Frisch ausgepackt #2: Cemre Yesil & Maria Sturm – For Birds´Sake

For Birds’ Sake. © Cemre Yeşil & Maria Sturm
For Birds’ Sake. © Cemre Yeşil & Maria Sturm

Und sieht man auch mal Einen!?
Nachdem ich vorsichtig den Reißverschluss geöffnet und die Stoffhülle abgestreift habe, die das kleine Buch ummantelt, empfängt mich „For Birds´Sake“ zunächst mit einer irritierenden Eröffnungssequenz. Nächtliches Gestrüpp, von einem Autoscheinwerfer aus der Finsternis gerissen. Gebannt steht ein älterer Herr neben seinem Auto und schaut in den nächtlichen Himmel. Wonach hält er Ausschau? Ein leerer Haken an kahler Wand. Welche Funktion mag er haben? Was wird daran aufgehängt? Ein Mann sitzt im Dunkeln auf einem Teppich. Betet er? Und was hat es mit dem  hinter ihm stehende kleine Kasten auf sich, der sorgfältig mit einem Futteral aus Baumwolle verhüllt ist?
Welches Rätsel verbirgt sich wohl unter unter dieser Hülle? Die anfangs düstere  Atmosphäre wandelt sich fast unmerklich, je weiter ich im Buch blättere. Immer lyrischer und optimistischer werden die Bilder. Derbe Hände öffnen vorsichtig die kunstvoll geschneiderte Stoffhülle eines Vogelbauers. Langsam geben die Käfige ihr Geheimnis preis.
„Um der Vögel willen“ erzählt die Geschichte einer Passion. Von Finken, die in abgedunkelten Käfigen leben, weil das ihren Gesang verfeinert und von ihren Besitzern, die sie hüten und ihre Gesänge verehren. Hingerissen und in sich gekehrt blicken eher grobe Kerle in eine nur ihnen sichtbare Ferne. Lauschen den Melodien ihrer Vögel. Es sieht nicht so aus, als ob viel gesprochen wird. Frieden und innere Einkehr vermitteln die Bilder und die Gesichter der Protagonisten.
In behutsamen, fast poetischen Bildern beschreiben Cemre Yesil & Maria Sturm diese Liebe. Können Bilder Töne vermitteln? Kann Fotografie Geräusche visualisieren? Beim Betrachten des Buches vermeine ich jedenfalls, das Gezwitscher der kleinen Finken zu hören.
Nur die heimlichen Stars bleiben unsichtbar. Man kann sie nur erahnen. Macht aber nichts.

Michael Klein

Michael Klein leitet die Buchhandlung im Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg.

For Birds’ Sake. © Cemre Yeşil & Maria Sturm
For Birds’ Sake. © Cemre Yeşil & Maria Sturm

Cemre Yesil & Maria Sturm – For Birds´Sake
La Fabrica, Madrid, 2016, Hc. in a cloth-zip cover, 102 pages, 56 Color Images, 16.2 x 22.5cm, Edition of 1,000 copies, 44,00 €

Frisch ausgepackt #1: Moises Saman – Discordia

Doppelseite aus dem Buch Discordia von Moises Saman

Fast 10 Jahre ist es her, dass Moises Saman sein letztes Buch veröffentlichte. Wie schon der Vorgänger „Afghanistan“ versammelt auch seine neue, diesmal im Eigenverlag erschienene Publikation „Discordia“ Fotografien , die über einen längeren Zeitraum hinweg in einer weltpolitisch markanten Region entstanden sind. Zwischen 2011 und 2014 war der Magnum Fotograf für internationale Zeitungen und Magazine im Nahen Osten und in Nordafrika unterwegs, um über den arabischen Frühling zu berichten.
„Discordia“ zeigt nun Moises Samans fotografisches Resümee aus diesen Jahren der Hoffnungen, Umwälzungen und Konflikte. Der sorgfältig produzierte und gestaltete Band versammelt die sehr persönliche fotografische Essenz aus diesen Jahren. Mit Bildern abseits gängiger Perspektiven und seiner emphatischen Sicht auf den tragischen Alltag der Menschen in dieser Region ist Moises Saman ein differenzierter Beitrag zu einem Medien beherrschenden Themenkomplex gelungen.

