trifft gut unsere Gefühle für dein Vergiszmeinicht!
    Schön, dich hier im WWW zu finden. Wir sind auch stolz auf dich!

    Pa und Ma

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