Thomas MailaenderCathedral Cars

28.2.12 In den Arbeiten von Thomas Mailaender bedeuten Ironie, Provokation und Entlarvung zentrale Strategien. Der Multimediakünstler, der in Paris und Marseille ansässig ist, erhebt absurde Momente des Alltags zur Kunst: etwa die Einrichtung eines Hühnermuseums. Oder die täuschend ähnliche Nachbildung einer riesigen Miesmuschel, heimlich ausgesetzt an der Küste, um damit unmittelbar aufgeregte Medienberichterstattung zu provozieren. Oder jene „No pain, no gain“-Aktion, bei dem sich Freiwillige vom Künstler das Wort FUN an intime Körperstellen tätowieren lassen. Und nicht zuletzt sei das von Mailaender eingerichtete Fun-Archiv zu nennen, laut eigener Ankündigung „the worst image bank ever“.

Thomas Mailaender. Cathedral Cars.Nun also sein erstes Fotobuch, das ein einziges Paradoxon bildet! Dicke Pappseiten, glanzfolienbeschichtet. Sieht aus wie ein Buch für die Alterskategorie „6 – 12 Monate“. Aus der Reihe „Die Welt entdecken”- jetzt neu: überladene Autos! Kleine Hände werden das Bilderbuch, 30 x 38 cm, nicht halten können. Der Umschlag: Protzige Goldlettern eingeprägt in ein Karo-Dekor, das normalerweise jene Taschen aus gewebtem Plastik ziert, wie sie vom Pariser Kaufhaus Tati und anderen Billigläden angeboten werden. Häufig sieht man diese als Reisetaschenersatz an Flughäfen oder festgezurrt auf den Dachgepäckträgern der Autos.

Thomas Mailaender. Cathedral Cars.Genau das ist es, worauf Thomas Mailaender in seinem Cover anspielt. (Bei der Vorzugsausgabe ist das Buch übrigens in eine solche Tasche eingenäht). „Cathedral Cars“ ist die Bezeichnung, die die Hafenarbeiter in Marseille für die Fahrzeuge ehemaliger Migranten verwenden, welche in ihre Heimatländer in Nordafrika rückwandern oder ihre Familienangehörigen und Freunde mit unerreichbaren Konsumgütern der westlichen Welt versorgen. Per Schiff setzen sie mit ihren Autos über das Mittelmeer. Ihre Dachlasten scheinen jeglichem Gesetz der Schwerkraft zu trotzen. Die Innenräume der altersschwachen Franzosenautos sind zumeist bis unter die Decke mit Gebrauchsgegenständen vollgestopft. In Ermangelung ausreichenden Stauraums werden besagte Plastiktaschen und Koffer, Teppichrollen, Stühle, Autositze, Spülbecken, Flatscreens, Tiefkühltruhen zu meterhohen Skulpturen auf dem Dach kunstvoll zusammengestapelt und notdürftig mit Seilen und Tape fixiert. Der Künstler führt uns schwerbepackte Autos als Objekte von skulpturaler Qualität vor. Mailaender nimmt eine unterkühlte Auseinandersetzung mit seinem Sujet vor, indem er auf bizarre Perspektiven verzichtet und stets gleiche Lichtverhältnisse beibehält. Seine Aufnahmen sind nachbearbeitet, indem die Autos aus ihrem ursprünglichen Kontext isoliert und von hinten oder als Seitenansicht vor einem immer gleichen grauen Hintergrund präsentiert werden. Der Blick bleibt so auf das Wesentliche konzentriert, vom Fahrer fehlt jede Spur. Die grotesken Hausratstürme, die auf den Dächern der PKWs errichtet werden, wirken ambivalent, wenn Mailaender soziopolitische und ökonomische Aspekte der Migration auf eine alltägliche Gegenstandsebene runterbricht. Wer will, kann in dieser Arbeit zugleich verschiedenartigste Referenzen ästhetischer Produktion von Pop Art bis zu typologischer Fotografie erkennen. Und tatsächlich hat ein französischer Kunstkritiker Mailaenders Arbeit mit der von Bernd und Hilla Becher unter Pastis-Einfluss verglichen.

Thomas Mailaender. Cathedral Cars.Den Bildteil begleitet ein Textsupplement, indem der französische Ethnologe Marc Auge einen interessanten Essay über moderne Formen des Nomadismus beisteuert. Und natürlich -das ist ein durchgehaltenes Prinzip- wird die Seriosität sofort konterkariert, wenn der wissenschaftliche Text von gefundenen Auto-Nonsensbildern aus dem Netz flankiert wird. Peter Lindhorst

Thomas Mailaender. Cathedral Cars. 36 S. mit 12, teils doppels. Fabtaf. 30 x 38 cm. (Plus 12-seitiges Supplement), RVB Books. Paris 2011. ISBN 9791090306035. geb. 42,00 Euro

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