Michael Klein

Michael Klein leitet die Buchhandlung im Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg.

Doppelseite aus dem Buch Discordia von Moises Saman

Moises Saman – Discordia. Text v. Moises Saman. Selfpublished 2016. With 127 photographs in color and bw / 4 collages / 1 composite, o. Pag., ca. 55,00 €

Erik Hinz »Twenty-one years in one second«

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Eintauchen möchte ich in die sprudelnde Bilderwelt von Erik Hinz. Darüber singen, was mir so sehr gefällt. Ich schließe und öffne mein Maul, doch mein Gesang, und sei er noch so laut, ist für euch nicht vernehmbar, denn ich bin nur ein stummer Fisch. Und so müsst ihr also selbst eintauchen in das, was Erik Hinz vor euch ausbreitet und entdecken, wovon ich euch nicht berichten kann.

Was für ein Vergnügen es wäre, ein Fisch zu sein und diese kleine Rezension nur aus Strichen und Kreisbögen entstehen zu lassen. Keine Wörter, keine Erklärungen. Das Fischmaul entlässt Kreisbögen, die vielleicht Zustimmung für das ausdrücken könnten, was im Buch präsentiert wird.Weiterlesen →

Stephan Vanfleteren »Charleroi«

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Auf dem grau-grisseligen Buchcover in tiefschwarzen Lettern: CHARLEROI. Und weiter: Il est clair que le gris est noir. Das Grau ist ein Schwarz. Schwarz sind die Aussichten. Schwarz wie der eingefärbte Buchschnitt. Auf der Rückseite des Buches: Mais Charleroi sera blanc, un jour. Das ist die Hoffnung. Eines Tages wird die Stadt das Schwarz verdrängen und neu erstrahlen.

Jetzt geht es der Stadt jedoch leidlich. Kohle- und Stahlindustrie erlebten in den letzten Jahrzehnten ihren bitteren Niedergang. Der letzte Hochofen ist geschlossen. In der Konsequenz bedeutet das hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut. Die drittgrößte Stadt Belgiens ist angezählt und muss alle Kraft aufwenden, um nicht ins Bodenlose zu stürzen.Weiterlesen →

Andreas Trogisch “Runway”

Andreas Trogisch. Runway. (Doppelseite)
Andreas Trogisch. Runway. (Doppelseite)

Es klingt ein wenig größenwahnsinnig. Ein Buch, das nichts weiter zeigt als eine riesige weiße Markierungslinie auf Asphalt, die Andreas Trogisch mit seiner Kamera minutiös „abgescannt“  und in zahlreichen Bildern schließlich zusammenmontiert hat. Genauer gesagt: der 12. Streifen der Start- und Landebahn 09R/L27 des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Der Streifen ist 90 cm breit und 30 m lang. Im Buch beträgt seine Länge im verkleinerten Maßstab immer noch 13,20 m. Größenwahn?  Wenn ein derartiges Projekt von dem Fotografen Andreas Trogisch kommt, der wunderbare Vorgänger-Bücher gemacht hat und ganz sicher nicht an einer ausgeprägten Hybris leidet, kann man allerdings Besonderes erwarten.

 

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Luis Weinstein “Esto ha sido”

Doppelseite aus dem Buch: Luis Weinstein. Esto ha sido.
Doppelseite aus dem Buch: Luis Weinstein. Esto ha sido.

JUNTA MILITAR TOMO EL CONTROL.  Es ist der 11. September 1973, als das Militär in Chile, unterstützt von den USA, putscht. Salvador Allende, der amtierende Präsident, nimmt sich das Leben, als die Luftwaffe beginnt, den Präsidentenpalast anzugreifen. Ein erstes Bild in „Esto ha sido“ zeigt den Titel einer Zeitung, auf dem der Regierungssitz zu sehen ist, der in Rauch eingehüllt ist. Darüber die oben zitierte Schlagzeile. Die demokratisch gewählte sozialistische Regierung wird gestürzt. Das Militär übernimmt die Kontrolle. 17 lange Jahre wird die Diktatur unter Pinochet andauern. Erstmals 1988 kommt es zu einer Volksabstimmung darüber, ob Pinochet der einzige Kandidat bei der Präsidentschaftswahl sein soll. Eine Mehrheit spricht sich dagegen aus, was den allmählichen Überganz zu einer Demokratie einleitet. Unter der Herrschaft von Pinochet werden Zehntausende gefoltert, Tausende ermordet und –besonders unheimlich- eine nicht genau zu benennende Zahl politischer Gegner verschwindet einfach, die sogenannten Desaparecidos.

 

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Henrik Malmström “A Minor Wrong Doing”, “Life Is One Live It Well”

Henrik Malmström, "A Minor Wrong Doing"
Henrik Malmström, “A Minor Wrong Doing”

Schwarzes Cover, schwarzer Buchblock. Schlägt man das Buch „A Minor Wrong Doing“ auf, ist es, als habe jemand im selben Moment das Licht ausgeknipst. Düsternis, in die wir mit jedem Umblättern einer Seite tiefer hineingezogen werden. So gibt es nichts Eindeutiges, nur Vermutung. Manchmal meint man das Aufleuchten eines Mobiltelefons zu erkennen, das Strahlen eines Autoscheinwerfers, das Glimmen einer Zigarette. Schnell vorüberhuschende Schatten, aber auch ein Innehalten, ein Verharren auf dem Bordstein. Das verraten uns die schemenhaften Körperhaltungen der Figuren. Nur worauf wartet man auf der Straße? Darauf, dass irgendwas passiert? Auf Gesellschaft? In der Dunkelheit der Nacht? Und wer wartet da überhaupt?

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Anne Morgenstern “Land ohne Mitte”

Anne Morgenstern, aus "Land ohne Mitte"
Anne Morgenstern, aus “Land ohne Mitte”

Oberarm-Tätowierung  mit dem Motiv „Wehrmachtsoldat“, rasierte Schädel, das Logo einer Nazirockband auf dem T-Shirt, muskelbepacktes Security-Personal, Springerstiefel, deren Schnürsenkel die politische Gesinnung ihres Trägers verraten. Deutschlandfahne. Riesige, triste Plattenbaukomplexe, Industrieanlagen und Kraftwerke, deren Schlote  den Himmel grau färben oder umgekehrt das Rauchen eingestellt haben. Verödete Innenräume und ein „Einheit“ – Schriftzug aus Metall, der längst erodiert. Rückbau- und Umnutzungsmaßnahmen in den Industrielandschaften. Tagebau wird geflutet. Irgendwann soll eine perfekte Urlaubsregion entstehen. Für diejenigen, die geblieben sind, ist der schönste Platz an der Theke,  vor dem blinkenden Glücksspielautomaten oder innerhalb der verschworenen Gemeinschaft der Muckibude. Weiterlesen →

Fanpost 11: Joachim Schumacher. Von dieser Welt.

Joachim Schuhmacher. Herne-Wanne, Hüttenstraße (2005)
Joachim Schuhmacher. Herne-Wanne, Hüttenstraße (2005)

Endlich wieder eine neue Fanpost im Blog – heute von Markus Weckesser, der als ständiger PHOTONEWS-Autor natürlich nicht mehr vorgestellt werden muss. Markus Weckesser beschäftigt sich hier mit Joachim Schumacher, der seit Jahrzehnten die Veränderungen des Ruhrgebiets dokumentiert. Seiner exzellenten Publikation “Das Gebiet” lässt dieser jetzt innerhalb kurzer Zeit ein zweites Buch folgen, das hier ausschließlich Farbaufnahmen präsen- tiert. Markus Weckesser über “Von dieser Welt”.

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Luke Stephenson’s 99x99s.

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Luke Stephenson. Seaford.

Im letzten Sommer beschloss der Engländer Luke Stephenson, mit einem Bedford Camper Van, den er auf Ebay ersteigert hatte, die britische Küste von Southampton bis nach Edinburgh zu fahren, von dort nach Glasgow, um umgekehrt die Küste wieder in Richtung Süden zu bereisen. Sein Road-Trip lässt sich in nüchternen Zahlen zusammenfassen: 25 Tage, 99 Orte, 5632 km und… 24000 Kalorien.

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